Zeitungen waren nie sein Ding

Großbritannien James Murdoch galt bis vor kurzem als der sichere Nachfolger seines Vater. Jetzt drohen ihm wegen des Abhör-Skandals der Prozess und eine Haftstrafe

Noch Anfang Juli schien der Aufstieg des James Murdoch innerhalb des familieneigenen Medien-Konglomerats News Corporation (News Corp) unaufhaltsam. Seit fünf Jahren gilt der 38-Jährige als designierter Nachfolger seines inzwischen 80-jährigen Vaters. 2007 übernahm er die europäischen und asiatischen Teile des Unternehmens – von britischen Zeitungen bis hin zu indischen Satellitenprogrammen. Seit 2003 ist er Chief Executive Officer und mittlerweile Vorstand seines größten Dukatenesels British Sky Broadcasting (BskyB). „Bei News Corp denken die Leute, James sei wie sein Vater“, schreibt Michael Wolf, der Biograf von Rupert Murdoch. „Er ist aggressiv, unerbittlich, leistungsfähig und genau. Sein Vater ist offenbar stolz auf diesen Sohn und fürchtet ihn vielleicht sogar ein wenig.“

Das könnte sich allerdings geändert haben. Die Schläge, die Rupert Murdochs Imperium gerade einstecken muss, haben bereits viele Opfer gefordert: Von der Belegschaft der Zeitung News of the World über Tom Crone, den langjährigen Rechtsbeistand von Murdochs Londoner Zeitungen, bis hin zu der während des Abhörskandals verantwortlichen Chefredakteurin Rebekah Brooks.

Kein Selfmademan

James Murdoch musste noch keine Konsequenzen ziehen, ist aber gefährdet. Am Wochenende forderte der ehemalige britische Finanzminister Lord Myners die Aktionäre von BskyB auf, den Murdoch-Sohn bei der nächsten Vollversammlung als Vorstand abzusetzen. Ein Unternehmen wie Sky könne nicht länger wie eine Familiendynastie geführt werden. „Auch wenn James erst 2007 – und damit nach dem Abhörskandal – die Führung von News International übernommen hat, werden die Leute sagen, er hätte entschiedener vorgehen müssen“, meint Claire Enders vom renommierten Mediendienst Enders Analysis. Sein Fingerspitzengefühl habe sich im Verlauf des Skandals nicht eben gebessert. „Das Krisenmanagement war ein Desaster“, glaubt der frühere Labour-Spindoctor Alastair Campbell. In britischen Medienkreisen ist James Murdochs normalerweise für seine Schärfe bekannt. Ein früherer Kollege bei BSkyB meint, er sei zwar „zugänglich und lernfreudig“, habe er sich jedoch einmal für eine Sache entschieden, könne man ihm einmal widersprechen, tue das aber besser kein zweites Mal. „James ist kein Selfmademan wie sein Vater, sondern eher Technokrat“, glaubt Claire Enders. „Ihm geht es nicht um Inhalte, er interessiert sich mehr für die Technik. Und er liest keine Zeitungen“, ergänzt Alastair Campbell.

James Murdoch wurde 1972 als viertes von sechs Kindern in London geboren. Seine Mutter Anna war die zweite von Ruperts drei Frauen. Dessen Medienunternehmen durchlief um diese Zeit eine wilde Expansionsphase und hatte gerade News of the World und Sun gekauft. Bis James zur Universität kam, zog die Familie oft um.

Der junge Mann findet schnell heraus, dass Zeitungen ihn nicht sonderlich interessieren. Als er mit erst 15 ein Praktikum beim Sydney Daily Mirror absolviert, schläft er mitten in einer Pressekonferenz ein und wird mit Freuden von einem Reporter des – nicht zum Murdoch-Konzern gehörenden – Sydney Morning Herald fotografiert. In Harvard studiert James Visual Environment Studies. Er filmt animiert Marionetten und zeichnet für ein Satire-Magazin mit Albrecht dem Hunnen einen deutschen Antihelden, der lieber liest, als auf Raubzüge zu gehen. Ein Jahr vor seinem Abschluss kehrt James Harvard den Rücken, um weiter in die Welt der Alternativkultur einzutauchen und Mitbegründer des kleinen New Yorker Hip-Hop-Labels Rawkus zu sein – mit einer teils verkopften Ästhetik das Richtige für eine klugen jungen Mann. 1995 kauft News Corp Rawkus auf, und James arbeitet fortan im Musikbereich des Unternehmens weiter. 2000 dann schickt ihn sein Vater nach Hongkong, um dort Star TV, das asiatische Rundfunknetz von News Corp, zu führen.

Verletzung der Sorgfaltspflicht

Im Jahr darauf wird er zum Geschäftsführer von BskyB ernannt und erklärt 2004 gegen den Rat erfahrener Kollegen, BSkyB setze künftig auf einen vergrößerten Abonnenten-Stamm, nicht mehr auf kurzfristige Profite. An der Londoner Börse fallen daraufhin die Aktien des Unternehmens an einem Tag um ein Fünftel, aber James Murdoch verfällt nicht in Panik. In den folgenden Jahre erweist sich seine Strategie als richtig. 2007 wird ihm die Verantwortung für die britischen Zeitungen seiner Familie übertragen. „Bei British Sky Broadcasting hat er die Unternehmenskultur geändert, es aber versäumt, bei News International das Gleiche zu tun. Stattdessen passte er sich langsam den dortigen Gepflogenheiten an“, sagt einer, der ihn gut kennt. „Er hätte den Laden auf den Kopf stellen sollen, dann wäre er eine Art Held gewesen.“

Jetzt aber ist Murdochs Zukunft ungewiss. Selbst wenn ihm die Sky-Aktionäre das Vertrauen aussprechen, wird sein Erbe nicht mehr das Gleiche sein wie noch vor zwei Wochen. „Das Unternehmen dürfte für lange Zeit unter enormem Druck stehen“, sagt Claire Enders. Viele glauben – es erholt sich nie. Möglicherweise kann James nur noch den Niedergang verwalten. Es sei denn, er muss Schlimmeres hinnehmen. Immerhin gibt der frühere Labour-Innenminister Alan Johnson zu verstehen, er könne sich vorstellen, dass Murdoch strafrechtlich verfolgt werde und ihm Gefängnis drohe. Nach dem Regulation of Investigative Powers Act aus dem Jahr 2000 lassen sich Firmenchefs, deren Unternehmen in gesetzwidrige Abhöraktionen verwickelt sind, zur Verantwortung ziehen, falls sie der „Mitwisserschaft“ oder einer „Verletzung der Sorgfaltspflicht“ für schuldig befunden werden.

Andy Beckett ist Medienkolumnist Übersetzung: Zilla Hofman, Holger Hutt

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13:36 22.07.2011
Geschrieben von

Andy Beckett | The Guardian

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