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Schnappschüsse Als Wim Wenders seine ersten Filme drehte, schoss er nebenbei zigtausend Polaroids

Mehr als 12.000 Polaroid-Bilder hat der Filmregisseur Wim Wenders zwischen 1973 und 1983 aufgenommen. Nur 3.500 davon sind erhalten. Viele hat er verschenkt: „Wenn die Person, die man gerade abgelichtet hat, vor einem steht, hat man das Gefühl, sie hätte ein größeres Anrecht darauf“, erklärt der Filmemacher. „Die Sofortbilder halfen mir dabei, die Filme zu machen, aber sie waren nicht das eigentliche Ziel. Sie konnten verworfen werden.“

Vier Jahrzehnte später hat die Londoner Photographers’ Gallery eine Ausstellung mit Wenders’ frühen Polaroid-Bildern zusammengestellt, in deren Vorfeld er in einem Büro seines Studiokomplexes in Berlin-Prenzlauer Berg Auskunft gibt. Bei seiner Ankunft trägt Wenders einen Fahrradhelm, er ist mir dem Elektrorad von seinem nahe gelegenen Zuhause gekommen.

Die Fotos entstammen jener produktiven Schaffensphase in den 1970ern, in der Filmklassiker entstanden wie Die Angst des Tormanns beim Elfmeter, Alice in den Städten und Der amerikanische Freund. Seit Anfang Juli sind sie nun bei c/o Berlin zu sehen, wo die Ausstellung von Felix Hoffmann und Anna Duque y González kuratiert wurde.

Viele halten Augenblicke während der Entstehung dieser Filme fest, andere erinnern an die Orte, durch die Wenders reiste: Großstädte, Kleinstädte, Wüsten, Autobahnen und Hotels. Den Filmemacher überraschten sie selbst: „Ich hatte viele Motive vergessen. Mir wurde klar, dass ich wie ein Besessener fotografiert habe.“

Zusammengenommen ergeben sie das impressionistische Tagebuch einer Zeit, als „es keine Traurigkeit gab, keine Wut. Da war nichts als reine Unschuld, nicht nur meine eigene, sondern auch bei allen um mich herum. Die Filme entstanden von heute auf morgen, ohne großen Denkprozess, aus dem Bauch heraus – und genauso entstanden auch die Sofortbilder.“

Seine erste Kamera erhielt Wim Wenders als Kind in Düsseldorf von seinem Vater, einem Arzt. „Er hat sein Leben lang fotografiert, aber hat sich nie als Fotograf gesehen. Von ihm habe ich die Begeisterung dafür. Ich musste etwas über Belichtung, Scharfstellen, die ganze Technik lernen. Aber sosehr ich das liebte – ich habe mich nie als Fotograf gesehen. Das war auch später bei den Polaroids nicht anders.“

Als die Londoner Photographers’ Gallery die Fotos anfragte, zögerte er lange: „Die einzige Rechtfertigung dafür, sie in einer Galerie zu zeigen, ist ihr dokumentarischer Wert. Sie sind eine gute Erinnerung daran, wie die Dinge damals waren und was wir verloren haben.“ Im Kontext einer Ausstellung entwickeln die Bilder eine komplexe Präsenz. Häufig zerknittert und mit leicht verblichenen Farben rufen sie eine längst vergangene Zeit wach und verleihen ihr eine geheimnisvolle, romantische Aura.

Annie Leibovitz am Steuer

Verwackelte oder schlecht komponierte Bilder – das gehörte zum Charme der unhandlichen, schwer scharf zu stellenden Polaroid-Kamera. Durch eine Ausstellung werden sie von Schnellschüssen zu Kunst erhöht. Dass das ein gewisses Unbehagen auslöst, ist Wenders bewusst. „Von Bedeutung sind nicht die Bilder selbst, sondern die Geschichten dahinter. Darum bekam die Ausstellung in London auch den Titel Instant Stories.“

Und so beschreibt Wenders etwa die Zufallsbegegnung mit „einer hochgewachsenen jungen Frau“, die sich in einer Bar im legendären New Yorker Nachtclub CBGB neben ihn setzte und ihm ihre Nummer für den Fall gab, dass er einmal alleine in San Francisco sein sollte. Eine Woche später begann dort die Freundschaft mit Annie Leibovitz, die damals gerade Cheffotografin des Rolling Stone geworden war. Leibovitz nahm ihn auf eine Spritztour mit. „Ich schoss einige Fotos während der Fahrt und Annie ebenfalls“, erzählt Wenders. Seine Aufnahmen von ihr hinterm Lenkrad finden sich in der Ausstellung.

Auch erinnert wird an den Moment, als Wenders auf einem Freeway in L.A. von John Lennons Tod hörte. „Ich lenkte an den Rand und ließ den Verkehr an mir vorbeiziehen und die Nachricht langsam sickern. Ich saß da und weinte, bis keine Tränen mehr übrig waren.“ Spontan nahm er den Nachtflug nach New York, wo er Teil einer Menge von Tausenden Menschen wurde, die Lennons still gedachten: „Es war ein Akt gemeinschaftlichen Traumas. Wir alle hatten etwas Wesentliches verloren, von dem wir nicht gedacht hatten, das es so bald zu Ende sein würde. Für mich war das meine Kindheit, meine Jugend.“

Anders als Wim Wenders’ spätere Fotografie, die sich auf Landschaften und Gebäude konzentriert, zeigt Sofort Bilder auch einige Porträts: den holländischen Kameramann Robby Müller, der mit Wenders unter anderem die Filme Alice in den Städten und Die Angst des Tormanns beim Elfmeter drehte, die Schauspielerin Senta Berger oder den verstorbenen Schauspieler Dennis Hopper, der in Der amerikanische Freund mitspielte.

Fotografie ist für Wenders inzwischen ein Relikt vergangener Zeiten. „Heute geht es darum, etwas zu zeigen, zu senden und vielleicht sich zu erinnern. Es geht nicht mehr um das Bild an sich. Das Bild war für mich immer mit der Idee von der Einzigartigkeit verknüpft, mit einem Rahmen und einer Komposition. Man hielt einen einzigartigen Moment fest. Es hatte etwas Heiliges. Diese ganze Vorstellung ist weg.“ Seine Polaroid-Kamera hat er der Sängerin Patti Smith geschenkt, mit der er befreundet ist: „Ihre war kaputt. Ich hätte meine sowieso nie wieder benutzt.“

So ist Sofort Bilder auch ein Abgesang auf das Polaroid-Bild an sich und alles, wofür es stand: „Damals war es Teil des Alltags, eins der täglichen Gebrauchsgüter – wie Essen und Luft und die stinkenden Autos, die wir fuhren, und die Zigaretten, die alle rauchten. Heute ist ein Sofortbild zu machen nur ein bestimmtes Verfahren.“ Wenders wirkte müde, als er sagte: „Ich weiß nicht, warum wir an dem Wort Fotografie noch festhalten. Es sollte einen anderen Begriff dafür geben, aber keiner hat sich bisher darum gekümmert.“

Info

Wim Wenders. Sofort Bilder c/o Berlin, bis 23. September

Sean O’Hagan schreibt für den Guardian und den Observer über Fotografie

Übersetzung: Carola Torti

06:00 18.08.2018
Geschrieben von

Sean O’Hagan | The Guardian

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