Zahlen aus dem Dunkeln

Krankheit Angeblich leidet jeder vierte Brite einmal im Leben an psychischen Problemen wie Depressionen. Doch woher kommt diese hohe Zahl?

Wie viele Briten haben einmal in ihrem Leben psychische Probleme? Die am häufigsten gegebene Antwort lautet: jeder vierte. Seit vier Jahren wird diese Zahl nun von allen zitiert, angefangen bei gemeinnützigen Einrichtungen, die sich um die Probleme psychisch Kranker kümmern bis hin zu Kabinettsmitgliedern. Die gegenwärtig laufende Anti-Stigmatisierungskampagne Time to Change strotzt nur so vor dieser Zahl. Wo aber kommt sie her?

Weder „jeder vierte“ noch irgendeine andere Zahl lässt sich mit harten Fakten belegen, da bislang keine Untersuchung existiert, die den Umfang geistiger Erkrankungen in Großbritannien gemessen an der Gesamtlebensdauer untersucht hat. Die genauste Untersuchung, die es bislang gibt, ist die Psychiatric Morbidity Survey des Office of National Statistics, deren letzte Erhebung im Jahr 2007 besagte 23 Prozent ermittelte. Die Leute wurden dabei allerdings gefragt, ob bei ihnen in der vergangenen Woche Symptome aufgetreten seinen.

Wir kennen also die entsprechende Zahl auf die gesamte Lebenszeit bezogen nicht und können lediglich mutmaßen, dass sie höher sein dürfte. In mehreren anderen englischsprachigen Ländern wurden derartige Studien durchgeführt. Die jüngste groß angelegte Studie für die USA ergab eine geschätzte Lebensdauer-Rate von 50,8 Prozent. Eine weitere Studie in Dunedin, Neuseeland, kam zu dem Ergebnis, dass dort über 50 Prozent der Menschen vor ihrem 32. Lebensjahr schon mindestens einmal unter einer psychischen Erkrankung gelitten haben.

Muss also wirklich jeder zweite von uns damit rechnen, einmal im Leben psychisch zu erkranken? Vielleicht. Es gibt allerdings auch Experten, die eine andere Erklärung für diese erstaunlich hohen Zahlen bereithalten. Die amerikanischen Soziologen Allan Horwitz und Jerome Wakefield beispielsweise argumentieren in ihrem Buch The Loss of Sadness, die hohen Anteile klinischer Depression, die in Untersuchungen wie dieser zutage träten, würden weitgehend die Mängel bei der Diagnose widerspiegeln, die Erkrankung zu definieren und zu diagnostizieren. Gemäß der am häufigsten angewandten Kriterien, leidet jeder unter klinischer Depression, bei dem über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen fünf oder mehr von insgesamt neun Symptomen wie Motivationsmangel oder Schlafstörungen auftreten. Außer im Falle der Trauer nach einem Todesfall findet allerdings keine Berücksichtigung, warum jemand unter diesen Symptomen leidet.

Dadurch werden zeitweise Niedergeschlagenheit, Stress oder persönliche Schwierigkeiten als „Depression“ klassifiziert, obwohl die meisten Menschen dies als ganz normale psychische Reaktionen werten würden. Horwitz’ und Wakefields Argument gilt auch für andere, weit verbreitete Funktionsstörungen, wie beispielsweise Angst. Sehr viele Menschen weisen zwar Symptome auf, die auf bestimmte Krankheiten hinweisen, erfüllen also sozusagen die Kriterien für diese Krankheit. Das bedeutet aber nicht zwingend, dass sie auch an den entsprechenden Krankheiten leiden. Das gegenwärtig am häufigsten angewandte diagnostische Mittel ist das DSM-4 Handbuch der American Psychiatric Association. Als der Entwurf der neuen Kriterien des DSM-5 vor kurzem im Internet veröffentlicht wurde, hat dies die Debatte um die „Pathologisierung“ der Normalität erneut angefacht.

Praktische Zahl

Das soll nicht bedeuten, es gebe so etwas wie psychische Krankheiten überhaupt gar nicht. In vielen Fällen handelt es sich um ernsthafte Erkrankungen, die der Behandlung und Pflege bedürfen. Leider aber wissen wir nicht, wie verbreitet diese Krankheiten wirklich sind, weil die Kriterien, auf denen fast alle Untersuchungen basieren, so allgemein sind. Warum aber reden dann alle davon, 25 Prozent aller Briten seien betroffen? Ich denke, das hat damit zu tun, dass die Zahl denjenigen zupass kommt, die sich für die Belange psychisch Kranker einsetzen. Sie lässt sich gut zitieren, ist nicht zu groß, als dass sie Skepsis hervorrufen würde (wie dies bei 50 Prozent der Fall wäre), aber hoch genug, um die Botschaft vermittelt zu kriegen, dass geistige Erkrankungen „normal“ sind und diejenigen, die unter ihnen leiden, keiner seltenen und gefährlichen fremden Spezies angehören. Diese Botschaft ist wichtig. Menschen, die an psychischen Erkrankungen leiden, werden häufig stigmatisiert und diskriminiert und es ist richtig, dem entgegen zu wirken. Eine Stigmatisierung ist aber immer verkehrt, ob nun jeder vierte oder jeder vierhundertste von einer Krankheit betroffen ist. Wir sollten keiner Statistiken bedürfen, um uns daran zu erinnern, dass ganz normale Menschen psychische Probleme bekommen können. Indem man sagt, dass man sich einer psychischen Erkrankung nicht zu schämen braucht, weil es sich um ein weit verbreitetes Phänomen handelt, verstärkt man doch die Annahme, dass es grundsätzlich etwas Beschämendes hat, nicht der Norm zu entsprechen und man sich schämen müsste, wäre die Krankheit nicht so weit verbreitet.

Gleichzeitig impliziert „einer von vier“, dass es sich dabei um keine große Sache handelt, da so viele betroffen sind und es schaffen, wieder darüber hinwegzukommen. Dies kann bis zu einem bestimmten Punkt hilfreich sein, um ein Stück weit dem Mythos entgegenzuwirken, Menschen mit psychischen Problemen kämen nie wieder in den Genuss eines wie auch immer gearteten „normalen Lebens“. Man riskiert damit allerdings zu weit in die andere Richtung zu gehen. Eine klinische Depression beispielsweise ist mehr als die alltäglichen Aufs und Abs, die jeder kennt, weshalb Betroffene eben eine Behandlung brauchen und keinen guten Rat, „sich zusammenzureißen“ und „damit klarzukommen“.

Noch schlimmer wäre es, wenn Leute, die sich für die Belange von psychisch Kranken einsetzen, durch die Verwendung hoher Zahlen ohne Verweis auf deren tatsächlichen Ursprung unwillentlich diejenigen unterstützen, die ein Interesse daran haben, den Leuten Medikamenten, Psychotheraphie oder Selbsthilfebüchern zu verkaufen. Die Verwischung der Linie zwischen Gesundheit und Krankheit kann letztlich nur denjenigen schaden, die ernsthaft krank sind, denn sie führt dazu, dass Gelder und die Aufmerksamkeit die ihnen für ihre Behandlung zustehen, auf andere Dinge verwendet werden. Die Krankenkassen sind auch so schon überlastet, ohne dass sie sich bei jedem vierten von uns um die Behandlung psychischer Probleme kümmern müssen. Können wir es uns vor dem Hintergrund der Befürchtungen, die Kürzungen beim NHS könnten verheerende Auswirkungen für die ernsthaft psychisch Kranken zur Folge haben, erlauben, die Bedeutung „Krankheit“ so weit zu fassen?

Übersetzung: Holger Hutt

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16:00 26.04.2010
Geschrieben von

Jamie Horder | The Guardian

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The Guardian

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