Zerstrittene Helfer

Haiti Während die Vereinten Nationen Haiti so schnell wie möglich mit Hilfsgütern versorgen wollen, hat für die US-Army die Sicherheitslage oberste Priorität

Seitdem die USA die Koordination der Hilfsmaßnahmen für Haiti übernommen haben, kommt es zu diplomatischen Querelen mit anderen Ländern und Hilfsorganisationen, deren Güter zurückgewiesen und deren Flugzeuge umgeleitet werden. Brasilien und Frankreich haben sich in Washington bereits mit offiziellen Protestnoten beschwert, nachdem ein US-Militärflugzeug Maschinen aus anderen Ländern gezwungen hat, in die Dominikanische Republik auszuweichen. Brasilia erklärte, es sei nicht bereit, das Kommando über die auf Haiti stationierten UN-Truppen abzugeben und Paris beklagte sich darüber, der Flughafen von Port-au-Prince sei zu einer „Außenstelle“ Washingtons geworden. Auch das Rote Kreuz und die Vereinigung Ärzte ohne Grenzen beschweren sich über umgeleitete Flüge. Haitis Präsident René Préval mahnt die Parteien zur Ruhe. „Wir befinden uns in einer äußert schwierigen Situation", agrumentiert er. "Wir müssen einen kühlen Kopf bewahren und Absprachen treffen, anstatt uns gegenseitig Vorwürfe zu machen.“

Trost des UN-Generalsekretärs

Der Streit eskaliert in einem denkbar ungünstigen Moment: Endlich erreichen die ersten Hilfslieferungen Hunderttausende, die verzweifelt auf Wasser, Lebensmittel und Medikamente warten – sechs Tage, nachdem ein Erdbeben der Stärke sieben die Hauptstadt der Karibikinsel erschüttert hat und nach Angaben der haitianischen Behörden mehr als 100.000 Menschen in den Tod riss. Die UN könnten bereits 40.000 Überlebende mit Lebensmitteln versorgen und hofften, diese Zahl innerhalb von zwei Wochen auf eine Million zu erhöhen, so UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon am Wochenende in Port-au-Prince. „Ich komme mit einer Botschaft der Hoffnung, dass Hilfe unterwegs ist“, sagte Ban vor dem schwer beschädigten Nationalpalast. Er wisse, dass viele Menschen frustriert seien und keine Geduld mehr hätten, aber die oberste Priorität der UN bestehe darin, so viele Menschenleben zu retten wie möglich, die humanitäre Hilfe auszuweiten und zu verstetigen sowie die Hilfslieferungen zu koordinieren.

Die haitianische Regierung hat bisher 14 Ausgabestellen für Nahrungsmittel eingerichtet – Hilfsorganisationen betreiben fünf Nothospitäler. Wasseraufbereitungsanlagen sind eingetroffen, um Krankheiten und Seuchen zu vermeiden. In Anbetracht diverser Nachbeben, aufgedunsener Leichen auf den Straßen sowie einer drastischen Wasser- und Lebensmittelknappheit haben sich viele Überlebende dazu entschlossen, die Stadt zu verlassen und aufs Land zu ziehen.

Schwimmender Flughafen

Dennoch bleibt die Sicherheitslage prekär. Plünderer kämpfen mit Steinen und Stöcken um Reis, Kleider und andere Waren, die aus den Trümmern geborgen werden konnten. An manchen Orten gibt es noch nicht einmal den Versuch, Hilfe zu organisieren. Die Mitarbeiter von Hilfsorganisationen werfen die Lebensmittelpakete lediglich in die Menge der Wartenden, die Hubschrauber heben sofort wieder ab, sobald sie ihre Fracht abgeladen haben. „Sie fragen nicht danach, wer das Wasser am dringendsten braucht – die Kranken und die Alten haben keine Chance“, sagte Estime Pierre Deny gegenüber Reuters, während er gerade versucht, im Gedränge der Massen einen Kanister mit Wasser zu füllen.
Der Frust über die Schwierigkeiten, die Hilfsgüter zu den Menschen vor Ort zu bringen, wird nun zusätzlich durch Rivalitäten zwischen den Geberländern erhöht, als sich abzuzeichnen begann, dass die USA die Krise ausschließlich zu ihrer Angelegenheit machen wollen. Deshalb werden 12.000 Soldaten in der Region entsandt. Zu ihnen zählen auch die Marines, die auf dem Flugzeugträger USS Carl Vinson stationiert sind, der vor der Küste Haitis ankert und als „schwimmender Flughafen“ fungiert.

Die durch die Zerstörung von Präsidentenpalast und Ministerien gelähmte haitianische Regierung unterzeichnete eine Absichtserklärung, mit der sie die Kontrolle über den Flughafen Toussaint L’Ouverture formal den Amerikanern überträgt. Die UN, die bereits vor dem Beben mit einer 9.000-Mann-starken Friedenstruppe vor Ort waren, scheinen aufgrund ihrer eigenen Verluste an Menschenleben und Infrastruktur nicht in der Lage, die Kontrolle zu übernehmen. Sowohl Missionschef Hédi Annabi (Algerien), sein Stellvertreter Luiz Carlos da Costa (Brasilien) als auch der amtierende Polizeipräsident Doug Coates (Kanada) sind der Katastrophe zum Opfer gefallen.

Übersetzung: Holger Hutt

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18:30 18.01.2010
Geschrieben von

Rory Carroll/Daniel Nasaw | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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