WTF?!

Edward Colston Die Statue eines Sklavenhändlers thronte 125 Jahre lang über Bristol, bevor sie im Hafen versenkt wurde. Hier wurde Geschichte nicht angegriffen – sie wurde geschrieben
WTF?!
Indem sich ein Demonstrant mit dem Knie auf die bronzene Kehle von Edward Colston stützte, erinnerte er uns an den Auslöser für diese außergewöhnlichen Ereignisse

Foto: Ben Birchall/Picture Alliance/Empics

Für Leute, die Bristol nicht kennen, bestand der wahre Schock, als sie hörten, dass in Bristol die Statue eines Sklavenhändlers aus dem 17. Jahrhundert von ihrem Sockel gestoßen und im Hafen versenkt wurde, darin, dass im 21. Jahrhundert überhaupt noch ein solches Denkmal im öffentlichen Raum der Stadt herumstehen konnte. Für viele, die das Ereignis in den Sozialen Medien mitverfolgten, war das der eigentliche WTF-Moment.

Der fragliche Edward Colston war Vorstandsmitglied und letztlich der stellvertretende Vorsitzende der Royal African Company und in diesen Funktionen daran beteiligt, den Transport von schätzungsweise 84.000 Afrikanern in die Sklaverei zu beaufsichtigen. 19.000 von ihnen starben, so wird vermutet, während der berüchtigten Mittleren Passage von der Küste Afrikas auf die Plantagen der neuen Welt in den Bäuchen der Sklavenschiffe der Kompanie. Die Leichen der Toten warf man ins Wasser, wo sie von den Haien verschlungen wurden, die im Laufe der Jahrhunderte des atlantischen Sklavenhandels lernten, Sklavenschiffe aufzuspüren und den blutigen Pfaden der Sklavenrouten über den Ozean zu folgen. Dies ist der Mann, der seit 125 Jahren von Bristol geehrt und buchstäblich auf einen Sockel im Herzen der Stadt gestellt wurde. Doch jetzt schläft Edward Colston bei den Fischen.

Die historische Analogie dieses Moments hat etwas Poetisches: Das bronzene Bildnis eines berüchtigten und einflussreichen Sklavenhändlers wird durch die Straßen einer Stadt geschleift, die auf dem Reichtum dieses Handels aufgebaut ist, und wird dann ins Wasser geworfen, wie diejenigen, die die von ihm organisierte Überfahrt nach Amerika nicht überlebten. Nun liegt er auf dem Grund eines Hafens, in dem die Schiffe des Dreieckssklavenhandels einst vor Anker lagen.

Sklavenschiffkapitäne durften oft ein oder zwei versklavte Menschen nach Großbritannien zurückbringen und sie für ihren eigenen Profit privat verkaufen. Diese Praxis bot erfolgreichen Kapitänen einen zusätzlichen Bonus, und die auf diese Weise versklavten Afrikaner wurden „privilegierte N****“ genannt. Bei vielen von ihnen handelte es sich um kleine Jungen, die als exotische Diener wie Modeaccessoires verkauft wurden. Sie erscheinen als Waren, die in Anzeigen in Bristol-Zeitungen des 18. Jahrhunderts zum Verkauf angeboten werden, Publikationen, in denen auch Belohnungen für die Verhaftung und Rückbringung entlaufener Sklaven angeboten wurden, die aus den großen Häusern der städtischen Elite geflohen waren. Nur wenige Meter von Colstons Statue entfernt verläuft die Pero's Bridge, benannt nach Pero Jones, einem der versklavten Menschen, die in Bristol lebten und starben – ein Mann, der möglicherweise seine ersten Schritte auf britischem Boden auf den Docks gemacht hat, von denen Colstons Statue nun geworfen wurde.

Eine eindrucksvolle Geste

Die Menge, die dafür sorgte, dass Colston fiel, bestand zwar aus allen Bevölkerungsgruppen, aber einige von ihnen gehören zu den Nachkommen derjenigen, die an die Decks von Colstons Schiffen gekettet waren. Von seinem Sockel gerissen, erschien Colston kleiner: vermindert in Größe und Potenz. Flach liegend, mit seiner studierten nachdenklichen Pose, sah er plötzlich absurd aus. Als die Figur so am Boden lag, machte einer der Demonstranten eine finstere, aber eindrucksvolle Geste. Indem er sich mit dem Knie auf die bronzene Kehle von Edward Colston stützte, erinnerte er uns an den schrecklichen Auslöser für diese außergewöhnlichen Ereignisse.

Die Tatsache, dass ein Mann, der vor 299 Jahren starb, dieser Tage auf den Titelseiten der meisten britischen Zeitungen zu finden ist, lässt vermuten, dass Bristol bei der Aufarbeitung seiner Geschichte einiges verpasst hat. Trotz der beharrlichen Bemühungen von Aktivist*innen wurden alle Versuche, die Statue friedlich entfernen zu lassen, von den Verteidiger*innen Colstons vereitelt. Im Jahr 2019 scheiterten die Versuche, eine Gedenktafel am Sockel anzubringen, nachdem die Bristol's Society of Merchant Venturers, die Hohepriester des Colston-Kults, darauf bestanden, den Text zu verwässern, indem sie Qualifikationen hinzufügten, von denen sie anscheinend glaubten, sie würden seine Verbrechen relativieren. Doch was viele an der Statue abstieß, war nicht, dass sie Colston aufwertete, sondern dass sie über seine Opfer schwieg – über diejenigen, deren Leben zerstört wurde, um das Vermögen zu errichten, das er an die Stadt verschwendet hatte.

Die lange Verteidigung der Figur und des Rufs Colstons war unverhohlen und schamlos, aber nicht einzigartig. In anderen britischen Städten werden andere Männer in Bronze und Marmor verehrt, die durch Menschenhandel reich geworden sind oder die den „respektablen Handel“ verteidigten. Auf dem St. Andrew Square in Edinburgh steht auf einem gut 45 Meter hohen Sockel Henry Dundas, 1. Vicomte Melville, dessen großer Beitrag zur Zivilisation darin bestand, Versuche zur Verabschiedung eines Gesetzes zur Abschaffung des Sklavenhandels verwässert und hinausgezögert zu haben. Historiker können nur schwer abschätzen, wie viele Tausende seinetwegen starben oder in die Sklaverei verschleppt wurden. Schon jetzt sind die sozialen Medien voll mit Rufen danach, Dundas in den Forth zu schmeißen.

Wir erleben die ersten Tage seit 1895, an denen das Bildnis eines Massenmörders seinen Schatten nicht über das Stadtzentrum von Bristol wirft. Diejenigen, die darüber entsetzt sind, was am Sonntag geschehen ist, müssen sich einige schwierige Fragen stellen. Glauben sie wirklich, dass Bristol ein besserer Ort war, als die Gestalt eines Sklavenhändlers im Zentrum der Stadt stand? Sind sie wirklich nicht in der Lage – auch jetzt noch – zu verstehen, warum diejenigen, die von den Opfern Colstons abstammen, seine Statue immer als einen Frevel angesehen und sich jahrzehntelang für ihre Entfernung eingesetzt haben?

Dinge werden nie wieder so sein können, wie sie waren

Wenn sie sich solchen Fragen nicht stellen, laufen sie Gefahr, sich in demselben Labyrinth moralischer Verwirrung zu verlieren wie einige von Colstons Verteidigern im Jahr 2017. Damals kündigte Colston Hall, der wichtigste Konzertsaal in Bristol und eine der vielen nach dem Sklavenhändler benannten Institutionen, an, seinen Namen zu ändern, woraufhin eine Reihe ansonsten vernünftiger, anständiger Leute ankündigten, die Halle fortan zu boykottieren. Das muss man sich einmal vorstellen: Ansonsten rationale, gebildete Menschen des 21. Jahrhunderts glauben ernsthaft, eine moralische Haltung einzunehmen, indem sie sich weigern, einen Konzertsaal zu besuchen, wenn dieser nicht mehr nach einem Mann benannt sein sollte, der Menschen kaufte, verkaufte und tötete.

Diejenigen, die so lange das Unhaltbare verteidigt haben, glaubten, dass das, was am Sonntag geschah, niemals geschehen würde. Sie gingen einfach davon aus, dass People of Color, die Bristol ihr Zuhause nennen, für immer tolerieren würden, im Schatten eines Mannes zu leben, der mit Menschenfleisch handelte und dass die Macht, zu entscheiden, ob Colston stand oder fiel, in ihren Händen lag. Sie lagen auf allen Ebenen falsch. Was auch immer in nächster Zeit gesagt werden wird: Das war kein Angriff auf Geschichte – das ist Geschichte. Es ist einer jener seltenen historischen Momente, die dazu führen, dass die Dinge nie wieder so sein können, wie sie waren.

David Olusoga ist britisch-nigerianischer Historiker, Fernsehsprecher und Filmemacher

Übersetzung: Holger Hutt

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14:02 09.06.2020
Geschrieben von

David Olusoga | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 27/2020

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