Zugreifen und festhalten

Irak Nach der endgültigen Niederlage des IS in Mossul kreisen die Sieger um die Beute, so dass besonders die Konflikte zwischen Arabern und Kurden deutlich werden
Zugreifen und festhalten
Um die bisherigen IS-Gebiete in Syrien und dem Irak wird längst gefeilscht
Foto: George Oufalian/AFP/Getty Images

In Mossul, wo Kommandeure der irakischen Nationalarmee ein Interview nach dem anderen über einen "historischen Triumph" geben und sich selbst hochleben lassen, ist der Frieden noch wenig belastbar. Wie die vom IS zurückeroberte Millionenstadt wieder aufgebaut und bei über einer Million Flüchtlingen wieder besiedelt wird, bleibt offen. Wer wird sie führen? Eine schiitische Administration oder eine gemeinsame mit den Sunniten? Welchen Part ünernehmen die Kurden?

Auch jenseits der Grenze, im Umfeld des syrischen Rakka, sinnen kurdische Führer darüber nach, wie es mit ihnen weitergehen könnte. Es wird an Szenarien für eine womöglich heraufziehende Nachkriegszeit gefeilt. Zugleich ringen auch Russland, die USA und Iran um Vorteile in den Teilen beider Länder, die noch von dschihadistischen Freischärlern gehalten werden.

Dabei geht es um sehr viel mehr als den unausweichlichen Sieg über den IS. Gefragt wird: Wer beherrscht ein Gebiet? Oder wie lässt sich auf dessen Geschick zumindest Einfluss nehmen? Die zwischen den USA und Russland vereinbarten Deeskalationszonen sind noch keine ulimative Gebietsverteilung, auch wenn russische Militärpolizei die Kontrolle übernommen hat. Für die syrische Armee ist das auf jeden Teil von Vorteil.

Ein historischer Moment

Die Wünsche für die "Zeit danach" sind breit gefächert. Russland rechnet sich Chancen auf eine Präsenz im Zentrum der Region aus, für Iran geht es um eine maßgebliche Rolle im Irak wie in Syrien. Die USA sind darauf reduziert – in Ermangelung eines strategischen Profils –, die Pläne dieser beiden Rivalen zu durchkreuzen. Doch sehen auch andere ihre Stunde gekommen. Für die Kurden im Irak und Syrien markiert das nach dem Fall des IS zu erwartende Vakuum möglicherweise einen historischen Moment.

Im Irak hat Masud Barzani, Präsident der kurdischen Autonomie im Norden, ein Unabhängigkeitsovotum für den 25. September angesetzt. In Syrien gehen kurdische Kräfte, die von den USA aufgebaut wurden, um den IS zu vertreiben, davon aus, dass sie ihre Stellung nutzen, um ihre Selbstbestimmung durchzusetzen. In den Jahren des syrischen Bürgerkrieges mit seinen Nebenkonflikten verbuchten kurdische Verbände steten Terraingewinn – wie in der frühen Phase der Schlacht um das irakische Mossul, als kurdische Peschmerga Zugänge im Norden und Osten der Stadt sicherten.

Beide – syrische wie irakische Kurden – sind offenbar überzeugt, dass ihnen ihr jetziger Status bei anstehenden Verhandlungen erheblichen Einfluss verschafft, auch wenn die irakische und türkische Regierung erklärt haben: Sie seien für eine Aufteilung des Irak nicht zu haben – derzeitige Agreements sollten nicht überboten werden. Danach können die Kurden – zum Missfallen Bagdads – im Nordirak Öl fördern und über eine Pipeline verkaufen, die sie in die Türkei gebaut haben.

Nicht verhandelbar

Die USA wiederum weigern sich seit der Invasion 2003, mit der Saddam Hussein gestürzt wurde, Gespräche über eine Unabhängigkeit der Kurden zu unterstützen. Sie halten sich an die Position, mit einem vereinten Irak sei der ethnischen Vielfalt des Landes am besten gedient. „Es ist nicht die Zeit, Staatsgrenzen neu zu ziehen, schon gar nicht im Irak und in Syrien“, so ein Vertreter der US-Regierung. „Solche Gespräche brauchen einen regionalen Konsens, davon aber sind wir noch weit entfernt.“ Die Türkei pflegt – mit dem Ziel, den Status quo zu erhalten – ökonomische Bindungen an das irakische Kurdistan. Zugleich hat sich Ankara stets vehement gegen eine US-Waffenhilfe für kurdische Gruppen in Syrien verwahrt, denn die – hieß es – komme auch der Kurdischen Arbeiterpartei PKK zugute, mit der die eigene Armee seit vier Jahrzehnten einen Schicksalskampf innerhalb der eigenen Grenzen austrage.

In der irakisch-kurdischen Kapitale Erbil meint der kurdische Geheimdienstchef Masrour Barzani, die Türkei habe vom geplanten Referendum nichts zu befürchten. „Die Abstimmung wird die bilateralen Beziehungen zwischen Kurdistan und dem übrigen Irak regeln. Wir haben nicht die Absicht, Grenzen zu verändern. Es soll bloß eine bereits umrissene Demarkationslinie zwischen Kurdistan und dem Irak formal bestätigt werden.“

Doch auch Bagdad erwartet wegen des Einsatzes seiner Truppen gegen den IS einen gehörigen Teil vom Kuchen. Zudem scheint für Premier al-Abadi der Zugriff auf die Öleinnahmen im Nordirak nicht verhandelbar zu sein. „Glauben die Kurden, sie hätten den Krieg um Mossul gewonnen?“, fragt ein Parlamentarier in Bagdad. „Wir haben zehntausende Märtyrer – sie 42. Wenn es einen Weg gäbe, die Kurden loszuwerden und zu erhalten, was uns gehört, würden wir es tun. Leider gibt es keinen.“

Südlich von Rakka gehen derweil die Gefechte gegen Restkontingente des IS in einen breiteren Konflikt über. Der Iran hat von ihm unterstützte Milizen in das Euphrat-Tal und damit eine Gegend entsandt, die wegen der Wasserressourcen von immensem Wert ist. Vermutlich sollen Pläne der USA vereitelt werden, aus weiter südlich gelegenen Basen dort selbst einzurücken.

Martin Chulov ist Nahostkorrespondent des Guardian

Übersetzung: Zilla Hofman

10:00 11.07.2017
Geschrieben von

Martin Chulov | The Guardian

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