Wolkenklänge sind im Kommen

Musik-Downloads Alles da, immer: Wer überall ins Internet kommt, muss keine Musikdateien mehr herunterladen. Für Musikpiraten ist das ein Problem, für die Industrie eine Hoffnung

Ist der Download tot? Bei Apple zumindest scheint man diese Meinung nicht zu teilen. Das Unternehmen hat erst Anfang diesen Monats angekündigt, die I-Tunes-Musik werde künftig ohne Kopierschutz verkauft. Dieser Schritt war nicht nur längst überfällig, implizit macht er auch deutlich, dass man bei Apple davon ausgeht, dass Musikliebhaber weiter Songs kaufen werden, um diese zu "besitzen" – auch wenn eigentlich alles, was sie "erwerben", unsichtbare Variationen in der Magnetoresistenz ihrer Festplatten sind.

Dabei scheint es heutzutage gar nicht mehr notwendig zu sein, Musik herunterzuladen und auf dem eigenen Computer zu speichern. In Zeiten, in denen fast an jedem Ort Zugang zum Netz gegeben ist, rückt auch die Möglichkeit in greifbare Nähe, jedes kommerziell verfügbare Musikstück mit einem Klick zur Verfügung gestellt zu bekommen - sofort abspielbar auf Musikplayern, Mobiltelefonen und Wi-Fi-Home-Entertainment-Systemen. Wird es also bald ebenso archaisch anmuten, digitale Musik auf einen I-Pod zu laden, wie es uns heute antiquiert vorkommt, die Top 40 auf Kassette mitzuschneiden?

"Das Modell Bezahl-Download konnte den Erwartungen nicht gerecht werden," diagnostiziert Mark Mulligan, ein Analyst der Musikindustrie und Vize-Präsident der Firma Forrester Research. "Die Musikindustrie brauchte einen Format-Wiederbeschaffungszyklus, so wie damals, als die CD die Kassette ersetzte. Dadurch sollten zwei Dinge erreicht werden: ein Ausgleich für die sinkenden CD-Verkäufe und die Bekämpfung der Piraterie. Bei Beidem hat der Download versagt."

In Großbritannien - Europas größtem Markt für digitale Downloads - machen Downloads nur 13 Prozent aller Musikverkäufe aus, die CD bleibt das vorherrschende Format. Mulligans Untersuchungen haben außerdem ergeben, dass nur neun Prozent der Internet-User im Vereinigten Königreich für Musik-Downloads Geld ausgeben, während 42 Prozent CDs oder Musik-DVDs kaufen. Die Zahlen der Musikindustrie sagen ähnliches und zeigen außerdem, dass im Jahr 2008 für nur fünf Prozent der Musik-Downloads Geld geflossen ist.

Der Download scheint also ein ungeliebtes Kind zu sein. Unmut über schlechte Klangqualität aufgrund der Kompression des Sounds und über den Kopierschutz machen die Sache auch nicht gerade besser. Hinzu kommt, dass es nicht ganz billig ist, eine 500 GB-Festplatte mit heruntergeladener Musik zu füllen. Und nur wenige Musikliebhaber ziehen es wohl vor, durch das Menü ihres I-Pod zu browsen, statt die Finger durch ein Regal voller Vinyl-LPs gleiten zu lassen.

Auch der Erfolg des I-Pod hat den Download-Verkäufen bislang kaum auf die Sprünge helfen können: 83 Prozent der europäischen I-Pod-Besitzer geben an, nicht regelmäßig digitale Musik zu kaufen. Sie füttern ihre Geräte scheinbar lieber mit gerippten CDs - oder eben illegalen Downloads.

Hingegen hören 24 Prozent der Internetnutzer in Großbritannien so genannte Musik-Streams. Das sind beispielsweise Lieder, die man per Klick bei MySpace anhören kann - oder, wie immer öfter der Fall, über personalisierte Playlists bei Online-Radiosendern wie Last.fm. "Diese cloud-basierte Musik wird die Downloads höchstwahrscheinlich zu einem gewissen Grad ersetzen", glaubt Eliot Van Buskirk. Er schreibt auf dem Blog Wired über technologische Entwicklungen. "Jüngere Leute gehen ohnehin schon direkt zu Anbietern wie YouTube oder MySpace, wenn sie Musik hören wollen. Und über Geräte wie den I-Pod hat man schon jetzt Zugang zu Tausenden von Diensten wie Pandora, Last.fm oder imeem, die man an die eigenen Bedürfnisse anpassen kann."

Der Trend geht zu Zugang statt Besitz

Bezeichnenderweise bieten Streaming-Dienste sofortigen Zugriff auf Musik, ohne dass diese heruntergeladen oder gekauft werden müsste. "Ganz eindeutig ist ein Trend zu Zugang statt Besitz erkennbar," sagt Christian Ward von Last.fm. Der Musik-Streaming-Anbieter hat seinen Sitz in London, gehört aber dem amerikanischen Medienkonzern CBS an und hat 25 Millionen Nutzer. "Seit unserer Gründung arbeiten wir daran, jedes Musikstück, das je geschaffen wurde, von überall zugänglich zu machen. Unsere I-Phone-Applikation, sowie Partnerschaften, die wir mit Hardware-Zubehör-Firmen und Mobilfunkunternehmen eingegangen sind, helfen uns, diesem Ziel näher zu kommen. So hat man unterwegs Zugang zu einer unbegrenzten Zahl von Stücken, statt nur zu einer eingeschränkten Zahl von Dateien auf dem eigenen I-Pod. Der ist im Vergleich nur noch ein hochgejubelter Walkman."

Die Entwicklung des Social Networking trägt viel zur Anziehungskraft der Streaming-Services bei. Last.fm gründet auf einem System, über das Internetnutzer sich gegenseitig Musik empfehlen können. Imeem ist eine Social Networking-Seite, bei der sich alles um Musik dreht. Pandora generiert Playlists auf Grundlage von Merkmalen, die Musikstücken zugewiesen und in einer Datenbank gespeichert werden. Ein anderes Start Up, das web-basierte Musikstreams anbietet, ist Spotify. Hier können die User gemeinsam Playlists erstellen. Darüber hinaus hat Spotif eine riesige Palette von Stücken im Programm: U2s neueste Single findet man hier wahrscheinlich schon bevor sie in den digitalen Shops zu kaufen ist. Ward erklärt sich den Vormarsch der sozialen Musik-Netzwerke so: "Es macht keinen Sinn jedes Musikstück zur Verfügung stehen zu haben, wenn man sich nicht zurechtfinden und dem Erlebnis eine persönliche Bedeutung abgewinnen kann."

Auf der anderen Seite jedoch haben auch Streaming-Dienste ihre Kosten. Napster zum Beispiel will noch dieses Jahr eine neue Internetversion online stellen, die unbegrenztes Streaming auf jedem Computer möglich macht. Für den Dienst wird man sich aber anmelden und eine monatliche Gebühr entrichten müssen. Spotify – welches sich momentan noch im Betastadium befindet – veranschlagt ebenfalls eine monatliche Gebühr (auch wenn es eine anzeigenfinanzierte Version gibt). Anderer Anbieter wie Last.fm, imeem, Pandora, Seeqpod oder Blip.fm sind ebenfalls anzeigenfinanziert und kosten den Endnutzer keinen Cent.

Mulligan glaubt, die Zukunft gehöre den anzeigenfinanzierten Diensten, bei denen Internet- und Mobilfunkanbieter den Zugang zu Musik zu Paketen bündeln. "Nimmt man die Sache mit der Bezahlung raus, gehen die Benutzerzahlen in die Höhe", stellt er fest. Der dänische Internet Service-Provider TDC hat seinem Abo-Paket Play unbegrenztes Gratis-Streaming und Downloads beigefügt. Kunden, die Nokias neues Angebot Comes with Music erwerben, erhalten mit dem Kauf eines bestimmten Mobiltelefons auch die Möglichkeit unbegrenzt Musik zu streamen und runterzuladen. Comes with Musik ist bislang nur in Großbritannien erhältlich, soll jedoch bald auch in anderen europäischen Ländern angeboten werden.

Kein Unrechtsbewusstsein bei illegalen Downloads

Zentraler Aspekt dafür, dass auch kommerzielle Anbieter einsteigen, bleibt jedoch die Tatsache, dass Diebstahl der Boden entzogen wird, wenn Musik gratis zugänglich ist. Ohne Zweifel hat die Piraterie den Bezahl-Downloadmarkt ruiniert - auch Musikfans, denen es niemals einfallen würde, eine CD zu stehlen, scheinen kein Problem mit illegalen Downloads zu haben. Vielleicht weil Downloads unsichtbar sind und ihnen deshalb kaum ein handfester materieller Wert beigemessen wird.

"Wenn die Musikfans sich wirklich voll und ganz auf Streams statt Downloads einlassen würden, wäre das ein herber Schlag für die Piraten," erklärt Ward. "Wenn Musikliebhaber die Musik, die sie haben wollen, umsonst bekommen, dazu aus sicheren, legalen Quellen wie wir eine sind, gibt es durchaus Grund zur Annahme, dass sie weniger voneinander runterladen werden. In unserem anzeigenunterstützten Modell werden die Künstler und Inhaber der Rechte danach bezahlt, wie oft ein Lied angehört wurde."

Doch wie steht es um die Qualität? Die Beschränkungen der Bandbreite bringen immerhin mit sich, dass keiner der derzeitigen Anbieter Streams in CD-Qualität anbieten kann. Ward sieht hierin allerdings nicht wirklich ein Problem: "Wir haben es mit einer Generation von Musikfans zu tun, die mit dem I-Tunes-Standard von 128kbps aufgewachsen sind. Das ist auch die Qualität, mit dem die Last.fm-Streams senden."

"Ich denke die Forderung nach höherer Audioqualität wird kommen. Ich bin mir aber sicher, dass sie nicht schwerer wiegen wird, als die Nachfrage nach sofortigem Zugriff auf einen umfangreichen Musik-Katalog auch von unterwegs. Es könnte noch ein Weilchen dauern, bis Letzteres in CD-Qualität angeboten werden kann, besonders wenn es kabellos funktionieren soll. Möglich, dass die audiophilen Nutzer weiterhin downloaden werden, während die Masse der Musikhörer streamt - mit einer Bitrate, die ihren Ansprüchen entspricht."

Alles in allem könnten also technologische Einschränkungen einem vollkommenen Umschwung von Downloads zu Streams entgegenstehen. "Funknetze und mobile Netzwerke sind nicht gut genug", erläutert Mulligan. "Der Empfang wird von Gebäuden und der Entfernung zur Basisstation beeinflusst, weswegen man nie ein lückenloses Erlebnis haben wird. Streaming ist gut für den Hausgebrauch. Unterwegs aber wird es mit Downloads koexistieren müssen."

"Downloads werden nicht verschwinden, genauso wenig wie Vinyl verschwunden ist," glaubt auch van Buskirk. "Ich nehme aber an, dass innerhalb der nächsten zehn Jahre ein erheblicher Teil der Musikfans Streaming-Sendern-, Liedern-, und Playlists aus der Cloud lauschen wird."

Übersetzung: Zilla Hofman

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Ihre Freitag-Redaktion

09:00 23.01.2009
Geschrieben von

Paul Brown, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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