Dicke Hose

Porträt Kim Schmitz hat im Internet Millionen gemacht und steht auf der Fahndungsliste des FBI. Von Neuseeland aus will er nun die ganze Welt retten
Carole Cadwalladr | Ausgabe 35/2014 4

Kein Whirlpool weit und breit. Keine Megajachten. Keine Models in Bikinis. Meine erste Begegnung mit Kim Dotcom ist verwirrend, was nicht nur an der Abwesenheit von Luxusgütern und halbnackten Damen liegt. Bevor ich gesehen habe, wie er in Christchurch, der größten Stadt auf Neuseelands Südinsel, die Bühne als politischer Redner betrat, stammte mein Bild von ihm aus dem Internet: Ich sah, wie er in schnellen Schlitten posierte, mit Waffen hantierte und in seinem Haus vor den Toren Aucklands, der Dotcom Mansion, Neuseelands teuerstem Privatanwesen, rauschende Feste feierte. Ein fast zwei Meter messender, korpulenter deutsch-finnischer Multimillionär, Internetmogul und Playboy, der sich nie darum kümmerte, dass andere solches Zurschaustellen von Reichtum obszön fanden.

In Fleisch und Blut erscheint Kim Schmitz, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, fast wie ein Austauschstudent. Er ist 40, trägt Schwarz und hat immer noch mehr von einem jugendlichen Computerfreak als von einem Cyber-Banditen, dem das FBI im Nacken sitzt. Aber so ist es: Die US-Regierung wirft ihm als Gründer der Speicherplattform Megaupload Piraterie vor. Bislang bemühen sich die USA vergeblich um Schmitz‘ Auslieferung aus seiner Wahlheimat Neuseeland. Müsste er sich vor einem Gericht in den USA verantworten, würden ihm bis zu 88 Jahre Haft drohen. Für andere spielt er indes mit Assange und Snowden in einer Liga: Sie sehen in ihm einen Freiheitskämpfer des Web.

Ich begegne Schmitz in der Cardboard Cathedral von Christchurch – bei einer Wahlkampfveranstaltung. Drei Ausflüge ins Gefängnis hat ihm seine außergewöhnliche Karriere schon eingebracht. Nun legt er einen neuerlichen Kurswechsel hin: Er hat seine eigene Partei gegründet, die Internet Party, die er als Urzelle einer globalen politischen Jugendbewegung sieht. Ja, er will der derzeitigen neuseeländischen Regierung des konservativen Premierministers John Key den Rang ablaufen. Für den 15. September, fünf Tage vor den Parlamentswahlen, haben Schmitz und Glenn Greenwald eine Pressekonferenz angekündigt, bei der sie neue Enthüllungen zu den Spionageprogrammen der neuseeländischen und der US-Regierung preisgeben wollen.

Als Ausländer mit Aufenthaltsgenehmigung, aber ohne neuseeländische Staatsbürgerschaft darf Schmitz nicht selbst kandidieren. Aber er bezahlt seine Kandidaten und hat dafür umgerechnet mehr als drei Millionen Euro investiert, mehr als jede andere neuseeländische Partei in die Wahl steckt. Es scheint zu funktionieren: Glaubt man jüngsten Umfragen, dürfte seine Internet Party gemeinsam mit der befreundetetn Maori-Partei Mana bis zu fünf Sitze im Parlament holen.

David Fisher, Journalist und Autor der Biografie The Secret Life of Kim Dotcom, vertraut mir an, er habe es nicht ernst genommen, als Schmitz ihm im vergangenen November zum ersten Mal von seinen Politikplänen erzählte. „Sie wissen schon – er sitzt da in seiner vergoldeten Villa und hat eine Idee nach der anderen ...“ Allerdings: Jede Chance gnadenlos zu ergreifen – das ist das Prinzip von Schmitz. Als Unternehmer hat er die Grenzen des Internets stets aufs Äußerste ausgereizt, sowohl in technischer als auch in rechtlicher Hinsicht.

Als Sohn eines deutschen Vaters und einer finnischen Mutter wuchs er in schwierigen Verhältnissen in München auf. Sein Vater war Alkoholiker, schlug und misshandelte die Familie. Bis heute, sagt Schmitz, könne er nicht mitansehen, wenn ein Mann sich gegenüber einer Frau gewalttätig verhalte. „Ich habe noch nie einen Tropfen Alkohol angerührt. Ich will gar nicht wissen, ob so etwas auch in mir steckt.“

Sein Ventil für den Frust war die Welt der Computer. Mit einem Commodore 16 fing alles an. Beim Hacken habe ihn vor allem seine Neugier angetrieben, berichtet er der Menschenmenge in Christchurch. Er hackte sich etwa in die Webseite der NASA ein, weil er „herausfinden wollte, ob es dort Beweise für die Existenz von Außerirdischen gibt“. Er wurde gefasst, verurteilt und inhaftiert. Der Richter riet ihm, seine Fähigkeiten zu besseren Zwecken zu nutzen. Und das tat er. „Ich habe einen Geschäftsplan erstellt, von der deutschen Regierung ein zinsloses Darlehen in Höhe von 750.000 Euro erhalten und eine Firma für Datensicherheit gegründet.“

Innerhalb von zwei Jahren, sagt er, habe er das Darlehen zurückgezahlt. Solche Möglichkeiten wolle er nun den Neuseeländern eröffnen. Vor allem gehe es darum, die Wirtschaft aus ihrer Abhängigkeit vom Agrarsektor befreien. Seine Internet Party wolle das Land vollständig vernetzen, überall werde es WLAN geben. Das ist besonders attraktiv für einen Staat, in dessen ländlichen Gegenden der Mobilfunkempfang noch unzuverlässig ist. Derzeit wird der neuseeländische Internetverkehr über ein einziges Tiefseekabel abgewickelt, das über die USA läuft. Außerdem werde er die Studiengebühren abschaffen, verspricht Schmitz seinen Zuhörern. Im Moment „gehen die talentierten Absolventen ins Ausland – und kommen nicht zurück“, sagt er.

2005 hat er seinen Nachnamen in „Dotcom“ geändert, und das berühmt-berüchtigte Megaupload war sein mit Abstand erfolgreichstes Projekt. Zu Spitzenzeiten lag das Portal auf dem 15. Platz der meistbesuchten Webseiten und wurde täglich von mehr als 50 Millionen Menschen weltweit genutzt. Es handelte sich um ein Cloud-Storage-System, das den Nutzern ermöglichte, Inhalte auszutauschen. Schmitz machte damit einen persönlichen Gewinn von über 3o Millionen Euro jährlich. Der rechtlich strittige Punkt lag von Anfang an in den gespeicherten Inhalten.

Wahlkampf mit Greenwald

2008, Schmitz wohnte in Hongkong, fuhr er mit seiner Frau Mona zum Urlaub nach Neuseeland. Den beiden gefiel es so gut, dass sie dort ein Haus kauften. Trotz seiner Verurteilungen wegen Hackeraktivitäten und Insiderhandels bekam er seine Aufenthaltsgenehmigung. In seiner Villa führte er seine Geschäfte überwiegend nachts, aus seinem extra für ihn angefertigten 100.000-Dollar-Bett.

Dann wurde alles anders: Die neuseeländischen Behörden veranstalteten die größte Razzia, die es bis dato dem Land gab. 77 Polizisten und zwei Hubschrauber fielen im Morgengrauen über die Dotcom Mansion her. Schmitz und drei Mitbegründer von Megaupload wurden verhaftet, drei weitere wurden im Ausland festgenommen. Das alles geschah auf Ersuchen des FBI – und diese Tatsache erschütterte das Land. Neuseeländer reagieren von jeher empfindlich auf Einmischungen seitens der USA.

Viele Neuseeländer hörten damals zum ersten Mal von „Kim Dotcom“. Nachdem er auf Kaution freigekommen war und im TV zu den Vorwürfen Stellung nahm, schwappte ihm eine Woge der Unterstützung entgegen. „Ich habe erklärt, wozu meine Webseite diente. Im Prinzip war es ein Festplattenlaufwerk, das mit dem Internet verbunden ist. Man hat mir nicht vorgeworfen, ich hätte Menschen verletzt. Man wirft mir nur vor, dass Leute eine Webseite, die ich erschaffen habe, benutzt haben, um Filme hochzuladen.“ Und er fragt seine Zuhörer: „Rechtfertigt das die Gewalt, mit der man meine Familie terrorisiert hat?“

Tatsächlich besteht kein Zweifel, dass über Schmitz‘ Plattform Raubkopien von Filmen und Musik ausgetauscht wurden. Aber das passiert auch auf vielen anderen Webseiten. Die Bestimmungen des 1998 in den USA erlassenen Digital Millennium Copyright Act schützen Webseiten wie Facebook oder Youtube vor strafrechtlicher Verfolgung, falls sie illegale Inhalte hosten – solange sie sich an bestimmte Maßgaben halten. Die Rechtsgrenze ist dabei hauchdünn. Megaupload wurde in neun Ländern abgeschaltet, ein großer Teil von Schmitz‘ Vermögen beschlagnahmt, 220 seiner Angestellten verloren ihre Arbeit. Urheberrechtsstreitfälle gehören eigentlich in den Bereich des Zivilrechts, doch Schmitz wurde – ein Novum in einem Rechtsstreit der US-Regierung gegen einen Webseitenbetreiber – wegen Geldwäsche und krimineller Geschäfte angeklagt. Beides strafrechtliche Delikte. Auslieferungsfähige Delikte.

Alles auf Mona

Während Schmitz durch mehrere Instanzen gegen den Auslieferungsbefehl kämpfte, kamen Details ans Licht, die ihm nutzten. So war die Razzia auf einen rechtswidrigen Gerichtsbeschluss hin veranlasst worden. Was „Kim Dotcoms“ Fall aber vor allem interessant macht, ist, dass er die heikelsten Punkte im Kampf um das Internet berührt: Wer kontrolliert das Netz, wem gehört es, wie verhalten sich Bürger und Firmeninteressen zueinander?

Zwei Tage nach Schmitz‘ Wahlkampfrede reise ich nach Queenstown, an einen beliebten Wintersportort. Hier treffe ich den Mann in seiner Hotelsuite. Niedergeschlagen, erschöpft, fiebrig sitzt er da. Seit fünf Wochen reist er mit seinen politischen Botschaften durchs Land, und es ist fast unmöglich, den ernsthaften, leicht mürrischen Menschen vor mir mit dem pompösen Playboy in Verbindung zu bringen. „Fühlt es sich merkwürdig an“, will ich wissen, „wie sich Ihr Leben in den letzten paar Jahren verändert hat?“ Er seufzt. „Ich habe in einer Spaßblase gelebt und hatte Scheuklappen auf. Aber: Wenn es einen einmal selber trifft, versteht man’s. Ich bin radikal geworden. Den Leuten, die Amerika hassen, stehe ich jetzt anders gegenüber. Ich sehe es jetzt mehr aus ihrer Perspektive.“

Mit seinen Anwälten fand er heraus, dass seine persönlichen E-Mails, Telefonanrufe, SMS, Skype-Gespräche über Jahre von dem Five-Eyes-Systems erfasst wurden. Five-Eyes ist das Geheimdienstbündnis zwischen Australien, Kanada, Neuseeland, Großbritannien und den USA, das Edward Snowden als „überstaatliche Geheimdienstorganisation, die die Gesetze ihrer eigenen Mitgliedsländer missachtet“ bezeichnete. „Sie haben alles runtergeladen, jede Chat-Nachricht“, sagt Schmitz. Mit diesem Material sei die Anklage gegen ihn konstruiert worden. „Und nachdem sie das Ausspionieren zugegeben hatten, sagten sie, das Material sei ,verjährt‘, sprich: Sie hätten es vernichtet.“

Ist er redlich? Unschuldig? Der Beweis dafür steht noch aus. Unstrittig ist, zumindest für Schmitz selbst, Folgendes: „Ich werde die Aufmerksamkeit der Welt darauf lenken, was Massenüberwachung für eine Einzelperson bedeutet. Ich bin so nah dran wie niemand sonst.“ Er habe ein Anrecht auf die von ihm gestohlenen Daten. „Die haben da auf einer Schatzkiste mit Beweisen gehockt, die mir bei meinem Fall hätten helfen können. Damit das bloß niemals passiert, haben sie diese Beweise einfach vernichtet.“

Sein Vermögen ist bis auf Weiteres eingefroren. Unterdessen hat Schmitz aber Mega an den Start gebracht, eine neue Cloud-Storage-Plattform mit Verschlüsselung, deren Wert auf bis zu 600 Millionen Euro geschätzt wird. Sein Biograf, der Journalist David Fisher, sagt, dass Schmitz sein Geld meist „ebenso schnell wieder ausgab, wie er es verdiente“. Die Belege von einer Europareise aus dem Jahr 2011 zeigten dies: Schmitz habe nicht nur zwölf Autos und 18 Angestellte mitgenommen, sondern auch seine Wohnzimmereinrichtung.

Vor einigen Wochen verließ ihn seine Frau Mona, die Mutter von vier seiner fünf Kinder. Das sei „die Sache, die ich am meisten bereue“, sagt Schmitz. Sein neues Projekt Mega wirft Geld ab – aber er hat keine Anteile daran, alles läuft auf Monas Namen. Doch Schmitz gibt sich kämpferisch zuversichtlich: „Mit meinem Verstand und dem Internet werde ich immer Geld verdienen.“ So klang er schon immer. Nur dass er diesmal den Bogen noch weiter spannt: „Die Internetgeneration wird das Ruder übernehmen, und die Regierungen weltweit sollten sich warm anziehen. Man wird sie abwählen. Und der Anfang wird in Neuseeland gemacht.“ Das Beunruhigende: In der Post-Snowden-Ära haben sich schon weit seltsamere Dinge bewahrheitet.

Legal, illegal, halb legal: „Dotcoms“ Geschäftsfeld

Der Teufel steckt im Detail: Ob via Stream, Torrent oder Download – wer sich im Internet kostenlos Kinofilme und Serien ansieht, bewegt sich in einer Grauzone, die dichter nicht sein könnte. Ob der Konsum von urheber-rechtlich geschütztem Material illegal ist, hängt von der Art des Konsums ab. 

Wer Filme downloadet, macht sich strafbar. Denn beim Download wird der Film in voller Länge auf der Festplatte gespeichert und kann später erneut, auch ohne Internetverbindung, angeschaut werden. 

Das Streaming unterscheidet sich in zwei wichtigen Punkten vom Download: Hier wird der Film online über einen Player angesehen, es werden nur einzelne Videoausschnitte in den temporären Speicher des Computers geladen. Erstens sind die Daten so nicht eigenständig nutzbar, und anhand der Ausschnitte kann im Normalfall keine Kopie erstellt werden. Zweitens sind die Dateien nicht dauerhaft gespeichert. Streaming könnte daher als eine legale „vorübergehende Vervielfältigung“ angesehen werden. So argumentierte zuletzt jedenfalls in einem Rechtsstreit das Bundesministerium für Verbraucherschutz. 

Wer Streaming-Angebote nutzt, muss also vorerst keine Angst vor Strafverfolgung haben. Einwandfrei legal ist es allerdings dennoch nicht. SIS

Carole Cadwalladr schreibt für den Observer.

06:00 10.09.2014
Geschrieben von

Carole Cadwalladr | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

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