Zu viel des Guten

Instagram Die Foto-Plattform macht unglücklich. Immer mehr Nutzer und Psychologen halten das Dauerfeuer des perfekten Lebens für problematisch
Zu viel des Guten

Foto: Josh Edelson/AFP/Getty Images

„Die besten Tage beginnen mit einem Lächeln und positiven Gedanken. Und Pancakes. Und Erdbeeren. Und endlos viel Tee.” Als die 24-jährige Fashion-Bloggerin Scarlett Dixon mit diesem Text ein Foto von sich beim Frühstücken auf Instagram postete, zeigte das Internet sein fieses Gesicht. Auf dem Bild war sie makellos zurechtgemacht auf einem frisch gemachten Bett sitzend zu sehen, rechts und links flankiert von herzförmigen Helium-Ballons.

Der gesponsorte Post – ein Flasche Mundspülung ist deutlich sichtbar rechts im Bild platziert – wurde schnell über Twitter verbreitet und kommentiert. „Kann mir niemand erzählen, dass bei irgendjemandem so ein normaler Morgen aussieht“, erregte sich Nathan aus Cardiff. „Instagram ist eine absurde Lügenfabrik, die darauf abzielt, dass wir uns alle unzulänglich fühlen.” Sein Post erntete mehr als 111.000 Likes – 22 mal so viele wie Dixons Original – und wurde fast 25.000 mal retweetet. Er löste eine Welle der Kritik aus, wobei die noch am ehesten druckbaren Kommentare von „Fake-Leben“ über „Lasst uns ihre Ballons platzen lassen!“ und „Wer bewahrt denn Mundspülung auf seinem Nachttisch auf? Serienmörder, würde ich sagen!” reichten.

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Diese Feindseligkeit erinnert an das, was eigentlch typisch für Twitter ist. Das soziale Netzwerk ist berüchtigt dafür, dass einander Fremde sich gegenseitig beleidigen und manchmal zusammentun, um Celebrities, B-Promis und Personen des öffentlichen Lebens wegen vermeintlicher „Fehltritte“ aus dem Netz zu mobben.

Auf den ersten Blick wirkt Instagram dagegen wie eine Kuschelwiese. Eine auf Fotos basierende Community, deren primäre Interaktion ein Doppelklick auf ein Bild ist, um es zu liken. Die Posts, die viral gehen, tun es meistens wegen ihrer Positivität. Viele der größten Accounts gehören berühmten Hunden und Katzen. Was gibt es daran schon auszusetzen?

Weniger harmlos, als man denkt

Für eine wachsende Zahl von Nutzerinnen und Nutzern – und Psychologen – ist gerade diese Positivität von Instagram das Problem. Das Netzwerk ermutigt dazu, ein möglichst optimistisches und attraktives Bild von sich zu präsentieren. Wenn Facebook zeigt, dass alle langweilig sind, Twitter beweist, dass alle schrecklich sind, lässt Instagram die Sorge aufkommen, dass alle perfekt sind – außer einem selbst natürlich.

In den Tagen nach ihrem ursprünglichen Post wies Dixon auf die Absurdität hin, dass dieseAngst – dass die Realitätsferne der sozialen Medien Menschen schadet – als Rechtfertigung für die Tausenden diente, die sie attackierten. „Jedes Mal, wenn ich meine Seite aktualisiere, stürmen neue gemeine Kommentare auf meine Instagram-, Twitter- und YouTube-Accounts ein, darunter auch bösartige Todesdrohungen,” klagte sie unter einem Bild, das sie mit einem Eis in der Hand in Venedig zeigt. „Mittlerweile zirkulieren hunderttausende Tweets im Internet, die mich schlecht machen.” Sie fügte hinzu: „Mein Feed zeigt nicht die Realität. Ich meine, wer verbringt schon Zeit in so einer schönen Stadt, ausgestreckt auf einem Felsen, Eis in der Hand und einem permanenten Lächeln im Gesicht? Natürlich ist das inszeniert, Leute.“

Heute schon Fomo gehabt?

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Jedenfalls wächst langsam die Überzeugung, dass Instagram der psychischen Gesundheit seiner Nutzer nicht sonderlich gut tut. Darauf weist eine Umfrage der nichtstaatlichen Organisation Royal Society for Public Health (RSPH) hin, die die mentale Gesundheit und Wohlbefinden der Briten verbessern will. 2017 befragte sie in einer landesweiten Studie 14-24-jährige Nutzer und Nutzerinnen zu den fünf großen Social Media-Plattformen: Twitter, Facebook, YouTube, Snapchat und Instagram. Die Befragten bewerteten, wie die Nutzung der Plattformen ihr Leben beeinflusst – von der Qualität ihres Schlafes bis zu ihrer „Fomo“ (kurz für: „Fear of Missing out“, also Angst davor, etwas zu verpassen und sozial außen vor zu stehen).

Instagram schnitt am schlechtesten ab. Insbesondere wegen negativer Auswirkungen auf Schlaf, Körperwahrnehmung und Fomo. Nur Snapchat kam an die insgesamt negative Beurteilung heran, rettete sich aber mit einem positiveren Effekt auf die Beziehungen in der realen Welt auf Platz vier, während YouTube fast in jeder Kategorie relativ positiv bewertet wurde – außer hinsichtlich der Wirkung auf den Schlaf, den es am negativsten beeinflusst.

Demnach wirkt Instagram nur oberflächlich harmlos: „Dieses endlose Scrollen ohne viel Interaktion ist nicht förderlich für Gesundheit und Wohlbefinden“, erklärte Niamh McDade von RSPH. „Außerdem fehlt die Kontrolle über das, was man sieht. Und häufig geben Bilder vor, Realität zu zeigen, tun es aber nicht. Das ist vor allem für junge Menschen gefährlich.”

Schräge Selbstwahrnehmung, schräge Fremdwahrnehmung

Häufig werde das Risiko betont, eine zu kritische Wahrnehmung des eigenen Körpers zu entwickeln. Aber das sei nur ein Aspekt des Problems, betonte McDade: „Manche Leute schauen sich vielleicht Feeds voller Autos an und entwickeln Ängste und Depressionen, weil sie sie sich nicht leisten können.” Der 24-jährige Stephen aus London flüchtete sich nach einer Trennung in selbstzerstörerisches Online-Verhalten. „Ich hatte ziemlich Liebeskummer,” erklärte er, „und immer, wenn ich den Namen meiner Ex auf Instagram sah, hat es mich zerrissen. Mir ging es ziemlich schlecht. Ich nutzte Instagram vor allem, um mich zu ,bestrafen’, in dem ich mir immer wieder meine Ex ansah. Oder ich browste, um mich abzulenken. Es kam soweit, dass ich viel Zeit damit verbrachte, attraktive Frauen zu betrachten.“ Das führte dazu, dass er immer weitere gezeigt bekam. „Mein Verhalten wurde ungesund, ich entwickelte ein schräges Frauenbild, und es ging mir immer schlechter.“

Stephen fand den Absprung. Er machte ein Jahr Pause von der App und nutzte die Zeit, um eine Doktorarbeit über ihre negative Wirkung auf das Wohlbefinden und die Zufriedenheit mit dem eigenen Körper zu schreiben. „Das Problem an Instagram ist, dass man fast ausschließlich Inhalte teilt, die einen positiv darstellen“, erklärt er. „Auf Twitter und Facebook gibt es viel mehr Inhalte, in denen es nicht um ‚Hey, guck dir mein tolles Leben an‘ geht.”

Der 25-jährige Syrer Adnan lebt in Kapstadt und nutzt Instagram. „Ich bin seit 2013 auf der Plattform und anfangs hat es mir viel Spaß gemacht“, erzählte er. „Aber über die Jahre hat sich die App verändert. Früher posteten die Leute Essensfotos oder so. Heute ist Instagram eine wettbewerbsorientierte soziale Plattform, auf der alle ihr Leben filtern. Niemand sieht die ganze Zeit gut aus, niemand ist immer glücklich. Wenn ich Probleme habe, zieht es mich wirklich runter, wenn ich andere Leute sehe, die ein ,perfektes‘ Leben haben.” Dabei sei er auch nicht besser: „Ich gebe zu, dass ich auch versuche, nur meine beste Seite zu zeigen.” Und damit ist er laut Stephen keineswegs allein: „Fast alle User machen da mit. Selbst wenn uns die unrealistischen Lebensdarstellungen, denen wir folgen, unglücklich machen, teilen wir eine unrealistische Version unseres eigenen Lebens.“

Der neue Algorithmus verstärkt das Problem

"Man sieht häufig Bilder, die vorgeben, die Realität abzubilden. Das Problem ist nur: Sie tun es nicht."

Foto: Imago/Aurora Photos

Ging es bei Instagram nicht immer schon darum, sich makellos zu präsentieren? Was hat diese negative Entwicklung angestoßen? Viele Nutzer nennen einen möglichen Auslöser: die Einführung von Instagrams Algorithmus-gesteuerter Timeline Mitte 2016. Das war die größte Veränderung an der Plattform, seit Facebook sie 2012 kaufte. Anstatt den Nutzern einen Querschnitt davon anzubieten, was die Leute, denen sie folgen, an einem bestimmten Zeitpunkt machen, begann Instagram die vermeintlich interessantesten Posts aus diesen Accounts auszuwählen – oft mit Beiträgen, die Tage oder gar Wochen zuvor gepostet wurden. Um besonders interessante Inhalte anzubieten, begann Instagram damit eine kuratierte, unrealistische Version von bereits kuratierten, unrealistischen Feeds zu fördern.

Die „Elternschafts“-Bloggerin Talya Stone schreibt unter Motherhood: The Real Deal und distanzierte sich kürzlich von Instagram: „Lange Zeit war Instagram einer der wenigen Orte, an denen sich Interaktion real anfühlte. Dann kam der Algorithmus und zerstörte genau das. Der eigentliche Sinn der sozialen Plattformen ist doch, dass sie die sozialen Kontakte verbessern sollen – aber bizarrerweise basieren sie auf einem Algorythmus, der gegen dieses Ziel arbeitet.”

Lifestyle-Bloggerin Victoria Hui weist auf einen weiteren Punkt hin, der professionelle Instagram-Nutzer betrifft, die durch Werbung und Sponsorengelder ihren Lebensunterhalt verdienen oder zu verdienen hoffen. „Der neue Algorithmus schafft einen Beliebtheitswettbewerb, so dass Instagram-Akteure unethische Geschäftsentscheidungen treffen, um an der Spitze der Nahrungskette zu bleiben.”

Skrupellose Inhalte-Anbieter begannen Follower, Likes und Kommentare zu kaufen, um den Algorithmus an der Nase herumzuführen. Als Instagram dagegen vorging, erzählt Hui, formten diese User heimlich „Kommentar-Pods” mit der Absprache, „jeden Post miteinander zu teilen, um ,authentisches‘ und sofortiges Engagement zu generieren”.

Während Influencer wie Dixon den größten Teil der Schuld für die Epidemie der Realitätsferne auf Instagram zugesprochen bekommen, ist sie auf allen Ebenen zu finden. Ich selbst habe irgendwann 2018 aufgehört, die App zu nutzen, als ich merkte, dass sie mir zu regelmäßig nicht gut tat. Dabei ist mein Instagram-Account auf einige hundert Follower und Posts beschränkt und fast ausschließlich dazu da, mit Leuten in Kontakt zu bleiben, die ich aus anderen Kontexten kenne. Influencern folge ich kaum, höchstens Popstar Carly Rae Jepsen oder einem auf Instagram berühmten Husky.

Dennoch präsentiert sich mir bei jedem Öffnen der App ein endloser Feed mit Bildern von Freunden und Familienmitgliedern, die unglaubliche Dinge tun und sich großartig amüsieren – ohne mich.

Man ist immer außen vor

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Jemand hat geheiratet. Ich war nicht eingeladen, sondern habe über die App davon erfahren. Jemand, der nach jedem Work-out super aussieht, lässt es uns alle regelmäßig wissen. Und jemand aus dem Freundeskreis, der derzeit eigentlich in New York lebt, ist offenbar in London, ohne mir Bescheid zu geben. Unterdessen mache ich nichts Bemerkenswertes – außer auf Instagram zu hängen.

Immerhin leide ich nicht unter der Werbung. Durch eine Panne in meinen privaten Einstellungen glaubt Instagram, ich sei ein Teenager aus Bangkok und schickt mir nur in Thai geschriebene Werbung für Akne-Mittel und Kentucky Fried Chicken. Das ist kein Witz.

Wenn ich Freunden von meiner Unzufriedenheit mit der App erzähle, sind die Reaktionen gemischt. Einige kommen mit der gängigen Weisheit, Influencern mit einem kommerziellen Interesse daran, mir ein perfektes Leben vorzugaukeln, nicht mehr zu folgen und die App nur dazu zu benutzen, mit Freunden in Kontakt zu bleiben, die mir wichtig sind. Rob beispielsweise folgt „weniger als hundert Leuten, alles Familie und Bekannte”. Nur: Ich folge ja schon gar keinen Influencern mehr und die Freunde, die mir am wichtigsten sind, sind auch jene, die meinem Selbstbewusstsein am ehesten einen „Ich-bin-außen-vor“-Schlag versetzen.

Andere raten mir genau das Gegenteil: Statt das Tun von Leuten, die mir wichtig sind, zu verfolgen, solle ich die App lieber als Quelle der Information und Inspiration nutzen. Für eine Freundin – Lynsey – etwa ist „Present and Correct“, eine Verkaufsseite für Design-Bürobedarf, der Ort, der sie glücklich macht. Eine andere Freundin – Marie – empfiehlt ihre persönliche Mischung aus „etwa einem Drittel Freunde, einem Drittel Parlamentsabgeordnete und einem Drittel Drag-Queens”.

Wie wäre es mit Verzicht?

Es stimmt, dass es eine ganze Welt von Informationen gibt, die sich am besten über ein visuelles Medium verbreiten lassen. Während einige Fitness-Instagrams das Gefühl geben, ein fetter Knetekloß zu sein, bieten andere viele nützliche, exakt auf die Zielgruppe zugeschnittene Tipps und Tricks.

Meine Erfahrungen lassen mich dennoch befürchten, dass diese Art Feed nur eine dünne Blende ist, während sich Instagram immer weiter ganz nah an den Abgründen unrealistisch perfekter Frühstücke bewegt, die von unrealistisch perfekten Menschen verspeist werden. Selbst Instagram-Eigentümer Facebook warnt davor, seine Produkte so zu nutzen. „Generell ist es so“, war im FB-Unternehmensblog 2017 zu lesen: „Wenn Leute viel Zeit damit verbringen, passive Informationen zu konsumieren – lesen, aber nicht mit Leuten interagieren – dann berichten sie davon, dass sie sich hinterher schlechter fühlen”. Facebooks Lösungsansatz war natürlich, dass alle mehr posten sollen. Klar, was sollten sie auch anderes sagen?

Man kann auch den Empfehlungen der Royal Society for Public Health folgen. Mit einem ersten scroll-freien September rief die Organisation im vergangenen Jahr User dazu auf, einen Monat lang die Nutzung der sozialen Medien zu beschränken, auf einer möglichen Bandbreite von „abruptem Total-Entzug“ bis zum Verzicht zu bestimmten Zeiten und Orten, wie im Schlafzimmer oder beim Essen.

Und wem das alles nicht hilft, hier der letzte Vorschlag mehrerer Leute, denen ich mein Insta-Leid klagte: Nicht ganz auf Instagram verzichten, sondern nur auf die Leute. Es gibt auf der Plattform schließlich genügend Hunde, Katzen, Vögel, Otter und Frettchen, um ein eigenes Soziales Netzwerk zu füllen – von Jiro, dem Otter, bis zu Gotcha, dem Kakadu –, und durchs Haustier-Instagram zu scrollen wird schwerlich am eigenen Ego nagen. Allerdings ist nie völlig auszuschließen, dass man den Wunsch nach einem photogeneren Labradoodle – Mischung aus Labrador und großem Pudel – als dem eigenen entwickelt.

Alex Hern berichtet für den Guardian aus dem Technologie-Sektor

Übersetzung: Carola Torti
06:00 22.01.2019
Geschrieben von

Alex Hern | The Guardian

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