Zuflucht der kleinen Ewigkeit

Libanon Syrische Flüchtlinge erzählen, wie sich nach Jahren des Exils die alte Heimat immer weiter entfernt und doch ein Ort der Sehnsucht bleibt
Zuflucht der kleinen Ewigkeit
In den Zeltlagern leben die Syrer oft unter erbärmlichen Umständen. Stromausfälle sind an der Tagesordnung

Foto: Francesca Volp/Guardian/Eyevine/laif

Im vergangenen Jahrzehnt sind Millionen Syrer aus ihrem Land geflohen. Die Mehrheit von ihnen – mehr als 3,5 Millionen – fand Aufnahme in der Türkei. Andere verschlug es nach Jordanien, annähernd 850.000 in den Libanon, wo sie in den seltensten Fällen bei Verwandten unterkamen, sondern zumeist in informellen Siedlungen landeten, die zu Refugien der kleinen Ewigkeit wurden. Sie hatten sich damit in einem Aufnahmeland einzurichten, das im Augenblick eine derart schwere Wirtschaftskrise durchläuft, dass die Stromversorgung nur noch für zwei bis drei Stunden am Tag garantiert ist.

Seit es vor zwei Jahren zu ersten Anzeichen für einen unaufhaltsamen ökonomischen Abstieg kam, sind überall im Libanon Formen extremer Armut zu beobachten. Für viele Haushalte ist die Grundversorgung mit Gesundheitsleistungen, Elektrizität, Wasser, Internet und schulischer Bildung außer Reichweite geraten. Ganz abgesehen davon, dass seit Jahrzehnten ein System der Vetternwirtschaft jede kompetente Regierung sabotiert. Hinzu kommen die Folgen der Pandemie.

Jedem unvoreingenommenen Beobachter dürfte klar sein, wie sehr eine ausufernde Inflation besonders Flüchtlinge aushungern kann. Im Dezember veröffentlichte das Flüchtlingshilfswerk UNHCR einen Report, wonach sich der Anteil syrischer Familien, die im Libanon extreme Armut erleiden, weil sie von weniger als 175 Euro im Monat leben, von 55 Prozent im Jahr 2019 auf 89 Prozent Ende 2020 erhöht hat. Die Hälfte der Geflüchteten gab an, nicht mehr ausreichend ernährt zu sein. Man müsse sich verschulden, um die Kosten für Lebensmittel und Miete zu decken. Tatsächlich haben sich seit Oktober 2019 die Preise für Grundnahrungsmittel im Libanon fast verdreifacht. Für Frauen ist die Lage vor allem dann prekär, wenn sie auf sich allein gestellt sind oder nur einen Teil der Familie um sich haben. Das kann zu extremen Schritten zwingen, indem Kinder aus der Schule genommen und arbeiten geschickt werden.

Mit dem Sohn allein, Khaldieh (36)

Ich lebe seit vier Jahren im Libanon und bleibe inzwischen fast den ganzen Tag im Zelt. Wegen ständiger Rückenschmerzen kann ich nicht auf den Feldern arbeiten. Hier haben wir nicht immer Strom – er wird jeden Tag oft stundenlang abgestellt. Passiert das nachts, wenn wir zur Toilette müssen, entzünde ich ein kleines Licht. Mein Sohn und ich, wir gehen dann zusammen mit anderen raus, um uns sicherer zu fühlen.

Abir: „Ich muss mir die Vorstellung, eines Tages wieder in die Schule gehen zu können, aus dem Kopf schlagen“

Foto: Francesca Volp/Guardian/Eyevine/laif

Wir versuchen beide, so gut wie möglich klarzukommen. Ich bekomme monatlich 150.000 libanesische Pfund (81 Euro) von den UN, aber das reicht nicht wirklich, denn die Preise steigen unaufhörlich. Ich wünschte, ich könnte arbeiten wie die anderen, um mir Kleider leisten zu können und ein anständiges Leben zu führen. Ich sehe, wie andere losgehen und Sachen für ihre Kinder kaufen. Das kann ich nicht. Ich habe mir sogar Geld geliehen, um mein Kind in die Schule zu schicken. Wir versuchen, uns hier sauber zu halten. Wir waschen uns und können manchmal duschen, aber nicht immer, weil der Mann, der die Wassertanks nachfüllt, nicht immer kommt.

Früher, in Syrien, hatten wir ein ganz gutes Einkommen. Als mein Mann verhaftet wurde, ging ich arbeiten. Mein Junge war damals ein paar Monate alt. Als ich dann in den Libanon ging, wollte ich ihn unbedingt mitnehmen. Jetzt verurteilen mich die Leute hier und sehen mich als alleinerziehende Mutter scheel an. Aber ich bin eine starke Frau und werde mein Kind weiter allein großziehen. Ich lasse es nicht zu, dass mich die Leute wie eine Aussätzige behandeln. Manchmal schaue ich meinen Sohn an und denke, dass er meine Hoffnung ist – meine letzte Hoffnung. Durch ihn bekomme ich zurück, was ich an Leid auf mich nehme. Er ist die einzige Quelle meiner Freude.

Schlüssel weggeworfen, Foza (75)

Das Einzige, was ich aus Syrien mitnahm, war ein Foto. Ich habe es vergrößert, um es als Erinnerung an meinen Mann im Zelt aufzustellen. Mein Mann starb schon vor dem Krieg, aber ich will spüren, dass er immer bei mir ist. Zu Hause hatte ich eine große, gut möblierte Wohnung, aber das zählt nicht mehr. Ich verließ Syrien mit diesem Bild und den Kleidern, die ich trug – das war alles. Als ich mein Haus abschloss, bat ich Gott: „Bitte, verschwende nicht all die Mühe, all das Geld, das wir bezahlt haben, um ein anständiges Leben führen zu können.“ Dann spürte ich, dass davon nichts mehr wichtig war. Was heute noch zählt, das sind meine Würde und meine Kinder.

Als ich Syrien verließ, wurde mein Dorf noch nicht bombardiert, die umliegenden Orte freilich schon. Zunächst gingen die Kinder. Obwohl noch keine Bomben fielen, fühlte ich mich nicht mehr sicher und entschied kurz darauf, den Kindern in den Libanon zu folgen.

Khaldieh: „Manchmal schaue ich meinen Sohn an und denke, dass er meine Hoffnung ist – meine letzte Hoffnung

Foto: Francesca Volpi/Guardian/Eyevine/laif

Als ich dann in der Fremde erfuhr, dass mein Haus zerstört worden war, warf ich einfach die Schlüssel weg, die ich bis dahin stets bei mir trug. Seither ist auch mein Lebensglück dahin, auch freudige Erinnerungen an eine andere Zeit können das nicht ändern. In Syrien besaßen wir Land, auf dem wir Tomaten, Zucchini und Gurken anbauten. Ich bete zu Gott, wenigstens dort sterben zu können und begraben zu werden, wo ich herkomme. Das ist alles, was ich mir noch wünsche.

Krank und müde, Abir (18)

Ich bin jetzt seit acht Jahren im Libanon, lebe bei meinen Schwiegereltern, in einem Haus zusammen mit 14 Menschen. Ich arbeite jeden Tag in einem Gewächshaus für Erdbeeren. Es wäre mein Wunsch, nach Syrien zurückzukehren, aber noch herrschen dort Krieg und Zerstörung. Und das Leben ist teuer, aber das ist es im Libanon mittlerweile auch. Wir sitzen im gleichen Boot mit den Libanesen.

Als vor zehn Jahren der Krieg in Syrien begann, versuchten meine Eltern, mir die Situation zu erklären. Der Krieg werde vorübergehen, daher solle ich keine Angst vor ihm haben. Als wir in den Libanon flohen, sagte mein Vater wieder, das sei nur für eine kurze Zeit, bald würden wir nach Syrien zurückkehren, doch daraus wurde nichts. Meine Mutter weigerte sich, Syrien zu verlassen. So habe ich sie seit Jahren nicht mehr gesehen. Was uns bleibt, das ist ein Telefonat einmal im Monat, vor dem ich tagelang bange, ob es zustande kommt.

Foza: „Ich bete zu Gott, wenigstens dort sterben zu können und begraben zu werden, wo ich herkomme“

Foto: Francesca Volpi/Guardian/Eyevine/laif

In Syrien ging ich gern zur Schule, weil mir das Lernen leichtfiel und ich hoffte, einmal studieren zu können. Aber jetzt bin ich verheiratet und bekomme bald ein Kind. Ich muss mir die Vorstellung, eines Tages wieder in die Schule gehen zu können, aus dem Kopf schlagen. Ich hoffe, wenigstens mein Kind wird einmal eine gute Ausbildung erhalten. Aber was geschieht, wenn alles so bleibt, wie es jetzt ist?

Ich bin glücklich und habe zugleich Angst bei dem Gedanken, Mutter zu werden. Kürzlich war ich in einem Beiruter Krankenhaus. Und es stellte sich heraus, dass eine ausreichende Behandlung sehr teuer sein würde. Leider hatten wir dafür nicht genügend Geld, was mich ein bisschen deprimiert hat. Ich fühle mich krank und müde.

Francesca Volpi ist eine freischaffende Fotoreporterin, die seit 2013 mit NGOs publizistischen Projekten in Mittelamerika und Nahost nachgeht. Die hier gezeigten Fotos hat Volpi für die NGO WeWorld aufgenommen.

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 20.07.2021
Geschrieben von

Francesca Volpi, WeWorld | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

Ausgabe 30/2021

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