Zeit zum Aufräumen

Fifa-Fiasko Gut, dass nun die Staatsanwaltschaft ermittelt. Doch das Ziel muss eine demokratische Reform der Fifa und der kontinentalen und nationalen Fußballverbände sein
Zeit zum Aufräumen
Unschuld vom Lande: Sepp Blatter

Foto: Michael Buholzer/AFP/Getty Images

In der Komödie, im Fußball und in der Politik gilt: Timing ist alles. Und bei den jüngsten Ereignissen in Zürich treffen diese drei Bereiche punktgenau zusammen. Zwei Tage vor dem Fifa-Jahreskongress und der höchst umstrittenen Präsidentenwahl taten die Schweizer Bundesanwaltschaft und ihr US-Pendant im östlichen Distrikt New Yorks endlich das, was weite Teile der Fußballwelt seit langem ersehnen: Sie leiteten Verfahren ein wegen Bestechung, Korruption und Geldwäsche, und zwar sowohl, was den Weltfußball allgemein betrifft, als auch speziell bei der Vergabe der WM 2018 und 2022 nach Russland und Katar.

Das kann nur gut werden. Es wird viele Fragen geben, dazu, wer was getan, was gewusst und was bekommen hat. Aber so wichtig, peinlich und empörend die Antworten darauf zweifellos ausfallen werden, lohnt es sich doch, auch noch zwei andere Fragen aufzuwerfen. Erstens: Wie sind wir in diesen Sumpf überhaupt hineingeraten? Warum ist die Fifa als Organisation so heillos zerrüttet und reformunfähig? Und zweitens: Wie soll sie künftig aussehen? Wie schaffen wir den Wandel, und wer soll ihn steuern?

Die Fifa ist, wie viele Sportverbände, Kind einer anderen Zeit. Damals lag die internationale Verwaltung des Fußballs in den Händen enthusiastischer Amateure, die mit einem winzigen Budget wirtschafteten und nur ihrem eigenen kleinen Kreis Rechenschaft schuldig waren. Noch in den frühen 1970er-Jahren war die Fifa ein Hinterzimmerbetrieb mit wenigen Vollzeitmitarbeitern und verkaufte WM-Fernsehrechte für einen Apfel und ein Ei. Der große Umschwung kam 1974, als João Havelange, der Vorsitzende des Brasilianischen Sportbundes, sich in einer heiß umkämpften Wahl gegen den amtierenden Fifa-Präsidenten Stanley Rous durchsetzte.

Havelange gewann die Wahl, indem er auf die Unterstützung der Fußballverbände in den gerade erst der Kolonialherrschaft entronnenen Staaten Afrikas, Asiens und der Karibik setzte. Sie waren bis dahin von den europäischen Fifa-Bossen gegängelt oder geschnitten worden, und nun bot ihnen der Kandidat nicht nur Respekt an, sondern auch mehr Platz für ihre Mannschaften in einer erweiterten Runde von WM-Teilnehmern und mehr Mitspracherecht im Vorstand. Die neuen Fußballnationen dankten es ihm mit ihren Stimmen.

Um die kostspieligen Neuerungen zu finanzieren, zog Havelange Adidas und Coca-Cola hinzu und gab dem Turnier damit seinen heutigen Charakter als hoch kommerzialisiertes und weltweit im Fernsehen übertragenes Spektakel. In den folgenden 24 Jahren – sechs Mal wurde er wiedergewählt – machte er aus seinem System der Tausch- und Vetternwirtschaft eine Kunstform, genährt von der rasenden Wertsteigerung der WM. Hinzu kam ein Hang zu großzügigen Spesenabrechnungen und versteckten Schmiergeldzahlungen. Und unter Havelanges Schützling und Nachfolger Sepp Blatter durfte diese Kultur von Klientelwirtschaft und Korruption im Weltverband noch weiter aufblühen.

Aber bildet die Fifa auch den Kern des Problems, so ist doch nicht sie allein schuld an dem Schmierentheater, zu dem die Verwaltung des Weltfußballs verkommen ist. Gewählt wird der Fifa-Präsident schließlich von den Nationalverbänden, und die Fifa-Vorstandsmitglieder werden von den Kontinentalverbänden ernannt, die sich wiederum aus nationalen Verbänden zusammensetzen. Diese gebärden sich vielerorts ebenso undurchsichtig, verantwortungslos und klüngelhaft wie die Fifa selbst.

Korrupte Funktionäre mit Selbstbedienungsmentalität prägen weltweit die Verwaltungsebene des Profifußballs. Doch das können sie nur, weil Sponsoren und Fernsehanstalten systematisch über die Missstände hinwegsehen – und weil Politiker es vorziehen, mit den Verbänden gemeinsame Sache zu machen, anstatt die Stimme zu erheben. Allzu lange haben Justiz-, Steuer- und Polizeibehörden wider besseres Wissen keine Ermittlungen aufgenommen. Erst seit wenigen Jahren erkennt die Schweizer Rechtsprechung Bestechung bei internationalen Organisationen überhaupt als Straftatbestand an.

Wer also soll nun den Wandel anführen? An diesem Freitag werden 209 Fußballverbände – sofern deren Chefs alle am Kongress teilnehmen können – den nächsten Fifa-Präsidenten bestimmen. Bisher haben sie sich gegen vernichtende Presse und gegen die Wut der Öffentlichkeit völlig immun gezeigt, sodass Sepp Blatters Wiederwahl selbst angesichts der jüngsten Erschütterungen sehr wahrscheinlich bleibt. Und selbst falls er verliert, ist nicht damit zu rechnen, dass sein Widersacher Prinz Ali, Spross einer Erbmonarchie, einen Demokratisierungsprozess im Verband einleiten würde.

Wie Fifa-Sprecher Walter de Gregorio in der am Mittwoch einberufenen Krisen-Pressekonferenz deutlich machte, wird der Verband, da er seine interne Korruption nicht selbst in den Griff bekommt, dafür Hilfe von außen benötigen. Das Gleiche gilt für den Reformprozess. Die anderen großen Fußballverbände haben sich, ebenso wie der Fifa-Vorstand, als unfähig erwiesen, einen solchen Wandel alleine zu stemmen.

Als sich das Internationale Olympische Komitee, nach dem Korruptionsskandal um die Winterspiele in Salt Lake City von der US-Justiz bedrängt, zu einer Reform gezwungen sah, gerieten deren Ergebnisse äußerst dürftig – eben weil nur das IOC selbst damit befasst war. Es ist an der Zeit, dass über die Politik der Fifa nicht mehr allein die ewigen Mitglieder der zerrütteten Fußballfamilie, arabische Königshäuser, Strohmänner autoritärer Regime und kommerzielle Interessen entscheiden. Zumindest Vertreter der Fans und Spieler, der unabhängigen Verbände und auch des Amateurfußballs gehören mit an den Tisch.

Die Reform darf sich nicht darauf beschränken, faule Äpfel auszusortieren – dafür ist es zu spät. Stattdessen sollte sich die Fifa eine neue Satzung geben, darin die demokratischen und sozialen Verpflichtungen ihrer Mitglieder festschreiben und dementsprechend die Vergabepraxis für die WM grundlegend umstellen. Das ist das Minimum. Dass keiner der beiden Kandidaten für das Präsidentenamt auch nur Ansätze eines solchen Programms vertritt, zeigt, wie bitter nötig die Neuausrichtung der Fifa ist – und wie schwer zu erreichen.

David Goldblatt ist Soziologe, Autor und Schriftsteller. Von ihm erschienen unter anderem zwei erfolgreiche Fußball-Bücher in englischer Sprache

Übersetzung: Michael Ebmeyer

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16:56 28.05.2015
Geschrieben von

David Goldblatt | The Guardian

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The Guardian

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