Zucchini, Tomaten, Suizid

Ausbeutung Landarbeiter aus Indien schuften auf den Feldern Italiens wie Leibeigene. Nur wenige wagen den Gang zur Polizei

Als Singh* eine italienische Polizeistation betrat, um seine Ausbeutung auf den Feldern Süditaliens anzuzeigen, war er voller Entschlossenheit. „Ich bin ein Sikh“, sagt der Landarbeiter aus der nordindischen Region Punjab, dessen wahrer Name ein anderer ist. „Und wenn ein Sikh eine Entscheidung trifft, dann zieht er sie durch, egal was passiert.“

Singh kannte das Risiko, das er einging. Ein paar Tage nach der Anzeige im Polizeirevier begannen die Drohungen und Einschüchterungsversuche. Nach einer Woche hatte er seinen Job verloren und war gezwungen, seine Wohnung zu räumen. „Ich habe Angst davor, nach Indien zurückzugehen“, sagt Singh, „weil ich dort ein Habenichts bin. Aber ich weiß auch: Wie wir hier in Italien behandelt werden, ist falsch.“

Die oft unsichtbaren indischen Landarbeiter in einigen der größten Agrarregionen Italiens sind zunehmend von Ausbeutung und Einschüchterung bedroht. Allein in der Region Pontina südlich von Rom sind geschätzt 10.000 indische Arbeitskräfte offiziell angestellt, viele von ihnen Sikhs. Die Salatköpfe, Tomaten und Zucchini, die sie in Pontina ernten, werden zum Gemüsegroßmarkt in Fondi, in der Region Latium, gebracht. Von dort aus werden sie nach ganz Italien verkauft und in andere europäische Länder exportiert.

Korruption und organisierte Kriminalität sind in Italiens Agrarsektor weit verbreitet. Allein im Jahr 2016 wurden geschätzte 21,8 Milliarden Euro an illegalen Profiten abgeschöpft. Pontina ist keine Ausnahme. Viele Arbeiter hier sind von inoffiziellen Vermittlern für Saisonarbeiter abhängig, wenn sie einen Job auf einem der Tausende über die Region verteilten Agrarbetriebe finden wollen. Und unter Druck, für deutlich weniger als den offiziellen Mindestlohn zu arbeiten.

Opium, um durchzuhalten

Nachdem Singh 2008 aus seiner Heimat Punjab nach Italien gekommen war, schuftete er zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche auf einer Obst-und-Gemüse-Plantage. Die Arbeit war hart, sein Chef ausfällig und gewalttätig, der Lohn betrug im besten Fall 150 Euro pro Woche, sagt Singh. Nach Angaben der von italienischen Ärzten geführten Organisation Medu sprechen 43 Prozent der indischen Landarbeiter kein Italienisch und haben de facto keinen Zugang zu Rechtssystem und Unterstützungsangeboten. Zusätzlich zur schlechten Bezahlung, um die sie oft noch geprellt werden, laborieren die in der Landwirtschaft arbeitenden Sikhs an überfüllten Unterkünften und Gesundheitsschäden infolge des Umgangs mit Pestiziden. Viele Arbeiter mischen morgens Opium in ihren Tee und nehmen abends starke Schmerzmittel, um weiterarbeiten zu können. Besonders stark betroffen sind dabei die Älteren, sagt Harbajan Ghuman, ein ehemaliger Landarbeiter und Sprecher der Sikh-Community. Einige Arbeitgeber versorgten ihre Mitarbeiter direkt mit Drogen oder Medikamenten. „Wie kann ein 50- oder 60-Jähriger sonst den ganzen Tag durchhalten?“, fragt Ghuman.

Die meisten nordindischen Arbeiter kommen mit einem Saisonarbeitsvisum ins Land. Dafür zahlen viele 7.000 bis 13.000 Euro an indische Mittelsmänner in Italien, die häufig mit italienischen Arbeitgebern gemeinsame Sache machen. Singh beschloss, zur Polizei zu gehen, nachdem er einen Sozialarbeiter der Kooperative In Migrazione getroffen hatte. „Vorher war ich blind. Sie haben uns über unsere Rechte aufgeklärt, da bin ich aufgewacht“, sagt er.

Der lange Weg bis vor Gericht

Im April 2016 beging ein junger Gewächshausarbeiter in Pontina Suizid. Danach gingen rund 2.000 indische Arbeiter auf die Straße, um gegen ihre Arbeitsbedingungen zu protestieren und einen Mindestlohn von fünf Euro zu fordern, immer noch weit unter dem gesetzlichen Mindestlohn von neun Euro. Seit den Protesten ist die Zahl derer, die wie Singh ihre Arbeitgeber anzeigen, stark gestiegen. „Früher wurden vielleicht fünf Fälle in zehn Jahren gemeldet. Seit 2016 waren es schon mehr als 80“, sagt Sozialarbeiter Marco Omizzolo, Mitgründer von In Migrazione. Allerdings drohe dies wieder abzuflauen, was unter anderem am schleppenden Tempo des italienischen Rechtssystem liege, das andere Betroffene von Anzeigen abschreckt. Wie Singh verlieren die, die es tun, fast immer ihre Arbeit. Sie einzuschüchtern, ist daher leicht. Singh sagt, dass er seit seiner Anzeige weder Unterstützung noch Schutz durch die Polizei erhalten habe. All das macht es schwierig, Arbeiter davon zu überzeugen, gegen ihre Chefs auszusagen, so Omizzolo.

Drei Jahre nachdem Singh die Polizeistation betreten und Anzeige erstattet hat, kommt sein Fall nun endlich vor Gericht. Sein Leben hat sich indessen nicht verändert. Singh arbeitet jetzt auf einer anderen großen Farm in der Region Pontina – unter den gleichen Bedingungen.

Daniela Sala und Marco Valle recherchieren, berichten und fotografieren in Italien, unter anderem für den Guardian

Übersetzung: Carola Torti, Holger Hutt

06:00 22.02.2018
Geschrieben von

Daniela Sala, Marco Valle | The Guardian

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