Zopf am Ball

EM-Mode Guardian-Kolumnistin Hadley Freeman beantwortet die dringlichsten Leserfragen. Diesmal: Warum tragen plötzlich so viele Fußballer Pferdeschwanz?
Zopf am Ball
Schwedens Star Zlatan Ibrahimovic trägt ein besonders bemerkenswertes Pferdeschwanz-Modell. Auf Schwedisch heißt das "hästsvans".

Foto: Getty images

Beim Spiel England gegen Schweden am Freitag waren so viele Pferdeschwänze auf dem Spielfeld zu sehen. Ist der Pferdeschwanz für den Mann wieder da? fragt Katharine aus London

Hadley Freeman antwortet: Nun ja, Katherine, Ihre Frage unterstellt, dass das, was Fußballspieler tragen, irgendwie etwas mit Modetrends zu tun hätte. Wäre dem so, würden auf den Chanel-Laufstegen Maharadscha-Hosen und Netzshirts zu sehen sein – diesen Look habe ich mit meinen eigenen, bedauernswerten Augen an niemand anderem als Dwight Yorke gesehen. Bei diesem Anblick erschloss sich mir kaum, warum Fußballer als „Idole“ gelten.

Gibt es auch nur ein einziges Beispiel für einen Fußballer, der einen modischen Trend ausgelöst hat, zu dem man raten könnte? Wie Victoria Beckham nach Baden-Baden festgestellt hat, besteht der einzige Weg, modisch zu sein und trotzdem auch nur irgendwie mit der Fußballwelt in Verbindung zu stehen, darin, sich so anzuziehen, als habe man nichts mit ihr zu tun. Also tauschte sie Haarverlängerungen und Hotpants gegen Hermès und Louboutins und wertete ihre Garderobe so auf, dass sie eher einer Jackie O. als einem Popsternchen entsprach.

Pferdeschwänze hingegen zeugen in keinster Weise von einem solchen Bewusstsein. Wenn überhaupt, demonstriert man das Gegenteil, wenn man im irrigen Glauben, dass „Klischee“ auf französisch für „klassisch“ steht, den klischeebeladensten aller Fußballlooks übernimmt.

Das Tao des Fußballers

Ich habe viel aus dem England-Schweden-Spiel gelernt. Zumindest über Pferdeschwänze bei Männern. Erstens, dass Pferdeschwanz auf Schwedisch hästsvans heißt. Das hat phonetisch eine irgendwie witzige, aber irgendwie auch eklige Ähnlichkeit zu Häagen-Dazs.

Zweitens habe ich gelernt, dass die Sehnsucht nach einem Pferdeschwanz keineswegs ausschließlich stilistisch notorisch überforderten englischen Fußballern zu eigen ist. Zlatan Ibrahimovic gab mit einem Pferdeschwanz, der ein noch größerer Albtraum war als die Aufbauanleitung für ein Ikea-Hochbett, sein Bestes, Schwedens guten Ruf in Sachen Ästhetik zu zerstören.

Zu guter Letzt erhielt ich auch Einblicke in die Mentalität des durchschnittlichen Fußballers. Der Pferdeschwanz, das weiß ich jetzt, steht für die Essenz des Fußballers. Für sein Tao, wenn man so will. Der Pferdeschwanz ist das Tao des Fußballers.

Eine Blase aus Arroganz

Ich habe nie verstanden, warum so viele Leute dermaßen fasziniert von den Spielerpersönlichkeiten sind. Überbezahlt, arrogant, ungehobelt, manchmal vielleicht sogar rassistisch und total scharf darauf, Urlaub in Dubai zu machen – was sind das für Leute? Und wer interessiert sich für sie, wenn es nicht gerade darum geht, ob die eigene Lieblingsmannschaft verloren oder gewonnen hat?

Jetzt habe ich es aber, glaube ich, verstanden.

Ein Mann mit einem Pferdeschwanz ist eine besondere Sorte Mann. Er unterscheidet sich etwa vom tätowierten Mann, denn Tattoos sind zwar fürchterlich, aber (leider) nicht vollkommen anachronistisch. Einige vollkommen achtbare Leute haben Tattoos (Jonny Depp und äh … lassen Sie mich noch eine Minute überlegen). Aber kein einziger achtbarer Mann trägt einen Pferdeschwanz.

Ein Mann mit Pferdeschwanz lebt in einer Blase aus Arroganz, mangelndem Bewusstsein für das Heute, fehlendem, an Soziopathie grenzendem Interesse, für die Meinungen anderer und Fantasien, die auf dem Machismo der 70er beruhen. Anders ausgedrückt: ein Fußballer. Das soll nicht heißen, dass bei anderen Sportarten keine fiesen Frisuren zur Schau getragen werden. Aber der Fußball bietet aus den oben genannten Gründen doch besonders fruchtbaren Boden für Pferdeschwänze und Haarbänder.

Fantasien der Vergangenheit

Was sagt das nun über die Fans dieser Sportart? Nun, sie sind keine Soziopathen wie ihre Idole. Viele von ihnen – vor allem die über Dreißig – scheinen mir aber doch ein ziemlich siebziger Jahre-mäßiges Verständnis des Machismo zu haben – nicht unbedingt, hinsichtlich des eigenen Lebensstil, sondern hinsichtlich dem, den sie ihn bei ihren Idolen akzeptieren. Außerdem können sie sich so von ihren Kindheitserinnerungen blenden lassen, um über die Überkommerzialisierung des heutigen Fußballs hinwegzusehen.

Denn seien wir doch mal ehrlich: Den Fußball in seinem derzeitigen Zustand kann keiner lieben. Diese Liebe kann nur auf Erinnerungen aufbauen. Die Liebe zum Fußball, insbesondere dem englischen, wurzelt mehr als die zu jedem anderen Sport eher in Fantasien von der Vergangenheit als der Realität der Gegenwart. Einer Vergangenheit, in der Pferdeschwänze bei Männern der Inbegriff der Coolness und ein Fußballer mit langem Haar der lässigste Typ auf dem Rasen war und nicht der Trottel mit dem Zopf.

Und deshalb, liebe Katherine, werden Pferdeschwänze im Fußball immer beliebt sein, in der echten Welt allerdings, Gott sei Dank, nie.

16:45 19.06.2012
Geschrieben von

Hadley Freeman | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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