Zeit sich zu fürchten

US-Wahl Lange Zeit sah es so aus, als würden die USA noch einmal die Kurve kriegen. Dann lieferte Donald Trumps Erfolg die Blaupause für einen internationalen Rechtsruck
Zeit sich zu fürchten
Will den Weißen ihre einstigen Privilegien wieder zurückgeben: Donald Trump

Bild: Brett Carlsen/Getty Images

Wir dachten, die USA würden wieder vom Abgrund zurücktreten. Wir glaubten – und die Umfragen wähnten uns in Sicherheit –, dass die Amerikaner am Ende das mächtigste Amt auf der Welt doch nicht in die Hände eines labilen Fanatikers, Sexualstraftäters und zwanghaften Lügners legen würden.

Menschen auf der ganzen Welt haben sich diesen grauenvollen Wahlkampf mitangesehen und darauf gewartet, dass der Alptraum Trump endlich ein Ende nimmt. Doch heute sind die Vereinigten Staaten – das Land, das sich seit der Stunde seiner Geburt als eine Führungsnation begreift, die die Welt inspirieren will, eine Gesellschaft, die sich selbst als „die letzte große Hoffnung“ begreift, die Nation, die den Bogen der Geschichte in Richtung Gerechtigkeit zu biegen schien, wie Barack Obama es heute vor acht Jahren formuliert hat – über den Rand des Abgrunds hinausgetreten.

Heute sind die USA für den Rest der Welt keine Quelle der Inspiration mehr, sondern eine Quelle der Angst. Anstatt ihrer ersten Präsidentin zuzujubeln, scheinen die Amerikaner entschlossen, die Macht ihres höchsten Amtes einem Mann zu übergeben, der sich mit Vergnügen in seiner eigenen Ignoranz, seinem Rassismus und seiner Frauenfeindlichkeit suhlt. Einer, der ihn gut kennt, beschreibt ihn als einen gefährlichen „Soziopathen“.

Man darf gar nicht daran denken, welch unglaubliche Macht dieser Mann schon bald innehaben wird. Die Republikaner haben nicht nur fast jede Hochrechnung und Vorhersage Lügen gestraft und die Präsidentschaft gewonnen. Sie haben auch das Repräsentantenhaus und einen Großteil der Sitze im Senat geholt, sodass Trump aus diesen Kammern kaum Gegenwind zu befürchten hat. Ein impulsiver Mann, der sich nicht unter Kontrolle hat, wird kaum Beschränkungen unterliegen. Die Kraft einer militärischen und ökonomischen Großmacht steht seinem Ego weitgehend zur Verfügung.

Die unmittelbarsten Auswirkungen werden natürlich in den USA selbst zu spüren sein. Man muss nur einmal daran denken, was er alles versprochen hat. Er will eine Art Ausweisungspolizei einführen, die die elf Millionen Migranten, die sich ohne Papiere in den USA aufhalten, zusammentreibt und ausweist. Er sprach von einem Einreiseverbot für Muslime, das er später auf die Ankündigung eindampfte, er werde „extreme Überprüfungen“ für jeden einführen, der aus einem verdächtigen Land einreist. Und natürlich möchte er eine gigantische Mauer errichten lassen, um die Grenze zu Mexiko dicht zu machen. Frauen, die abtreiben lassen, sollen „in irgendeiner Form“ bestraft werden. Und die Frau, gegen die er gerade die Wahlen gewonnen hat, will Trump ins Gefängnis bringen.

Viele werden sagen, das sei alles nur Gerede gewesen. Aber das wurde schon den gesamten Wahlkampf über gesagt. Trump werde schon auf einen moderateren Kurs umschwenken und „präsidialer“ werden. Allein: Er hat es nie getan. Sicherlich wird er seinen Wahlsieg als Bestätigung dafür ansehen, dass er schon immer Recht hatte und seinen Instinkten vertrauen kann. Es gibt für ihn keinen Grund, moderater zu werden. Das Amt von Thomas Jefferson, Abraham Lincoln, Franklin Roosevelt und John F Kennedy ist nun sein Laufstall. Er kann tun und lassen, was er will.

Auch wenn darunter in erster Linie die USA zu leiden haben werden, betrifft es uns natürlich alle. Ein Reality-TV-Star ohne jegliche politische oder militärische Erfahrung wird über die amerikanischen Atomwaffen bestimmen können. Man muss sich nur daran erinnern, dass dieser Mann während eines Militärbriefings mehrere Male gefragt haben soll, warum die USA denn keine Atomwaffen einsetzen würden, wo sie doch über welche verfügten. Dies ist der Mann, der erklärt hat er „liebe Krieg“ und dessen Strategie gegen den IS darin besteht, „sie zur Hölle zu bomben“ und sich das Öl zu sichern.

Man denke an die Angst, mit der das Wahlergebnis in Riga, Vilnius oder Tallinn aufgenommen worden sein dürfte. Im Sommer hat Trump der New York Times gegenüber erklärt, er glaube nicht an das Grundprinzip der Nato: dass ein Angriff auf einen Mitgliedstaat den Bündnisfall auslösen sollte. Vielmehr scheint er sich die Nato als mafiöse Gang vorzustellen: Solange die Kleinen nicht zahlen, sollten sie auch keinen Schutz genießen. Wladimir Putin dürfte den Hinweis verstanden haben.

Ein Handelskrieg mit China droht. Die Einführung von Zöllen könnte das gesamte Handelssystem gefährden. Amerika ist dabei, sich nach innen zu orientieren und auf Protektionismus auszurichten. Die Märkte haben sich dazu bereits geäußert – und sind abgestürzt.

Und was ist mit unserem Planeten? Trump hält den Klimawandel für eine Erfindung der Chinesen. Er wird nichts unternehmen, um den Ausstoß von Emissionen zu reduzieren. Er glaubt einfach nicht daran, dass sie existieren.

Doch darüber hinaus hat diese erschreckende Entscheidung des amerikanischen Volkes noch eine weitere Konsequenz, die nicht weniger düster ist. Trumps Erfolg begeistert weiße Nationalisten und Rassisten auf der ganzen Welt. Seine Siege in den umkämpften Staaten wurden von dem ehemaligen Ku-Klux-Klan Promi David Duke gefeiert. “Gott segne Donald Trump”, schrieb der auf Twitter. “Es ist an der ZEIT, AMERIKA ZURÜCKZUHOLEN”. Der niederländische Nationalist Geert Wilders war in einer ähnlichen Hochstimmung: „Die Menschen holen sich ihr Land zurück“, sagte er. „Und wir werden das auch tun.“ Marine Le Pen dürfte ähnlich gut gelaunt sein, wie alle anderen Populisten und Nationalisten, die mit Hass Politik machen.

Denn sie haben nun gesehen, welche Macht eine Botschaft entfalten kann, die auf Angst und Hass fußt. Es reicht nicht zu sagen, es gehe dabei um die Angst derjenigen, die wirtschaftlich abgehängt sind. Auch wenn das in den Staaten des Rustbelt mit Sicherheit eine Rolle gespielt hat. Doch die Erklärung ist unvollständig, denn Trump hat nicht einfach nur diese Wähler gewonnen. Er hat die Stimmen von 63 Prozent der weißen Männer und 52 Prozent der weißen Frauen gewonnen. Viele von ihnen fühlen sich von der Botschaft angezogen – zumindest zum Teil und nur sehr dünn kodiert –, dass Trump ihnen, den Weißen, ihre einstigen Privilegien wieder zurückzugeben will.

Wer trägt die Schuld? Die Liste ist lang, von den Republikanern bis zu den Medien, von den Meinungsforscherinnen, die so sehr daneben lagen, bis zum Wahlkampfteam Clintons, das ehemalige demokratische Hochburgen für sicher hielt, bis zu Clinton selbst. Man kann all das verurteilen, aber wen kümmert an einem Tag wie diesem schon die Frage nach der Schuld? Das mächtigste Land der Welt wird von dem gefährlichsten Mann geführt werden, der es jemals regiert hat. Der Mann, der während des Krieges das Amt innehatte, das Donald Trump im Januar antreten wird, sagte den Amerikanern einmal, sie hätten „nichts zu fürchten, außer der Angst selbst“. Das stimmt heute nicht. Amerika und der Rest der Welt haben vieles zu fürchten – angefangen bei dem Mann, der jetzt an der Spitze der USA steht.

12:56 09.11.2016
Geschrieben von

Jonathan Freedland | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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