Zu Besuch bei den Fanatikern

USA Der Swing-State Florida könnte die US-Wahl entscheiden, aber viele potenzielle Wechselwähler gibt es nicht
Florida im Oktober 2020: Die Demokraten halten coronabedingt kaum Meetings ab, die Republikaner pfeifen auf Vorsicht (siehe unten)
Florida im Oktober 2020: Die Demokraten halten coronabedingt kaum Meetings ab, die Republikaner pfeifen auf Vorsicht (siehe unten)

Foto: Agencia Efe/Imago Images

Cliff Gephart ist als lokaler Geschäftsmann ein begeisterter Trump-Anhänger. Vor einem dreiviertel Jahr hat er im Florida-Landkreis Pinellas in einem leer stehenden Gebäude, in dem früher ein Strip-Club war, ein dem US-Präsidenten gewidmetes Café eröffnet. Das Geschäft läuft gut im Conservative Grounds, trotz der Pandemie. Hunderte Gäste, manchmal über tausend, sagt Gephart, kämen täglich hierher, um Kaffee zu trinken, über Politik zu reden oder einen der zahlreichen Trump-Merchandising-Artikel zu erstehen. Niemand achtet auf Abstand oder trägt eine Gesichtsmaske. 2016 erklärte das Narrativ vom „heimlichen Trump-Wähler“, warum der milliardenschwere Immobilienmagnat unerwartet den Weg ins Weiße Haus fand. Heute dagegen sind die Trump-Wähler in Pinellas wie anderen Teilen Floridas ohne Skrupel präsent, mächtig und gut organisiert.

Im Café gibt es ein Wandregal voller abgelegter Waffen, einen Kaugummi-Automaten, gefüllt mit bereits verschossener Munition, und eine Kaffeemaschine, die mit demokratische Politiker verunglimpfenden Aufklebern dekoriert ist. Im hinteren Teil des Etablissements finden sich eine maßstabsgetreue Nachbildung des Oval Office mit einer Kopie des Präsidenten-Schreibtisches, Pappfiguren von Trump und der First Lady sowie einer Martin-Luther-King-Büste, die eine knallrote Trump-2020-Kappe trägt. Ich frage Besitzer Gephart, einen grobschlächtigen 50-Jährigen mit Bartstoppeln, ob manche Leute die so verzierte King-Büste nicht als verletzend empfänden. Kings Kinder seien schließlich energische Kritiker des Präsidenten. Auch habe sich Trump geweigert, das Leben der Bürgerrechtsikone John Lewis nach dessen Tod im Juli zu würdigen. „Alles verletzt heutzutage irgendjemanden“, zuckt Gephart mit den Schultern.

„Denn das ist Sozialismus!“

Dieses Café ist mehr als eine Geschäftsidee, es ist ein Zeichen für das politische Kapital, das Trumps Graswurzelaktivisten derzeit im ganzen Land besitzen. Gephart war die treibende Kraft hinter einer Trump-Bootsparade in der Bucht von San Francisco, an der sich im September über tausend Menschen beteiligten. Hat er politischen Einfluss? Gephart gibt sich bescheiden. „Es war nicht unser Plan, mehr zu tun, als ein Café zu betreiben. Wir wollten einfach einen Ort schaffen, an dem sich die Leute treffen, und es einen ‚Kameradschaftsladen‘ nennen. Und diese Kameradschaft schwappt nun eben in den Wahlkampf.“ Auch wenn er nach außen hin verbindlich wirkt, ist Gepharts Facebook-Seite voll mit gehässigen Botschaften, zuweilen gepaart mit Islamophobie und Frauenverachtung, in der Online-Kultur der Konservativen gerade Mainstream.

Es gibt nur wenige Optionen für Donald Trump, ohne Sieg in Florida, dem ewigen Swing-Staat mit 29 Wahlmännerstimmen, im Weißen Haus zu bleiben. Derzeit sieht es so aus, als sollte sich in Florida vieles erst in letzter Minute entscheiden, eine düstere Aussicht angesichts der Tatsache, dass Trump mehrfach angekündigt hat, die Macht nicht friedlich abgeben zu wollen, falls er die Abstimmung verliert. Was hieße das für Florida, was für die Republikaner hier, bei denen eine toxische Politik in Sekundenschnelle in offenen Rassismus umkippen kann?

Am Tag nach dem Besuch im Café fahre ich auf Empfehlung Gepharts zu einem Fahnenschwenk-Wahlmeeting. Es findet neben einer Zugbrücke statt, durch die die Stadt mit dem weißen Sand von Madeira Beach verbunden wird. Es dauert nur einige Minuten, bis die Sache kitzlig wird.

Als die Zugbrücke sich hebt, strömen die rund 50 Wahlkämpfer mit ihren Bannern auf die Straße und stoppen ein Auto, in dem vier junge Latino-Frauen sitzen. „Wie würde es euch gefallen, wenn im Lebensmittelladen nichts mehr zu haben ist?“, schreit einer sie an. „Denn das ist Sozialismus, meine Liebe.“ Die Frauen haben ihre Fenster runtergelassen und drehen die Musik auf, um die Pöbelei zu übertönen. „Ihr undankbaren Miststücke“, macht der – weiße – Fahnenschwenker weiter. „Raus aus unserem Land!“ Wir beschließen zu gehen und werden auf dem Weg zu unserem Auto von einem Mann mit einem Poster verfolgt, auf dem steht: „Demokraten sind für den Mob“.

Joe Bidens Wahlkampfauftritt in Florida Anfang September zielte darauf, mehr Latino-Wähler auf seine Seite zu bringen, indem er Trumps verpatzte Reaktion auf den Hurrikan Maria scharf kritisierte. Als 2017 der Wirbelsturm das US-Territorium Puerto Rico schwer in Mitleidenschaft zog, flohen Tausende von dort nach Florida, aber es wurde ihnen kaum geholfen. Trump besuchte den Bundesstaat Mitte September, kurz nachdem er Amy Coney Barrett für die Nachfolge der verstorbenen Supreme-Court-Richterin Ruth Bader Ginsberg nominiert hatte.

Obwohl beide Bewerber nach außen hin unterschiedliche Wählerschaften einer sich merklich verändernden Bevölkerung in Florida ansprechen, ist dieser Staat noch immer zu 54 Prozent weiß. Trumps Kernwähler vor vier Jahren waren überwiegend weiß und älter, folglich muss Biden in diese Phalanx eine Bresche schlagen, will er im US-Staat Florida gewinnen.

Das weiß auch der Demokrat Charlie Crist, der Kongressabgeordnete für den County Pinellas. Ein routinierter Politiker mit perfekt sitzendem silbergrauen Haar, seit vielen Jahren in der Politik Floridas aktiv und sich daher bewusst, wie schwierig es ist, republikanische Wähler für einen Schwenk zu gewinnen. Crist war einer der ersten Demokraten im Kongress, der Bidens Wahlkampf unterstützte, indem er den Kandidaten „Medizin für Amerika“ nannte. Er wiederholt das vor potenziellen schwarzen Wählern im Stadtteil South von St. Petersburg, der stark von der Pandemie betroffen ist. Man stoße in diesem Viertel auf die Reaktionen wie überall, die Leute seien es leid, überhört zu werden. „Sie wollen dringend, dass sich etwas ändert, am besten morgen schon.“ Trotz dieser Ansage kann mir Crists Wahlkampfteam keine Person nennen, die bereit wäre, über einen Sinneswandel zu reden, womit sich die Realität Geltung verschafft: Nur ein geringer Prozentsatz der Wähler in Florida, etwa vier Prozent, sind laut Analysten zum Wechsel bereit. Alle anderen bleiben ihrer jeweiligen Partei treu. Ist diese kleine kritische Masse das Zünglein an der Waage, wenn es eng wird?

Foto: Brendan Smialowski/AFP/Getty Images

Biden-Fans leben in Angst

160 Kilometer landeinwärts, im Kernland der Republikaner, liegt das Seniorenwohngebiet The Villages. 120.000 Pensionäre leben hier und bezeichnen das Quartier als „Disneyland für die ältere Generation“. Gemeint ist ein Biotop aus bewachten Anwesen und Parks, Golf- und öffentlichen Plätzen. 98 Prozent der Bewohner sind weiß, 2016 hat Trump hier haushoch gewonnen. Im Juli 2020 wurde eine Pro-Trump-Golfmobil-Demonstration zum Symbol für Spaltung und Rassismus, als ein Trump-Anhänger – „White Power“ rufend – auf einem Video festgehalten wurde. Donald Trump hatte es per Twitter geteilt, nach großem Online-Backlash aber wieder gelöscht.

Es sei schockierend, aber nicht überraschend, sagt Chris Stanley, Präsidentin des Demokratischen Clubs in The Villages: Wer hier Joe Biden offen unterstütze, dem werde vorgeworfen, gegen die guten Sitten zu verstoßen. Mitgliedern ihres Clubs seien die Häuser beschädigt, die Golfmobile blockiert oder die Treffen mit bisherigen Freunden verweigert worden. Und das nur, weil sie ihre Gesinnung nicht verborgen hätten. Wir unterhalten uns, während Stanley ihr Golfmobil, das mit Joe-Biden-Symbolen dekoriert ist, eine Straße entlang steuert. Ein anderer Fahrer zeigt ihr den Mittelfinger, als sie vorbei flitzt. „Weil Trump einer ist, der so viel Gewaltrhetorik benutzt“, sucht sie eine Erklärung, „fühlen sich seine Anhänger ermutigt, ebenfalls schroff und verletzend zu sein.“ Als ich nach Wechselwählern frage, die nun Biden vorziehen, lacht Stanley nur. Sie habe eine Liste voller Namen, aber keiner wolle öffentlich genannt werden. „Nicht einmal, wenn Sie ihnen Anonymität garantieren.“

Die Alten tragen keine Maske

Eine ernüchternde Erinnerung daran, in welchen Zeiten wir leben. Nach Tagen vergeblicher Recherchen finde ich endlich einen ehemaligen Trump-Wähler, der bereit ist, sich zu äußern. Dan Goerd, ein 70-jähriger Pensionär, der seit fünf Jahren hier lebt, bereut seine Wahlentscheidung von 2016. Er habe beobachtet, wie sehr die Gemeinschaft seiner Wohnanlage zerstritten sei. „Ich dachte, wenn ich ihn wähle, würde er für die Veränderungen sorgen, die nötig sind. Aber jetzt regiert nicht mehr das Gesetz, sondern nur noch Trump. Er hat gelogen, er hat betrogen, ich kann einfach nicht für ihn stimmen.“ Unser Gespräch wird von einem Mitbürger unterbrochen, der im Vorbeifahren ruft: „Go Trump!“ – „Geh und bau einen Unfall!“, antwortet Goerdt sarkastisch.

Darf man dem Phänomen des „heimlichen Joe-Biden-Wählers“ glauben? Nach letzten Umfragen liegt Biden bei den Wählern über 65 landesweit vor Trump, doch wird der Wahlkampf in The Villages wie überall weiter von der Pandemie behindert. Die Demokraten halten hier kaum Meetings ab und klopfen coronabedingt an keine Tür, um für Unterstützung zu trommeln. Dieses Verhalten steht in einem krassen Kontrast zum Wahlkampf der Republikaner, die in Florida häufig komplett auf Gesundheitsregeln pfeifen.

Ich bin unterwegs zum nahe gelegenen Country Club, um mir ein Treffen der „Villagers for Trump“ anzuschauen, einer Graswurzel-Gruppe, die dem Präsidenten höchst loyal gegenübersteht. Es sind die gleichen Leute, von denen die „White Power“-Golfmobil-Demonstration organisiert wurde. Heute soll es ein hawaiianischer Abend werden mit einem Vortrag des konservativen Radiomoderators Malcom Out Loud. Es gibt zwei Sitzblöcke mit je 150 Gästen, von denen die meisten weit über 65 sind. Es werden weder Abstände gewahrt noch Masken getragen. Out Loud, der seinen Nachnamen offiziell geändert hat, beginnt zu reden, nachdem eine Gruppe von Frauen in Grasröcken zu Lee Greenwoods Song God Bless the USA einen Hula-Tanz vorgeführt hat. Loud tischt seinem Publikum sofort die üblichen Fehlinformationen und Verschwörungstheorien über Corona auf. „Dieser Virus war nie gefährlicher als jeder andere!“ Es folgt, was in republikanischen Gesprächskreisen zum Mainstream gehört: Die offiziellen Todeszahlen müsse man anzweifeln. „Das Ganze wurde aus offensichtlichen Gründen politisiert, damit sich die Demokraten die Macht und das Weiße Haus zurückholen können. Denn was ist seit 2016 ihr Ziel? Donald Trump aus dem Amt zu kriegen.“

Donnernder Applaus, während dunkle Gewitterwolken aufziehen und sich ein Blitz über dem nahen Golfplatz entlädt. Nach der Rede frage ich Out Loud, ob ihm wohl dabei ist, vor einer Gruppe von Risikopersonen eine solche Botschaft zu vertreten. Über 14.000 Menschen starben bisher allein in Florida an Corona, einer der schlimmsten Werte landesweit. 82 Prozent der Verstorbenen waren über 65. „Ja, sicher“, antwortet Loud, „aber ich bin ein Mann der Meinung. Und heute sind ja alle Nachrichten Meinung und Kommentar. Es gibt keine Nachrichten mehr. Das ist vorbei.“ Diese Auskunft bestätigt ein Gefühl, das mich in Florida nie verlässt. Es sind zwei verschiedene Realitäten zu beobachten: Eine basiert auf Fakten, die andere auf Dogmen. Schwierig zu sagen, welche am 3. November triumphieren wird.

Oliver Laughland leitet das Guardian-Büro in New Orleans

Übersetzung: Carola Torti

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Geschrieben von

Oliver Laughland | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 5736
The Guardian

Kommentare 2