Yo, Mullah, yo!

Subversive Musik Den Mächtigen im Iran ist Hip-Hop ein Dorn im Auge, die Jugend liebt ihn. Rapperin Salome findet trotz Auftrittverbots ihre Fans. Indem sie mit ihrer Musik ins Netz geht

Von Rappern aus dem Iran hört man nicht so oft – schon gar nicht von weiblichen. Aber Salome ist es als erste weibliche MC der Islamischen Republik auch gewohnt, etwas Besonderes zu sein. Während Hip-Hop sich unter der jugendlichen Bevölkerung des Iran (zwei Drittel der Menschen sind unter 30) immer größerer Beliebtheit erfreut, finden sich unter den Angehörigen des theokratischen Regimes keine Rap-Fans. Die Sittenwächter kontrollieren die Veröffentlichung und Aufführung von Musik – und sie brandmarkten Rap öffentlich als vulgär und obszön.

Irans Jugend aber ist es gewohnt, die strikten Gesetze zu umgehen. Junge Leute spielen Hip-Hop auf Privatpartys und in ihren Autos. Der Kulturminister drohte vor kurzem, Aufnahmestudios zu schließen, die Hip-Hop weiter produzieren. Doch damit kann man Rapper wie Salome nicht zum Schweigen bringen. „Egal, mit welchem Problem man es zu tun hat, es gibt immer eine Lösung“, sagt sie. Und klingt dabei ganz unbeschwert.

Im Gespräch mit der 25-Jährigen kann man sich auch nur schwer vorstellen, dass sie überhaupt etwas als Problem bezeichnen könnte. Dass es Frauen im Iran verboten ist, in der Öffentlichkeit zu singen, zählt jedenfalls nicht dazu. Salome fing einfach an, ihre Stücke in ihrem Schlafzimmer aufzunehmen und ins Internet zu stellen. „Am Anfang war es schon schwierig. Ich weiß aber nicht, ob das für einen Mann groß anders wäre“, sagt sie.

Nicht nur abtanzen

Bis vor ein paar Monaten lebte Salome im Iran. Im Herbst zog sie dann nach Japan, um dort Grafik zu studieren. Auf ihrer My-Space-Seite veröffentlicht sie aber weiter neue Titel. Und sie arbeitet an einem Album. Die wenigen Konzerte, die sie bislang gegeben hat, fanden in der Türkei und den Niederlanden statt. Es waren kleine Konzerte. Aber die Größe des Publikums sei für sie nicht das Wichtigste, sagt sie: „Mir wäre es lieber, wenn einer wirklich versteht, was ich sage, als wenn tausend Leute da sind, die nur ihre Köpfe zum Beat schütteln und abtanzen wollen.“

Salome war 15, als sie Hip-Hop entdeckte. Die Musik half ihr, mit Gefühlen von Isolation und Fremdheit in einer neuen Kultur zurechtzukommen. Nach ihrer Kindheit, die sie in der Türkei und Aserbaidschan verbrachte, kam sie erst als Teenagerin mit ihren Eltern in den Iran. Obwohl sie Türkisch, Englisch und Persisch fließend spricht, kann sie nur auf Persisch rappen. „Persisch ist eine sehr poetische Sprache und Poesie ist im Iran sehr wichtig – in jedem Haushalt findet sich Bücher großer Dichter“, sagt Salome. „Vielleicht ist Hip-Hop auch deshalb so beliebt.“

Nicht alle ihre Lieder seien politisch, betont sie. „Ich habe in meinem Leben bestimmt mehr wegen unglücklicher Liebe gelitten als wegen der Politik.“ Dennoch dürften es vor allem ihre politischen Lieder gewesen sein, die ihr auch im Ausland Aufmerksamkeit brachten und das Interesse der Jury des internationalen Preises Freedom to Create weckten, der Ende November in Kairo vergeben wurde. Salome gewann den Preis zwar nicht, aber die Juroren lobten in einer besonderen Würdigung ihren Mut, der in jenen Liedern zum Ausdruck komme, die sie nach den umstrittenen Wahlen im Juni 2009 und den folgenden Protesten der Grünen Bewegung schrieb.

Wenn Salome singt und rappt, bildet ihre helle Stimme einen scharfen Kontrast zur furiosen Art des Rappens: „Eines Nachts haben sie mir das Licht der Hoffnung geraubt/Wenn ich schweige, mich nicht rühre/wer wird es richten?“ Der raue, explizite Stil sei aus ihrer Wut erwachsen, sagt sie – ihrer Wut über das, was sich während und nach der Wahl zugetragen hat.

Keine Selbstzensur

Trotz ihrer deutlichen Kritik an den Verhältnissen ist es Salome bislang gelungen, dem Zorn der Regierung zu entgehen. Sie besteht darauf, ihre Texte niemals in vorauseilendem Gehorsam selbstzensiert zu haben. Allerdings sei sie schon vorsichtig, um sich und ihre Familie nicht unnötig in Gefahr zu bringen, fügt sie hinzu. Ihren echten Namen will sie nicht nennen. Für das Pseudonym Salome habe sie sich entschieden, nachdem sie das gleichnamige Theaterstück von Oscar Wilde gelesen hatte. Der Name bringe die andere Seite ihrer Persönlichkeit zum Ausdruck: „In mir sind das schüchterne Mädchen, das sich bei den Protesten am liebsten versteckt hätte – und eine Rebellin, ein wütendes Mädchen, das schreien wollte. Das wütende Mädchen ist Salome.“

Etwas gereizt reagiert sie, wenn sie auf andere iranische Künstlerinnen wie die Filmemacherin Shirin Neshat angesprochen wird. „Es gibt viele im Ausland lebende Iranerinnen, die die Vorstellung, Frauen würden im Iran unterdrückt, nur benutzen, um berühmt zu werden. Wenn man Dinge sagt, die westliche Medien hören wollen, werden sie einen natürlich mit offenen Armen aufnehmen.“ Dabei werde aber verschwiegen, welche bedeutende Rolle Frauen schon heute im Iran spielten. „60 Prozent der Hochschulabsolventen sind weiblich. Diese Propaganda darüber, wie sehr die Leute die ganze Zeit unterdrückt würden, liefert dem Westen doch nur Vorwände, wenn er uns besetzen will. Für mich ist der Iran eine große Familie, zu der auch die Regierung immer noch dazugehört.“

Diese Verbundenheit mit ihrem Land bringt sie auch in ihrem Rap zum Ausdruck: „Lass nicht zu, dass dein Haus brennt/Der Kampf wird nicht enden/Wir gehören zusammen, aber sie sind Fremde.“ Nach vier Monaten in Japan sei sie in einer nachdenklicheren Stimmung, sagt Salome. Sie wolle sich wieder mehr auf ihre Musik konzentrieren, weniger um die Politik kümmern. Nur eins sei ganz sicher, sagt sie. Sie werde weiter rappen: „Ich glaube nicht, dass ich jemals damit aufhören werde – wenn ich keine Texte schreibe, beginne ich mich schlecht zu fühlen.“

Übersetzung: Holger Hutt

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15:00 17.01.2011
Geschrieben von

Homa Khaleeli | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 39/2020

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