Wut ist der Schlüssel

Irak Die Revolte der schiitischen Mehrheit im Süden stellt den eigenen Staat in Frage, weil der ein verdorbenes System schützt
Wut ist der Schlüssel
Der nächste Aufruhr in Basra ist nur eine Frage der Zeit

Foto: Haidar Mohammed Ali/AFP/Getty Images

Das Land des Bani-Mansour-Clans nördlich der südirakischen Metropole Basra ist flach und ausgetrocknet, übersät von Salzkrusten und dornigen Sträuchern. Hier und da drängen sich ein paar Palmen und bilden kleine grüne Flecken in einer ansonsten staubigen, schmutzig gelben Landschaft. Wälle umgeben Ölbrunnen und Pumpen, Ölleitungen ziehen sich oberirdisch durch Dörfer, um Pumpstationen zu verbinden. Bohrtürme überragen die Gegend und verdüstern mit dicken, schwarzen Schwaden den Horizont. Das Ölfeld West-Qurna gilt als eines der ergiebigsten Reservoire weltweit, gehört dem irakischen Staat und wird von Exxon Mobil betrieben. Nach Jahrzehnten der Sanktionen läuft die Ölförderung im Südirak heute wieder auf Hochtouren. Eine zweispurige Straße, die durch das Bani-Mansour-Land führt, wurde zur stark frequentierten Schnelltrasse, auf der Trucks Bohrgestänge und Busse ausländische Öl-Arbeiter befördern, sodass weithin die Fensterscheiben klirren.

Nach dem Sturz Saddam Husseins im April 2003 sollte Öl den Süden zu einem Hort des Aufschwungs machen. Bisher freilich ziehen einfache Iraker wenig bis keinen Profit aus der Milliarden-Dollar-Branche. Einen Großteil der Gewinne schöpften korrupte Politiker ab. Die im Süden deshalb schwelende Wut wurde in den vergangenen Monaten durch den prekären Zustand öffentlicher Dienstleistungen, regelmäßige Stromausfälle und Wassermangel angeheizt. Es kam deshalb zu Unruhen, die fast schon einer Erhebung glichen. Hunderte Demonstranten stürmten Regierungsgebäude und setzten sie in Brand. Es wurden Raketen auf den Airport von Basra abgefeuert. Den letzten Anstoß für einen solchen Wutausbruch hatte es gegeben, als gut 30.000 Menschen behandelt werden mussten, weil sie verunreinigtes Wasser getrunken hatten.

Gepanzerte Repression

Das Bani-Mansour-Gebiet liegt nicht weit von jener Stelle entfernt, wo sich Euphrat und Tigris treffen. Einst gab es hier Wasser und mehr als 300.000 Palmen, erzählen Bewohner. Kühe und Büffel kühlten sich in Flüssen und Kanälen. Längst jedoch haben häufige Dürren und das Eindringen von Salzwasser aus dem Golf die meisten Palmenhaine zerstört. Die Flüsse sind ausgetrocknet, das Wasser in den mit Müll verstopften Kanälen fließt nicht mehr. Korruption und Misswirtschaft seitens der lokalen Behörden und nationalen Regierung haben eine schleichende zu einer unaufhaltsamen Umweltkatastrophe werden lassen. Was die Bevölkerung ebenfalls erzürnt, ist der Umstand, dass die Ölfirmen eigentlich Arbeiter aus der lokalen Bevölkerung ausbilden sollten; stattdessen sahen sie sich gezwungen, Personal auf Wunsch mächtiger Stammesfürsten und islamistischer Parteien einzustellen. Zudem haben die örtlichen Milizen mit Verbindungen zu Clans und Parteien eigene Unternehmen gegründet, die lukrative Sicherheitsverträge mit Niederlassungen ausländischer Ölfirmen abschließen können.

Als die Temperaturen Ende August häufig auf fast 50 Grad stiegen, der Strom wiederholt ausfiel und das Leitungswasser heiß und salzig wie Meerwasser aus den Hähnen floss, war der Siedepunkt der Wut erreicht. Zwei Dutzend Männer versammelten sich vor den Toren des Geländes einer der Ölfirmen und blockierten die Straße in Richtung ihres Dorfes. Auf dem Gelände stationierte Polizei stellte sich den Demonstranten entgegen, während eine für den Schutz der Ölfelder zuständige Armeeeinheit mit Panzerfahrzeugen anrückte. Sie schlossen die Protestierenden von zwei Seiten ein. Als die daraufhin begannen, mit Steinen zu werfen, schossen die Soldaten mit scharfer Munition. Innerhalb von Minuten verblutete ein junger Demonstrant, drei weitere waren verletzt.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich das Geschehen in der Umgebung, sodass bald Hunderte auf der Straße waren. „Alle sprangen in Autos und fuhren zum Tatort“, erzählt Ali, lokaler Mitarbeiter der Provinzregierung, der am Rand von Basra lebt. „Als wir ankamen, sahen wir, dass sie zwei Hubschrauber und drei gepanzerte Fahrzeuge dabeihatten. Und man fragte sich: Wo war diese Kampftruppe vor vier Jahren, als Daesch (gemeint ist der Islamische Staat, die Red.) Mossul besetzte?“

Gefälschte Zertifikate

Gleich am nächsten Tag ging es mit Demonstrationen weiter, die im gesamten Südirak Zehntausende erfassten. Immer wieder entlud sich die Empörung über die Vetternwirtschaft der Parteien und über den Einfluss Irans. Einmal wurde sogar ein großes Bild von Ayatollah Khomeini, 1979 Führer der Islamischen Revolution in Iran, angezündet. „Die Leute waren auf der Straße“, sagt Ali, weil sie den Eindruck hatten, „dass der Irak stirbt, erdrosselt von den eigenen Parteien, die ihn seit 15 Jahren ausplündern und die mehr für Interessen Irans tun als für uns. Entweder wir retten dieses Land, oder es ist verloren.“

Nach der US-Invasion von 2003 wurde die Legitimität des sich nun formierenden politischen Systems durch die sunnitischen Einwohner des Zentral- und Nordirak in Frage gestellt, die unter Saddam Hussein zu Wohlstand gekommen waren. Die Sunniten leisteten Widerstand gegen die US-Besatzung und halfen Extremisten, die vielfach Dschihadisten waren.

Inzwischen jedoch, da der Islamische Staat (IS) weitgehend aufgerieben ist, gilt eine sunnitische Revolte nicht mehr als realistische Bedrohung. Stattdessen stellt nun die schiitische Mehrheit, die gegen den IS gekämpft hat, die Legitimität des irakischen Staates in Frage. Und sie tut das im Namen ihrer Märtyrer, denn über 500 Männer allein aus der Bani-Mansour-Gemeinschaft sind in den Schlachten gegen den IS gefallen.

Die irakische Regierung hat prompt mit Gewalt auf die Proteste rings um Basra reagiert, mindestens zwölf Menschen starben. Hunderte wurden festgenommen und gefoltert, sagen Aktivisten und Rechtsanwälte. Manche würden immer noch vermisst. Auch paramilitärische Schwadronen religiöser Parteien sollen das Feuer auf Demonstranten eröffnet haben. Ein bekannter Anwalt, der einige der Verhafteten verteidigen wollte, wurde beim Verlassen einer Polizeistation von maskierten Männern erschossen.

Ali hat in ein unscheinbares Restaurant gebeten, das sich in einer kleinen, von Palmen überschatteten Gasse in Rufweite zu den Ölfeldern versteckt. Er hat seinen Freund Haitham, einen Soldaten, und einen Bauern dabei. „Es tut uns sehr leid, dass wir uns nicht woanders treffen können“, raunt Ali, dem die Situation sichtlich peinlich ist. „Aber wir müssen abwechselnd bei Verwandten unterkommen, um nicht verhaftet zu werden.“ Seit Tagen erhielten er und Haitham Drohanrufe von Sicherheitskräften. Nachts würden in manchen Dörfern Bewohner von maskierten und bewaffneten Männern entführt. „Hier in Basra sieht man, wie viel Reichtum uns verloren geht. Da sind die Ölfelder, weniger als einen Kilometer von hier entfernt, und dann sieht man die Armut und fehlende Arbeit in den Gemeinden, während die Unternehmen Tausende von fremden Arbeiter hierherbringen“, klagt Ali.

Haitham ist 2003 in die Armee eingetreten und hat zehn Jahre später sein Land verteidigt, als es von al-Qaida und dem IS förmlich überrollt wurde. Jetzt sieht er seine Pflicht darin, sich gegen den Staat zu wenden. Die Klagen sprudeln nur so aus seinem Mund – die Stromausfälle, die Umweltschäden, verursacht von den Ölfirmen, der Kollaps des Gesundheitssystems, vertrocknete Flüsse. „Ich gehe nicht auf die Straße, weil ich Arbeit brauche, denn ich habe welche. Ich protestiere, weil ich mich frage: welches Land will ich meinen Kindern hinterlassen? Was mute ich ihnen zu, wenn sie in Schulen gehen müssen, in denen die Lehrer häufig nicht auftauchen und für gute Noten Bestechungsgelder fordern?“ Ali meint noch: „Bei den bisherigen Wahlen haben wir stets für die schiitischen Parteien gestimmt, weil der Klerus uns gesagt hat, wir sollten das tun. Jetzt fragen wir unsere Prediger: ‚Habt ihr nicht gesehen, was 15 Jahre lang passiert ist?‘ “

„Diese Demonstranten tun mir leid. Sie haben keine Chance auf Erfolg“, sagt ein Regierungsmitarbeiter, während er in der Lobby eines der großen Hotels in Basra an einem türkischen Kaffee nippt. Er ist Mitte 30 und hat in Basra für westliche Unternehmen gearbeitet, bis er einen hoch begehrten Posten im Stadtrat bekam. „Alle Parteien haben Wirtschaftskomitees, die einen finanziellen Anteil von jedem einzelnen Regierungsauftrag erhalten, während ihre paramilitärischen Flügel dafür sorgen, dass es so bleibt“, fügt er mit erstaunlicher Offenheit hinzu. Ein Clan aus Basra zum Beispiel mit Beziehungen zu mehr als einer religiösen Partei habe große Agrarflächen übernommen, die wohlhabenden Familien aus den Golfstaaten oder Sunniten gehört hätten, die mit Beginn der US-Besatzung 2003 ins Ausland geflohen seien. Der Clan habe das Land in lukrative Baugrundstücke aufgeteilt. Sein Job sei es gewesen, so der Mann, Zertifikate zu fälschen, damit diese Flächen als Bauland ausgewiesen werden konnten. Also seien Häuser ohne Zugang zu Wasser- und Abwassersystemen gebaut worden. Dadurch hätten sich Kanäle und Flüsse in Kloaken und Sümpfe voller Unrat verwandelt. Was damit der Lebenswelt Zehntausender angetan wurde, sei unumkehrbar.

Da kann man sich nur wundern, dass der Aufruhr jetzt nicht zu einem Aufstand wurde, der mehr zerstört hat als ein paar Parteibüros. Anders als die stinkenden und stehenden Flüsse und Kanäle in Basra ist die irakische Demokratie ständig in Bewegung, angetrieben vom unaufhörlichen Kreislauf der Korruption.

Ghaith Abdul-Ahad ist Nahost-Korrespondent des Guardian

Übersetzung: Carola Torti

06:00 14.09.2018
Geschrieben von

Ghaith Abdul-Ahad | The Guardian

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