Zum Himmel hoch

Nachbereitung Über den unheimlichen Erfolg von Clint Eastwoods Irakkriegsfilm „American Sniper“
Danny Leigh | Ausgabe 08/2015 10

Ein kleiner, aber bedeutsamer Rekord wurde am letzten Januarwochenende aufgestellt. Clint Eastwoods American Sniper hat an den Kinokassen in nur zwei Wochen 216,5 Millionen Dollar erlöst und damit Steven Spielbergs Saving Private Ryan (1998) den Rang als Kriegsfilm mit den höchsten US-Einspielergebnissen aller Zeiten abgelaufen. Und das ohne teure PR-Kampagne.

Der Film basiert auf der Autobiografie des verstorbenen Chris Kyle, der als Scharfschütze im Irak so viele Menschen umgebracht haben soll wie kein anderer – angeblich zwischen 160 und 255. Wie viele es genau waren, lässt sich ebenso wenig sagen wie vieles andere in einem Film, dessen angestrengter Patriotismus viele in Erstaunen versetzte, bei manchen die Empörung über den Irakkrieg wieder aufkeimen ließ und auch schon zu antimuslimischen Entgleisungen geführt haben soll.

Verdammte Barbaren

In Hollywood dürfte man derweil erkannt haben, dass hier ein riesiges Potenzial zu erschließen ist, und bereits eine Armada von neuen Kriegsfilmen in Auftrag gegeben haben. Wenn man nämlich bedenkt, dass es in den USA allein 2,6 Millionen Kriegsveteranen gibt, die im Irak und in Afghanistan gekämpft haben, und davon ausgeht, dass auch nur ein paar von ihnen in den vergangenen Wochen im Kino waren, erscheint der Erfolg nur folgerichtig. Mehr als die Hälfte der Veteranen leidet an physischen oder psychischen Problemen, sie sagen von sich selbst, sie hätten das Gefühl, vom zivilen Leben abgeschnitten zu sein – ein ganzes Meer von Leuten, die sich danach sehnen, gesehen und verstanden zu werden.

American Sniper ist die Geschichte von Chris Kyle, auch wenn Buch und Film verschiedene Versionen von ihm zeigen. Nur der echte Kyle sagt, dass er den Krieg genossen habe, und über die Iraker: „Ich hasse diese verdammten Barbaren.“ Das Buch liest sich wie der großmäulige jüngere Bruder des edlen und getriebenen Mannes, der auf der Leinwand zu sehen ist.

Doch Filme, die 250 Millionen Dollar einspielen, schleifen befremdliche Ecken und Kanten einer Geschichte ab und lassen Dinge einfach erscheinen. Sie wechseln ohne Probleme zwischen Leben und Tod hin und her. Es gibt nicht viele Stellen, an denen American Sniper einen kaltlässt. Bestimmte Sequenzen sind atemberaubend. Eastwoods Arbeit ist präzise und ökonomisch. Man versteht, warum er sich für Scharfschützen interessiert. Jede Einstellung ist mit Bedacht kalibriert, jeder Satz wohlüberlegt. Er weiß genau, was er zeigt – und was er weglässt.

Und die Geschichte ist natürlich auch nicht ohne. Nach all der Zeit, die wir Kyle (Bradley Cooper) bei seinen lebensgefährlichen Einsätzen begleitet haben, erfahren wir, dass er in den USA von einem anderen Kriegsveteranen erschossen wurde, der ebenfalls unter einer posttraumatischen Belastungsstörung litt. Als ich den Film sah, verschlug es auch den beiden ausgelassenen jungen Männern neben mir die Sprache. Beim Abspann fragte einer von ihnen: „Ist das alles etwa wirklich passiert?“

Kommt drauf an. Sicher, es hat einen Mann namens Chris Kyle gegeben, der in Texas aufwuchs, heiratete, Vater wurde und im Irak viele Menschen erschoss. Doch in der Adaption von Kyles Memoiren umgeht Eastwood Dinge, etwa Kyles spätere Behauptungen, er habe nach Hurrican Katrina in New Orleans Plünderer erschossen oder in der Nähe seiner Wohnung zwei Autodiebe getötet. Heute wird all das als Selbstmythologisierung abgetan.

Bei Kyle besteht die Frage nicht darin, ob das, was wir sehen, wahr ist, sondern darin, was weggelassen wurde, damit eine gute und einfache Geschichte daraus wird. Wenn man sich den Film ein zweites Mal ansieht, kommt einem selbst Kyles posttraumatische Belastungsstörung aufgesetzt vor – eine persönliche Hölle, die abgeschüttelt wird wie ein Schnupfen. Komplexes einfach darzustellen ist eine Gabe – wenn man es jedoch falsch übersetzt, wird es problematisch.

Doch Eastwoods Arbeit hört nicht damit auf, Kyle zum großen Leinwandhelden zu stilisieren. Er muss den Film auch sonst von allem befreien, was irgendwie unangenehm aufstoßen könnte – und das ist in Anbetracht der Katastrophe dieses Kriegs eine ganze Menge. Seine Haltung zum Irakkrieg? Achselzucken. Politische Einstellung? Fehlanzeige. Es handle sich, sagte Eastwood, einfach nur um einen Film über einen Soldaten und das, was der Krieg mit ihm mache.

Also verengt er skrupellos den Blickwinkel und nimmt einzig Kyles Perspektive ein. Einen Verweis auf die Folter in Abu Ghraib kann es nicht geben, denn Kyle war nie dort. Iraker sind entweder gesichtslos oder psychotisch (die „verdammten Barbaren“). All das sind Entscheidungen Eastwoods. Der Kyle, durch dessen Augen wir blicken, ist Eastwoods Kreatur. Es ist Eastwood, der das Publikum glauben machen will, im Irak seien die Drahtzieher des 11. September gejagt worden und der Gegner al-Qaida gewesen. Eastwood weiß, dass die Leute nicht ins Kino kommen, weil sie einen möglichst apolitischen Film sehen wollen. Es geht um Mädchen, um die Jagd und um kalte Getränke. „Willst du, dass diese Scheißkerle nach San Diego kommen?“, fragt Kyle an einer Stelle.

Einsamer Cowboy

Der Satz fällt in einer der entscheidenden Szenen des Films – eine, die ihn differenziert erscheinen lässt. Kyle wird von einem Kollegen gefragt, ob er sich denn sicher sei, für das Richtige zu kämpfen. Die Antwort erfolgt umgehend. Dieser Ort habe etwas Böses an sich, erwidert Kyle, blickt finster aus der Wäsche und geht. Für seine liberalen Sorgen wird der Fragesteller kurz darauf von einem Aufständischen getötet. In der Welt von American Sniper gibt es Kriege, so wie es schlechtes Wetter gibt. Mit dem Krieg als himmlischem Akt wird George W. Bush zu Gott. Die eigentliche Frage in Bezug auf Bush zu stellen, bringt American Sniper nicht fertig: Wenn Kyles Rolle im Leben seinem Vater zufolge darin besteht, als Hirtenhund die Herde zu bewachen, was bedeutet es dann, zu sterben, weil der Präsident falschen Alarm geschlagen hat?

Dafür, dass der Film gar keine Meinung zum Krieg vertritt, hat die amerikanische Rechte sich gewaltig über seinen Erfolg gefreut. Doch die Rechten sind nicht die Einzigen, denen der Irakkrieg ohne Schuld und Komplexität lieber ist. Um 250 Millionen einzuspielen, muss man mehr als nur eine gesellschaftliche Gruppe ansprechen – die Teenager, für die der Film sich anfühlen muss wie ein Egoshooter, die Konservativen, die stolz auf ihr Land sind, und natürlich die Veteranen und deren Familien. Wenn das eigene Kind in einem Leichensack nach Hause kommt, ist es nur menschlich, dass man nicht will, dass sein Tod in einer Hollywoodsatire durch den Kakao gezogen wird.

Und dann ist da der Rest von uns, diejenigen, die Kriegsfilme vermissen, die einem das Gefühl gaben, auf der Seite der Guten zu sein, und einen nicht hilflos in einem gefährlichen moralischen Nebel zurückließen. Dieser Ansatz hat selten viele Anhänger gefunden. Kathryn Bigelows Zero Dark Thirty (Freitag 5/2013) zeigte die ganze Ambivalenz und vermittelte wirklich ein Gefühl davon, was Krieg bedeutet. Der Film wurde weitgehend als faschistischer Folterporno verrissen. Andere Arbeiten, die den Konflikt darstellten, noch während er sich ereignete, fanden nur ein spärliches Publikum. David Simon, Ko-Autor der Miniserie Generation Kill über den Einmarsch in den Irak: „Ich habe keine Minute lang geglaubt, dass die Quote besonders gut sein würde. Ein Film über den Irakkrieg, während die Leute noch einen Nachgeschmack von Falludscha im Mund haben?“

Jetzt aber, da der Geschmack nicht mehr ganz so ätzend ist, haben wir und Eastwood Zuflucht bei der ältesten und einfachsten Figur von allen gefunden: dem Cowboy. In American Sniper finden Eastwoods eigene legendäre Revolverhelden in Kyle ihren Widerhall. Wenn du Zweifel hast, mach einen Western. Indem es den Irak der Vergangenheit anvertraut, ist das US-amerikanische Kino in seine Kindheit zurückgekehrt, um auf dem Dachboden nach Stetson und Sheriffstern zu suchen.

Experten gehen davon aus, dass American Sniper am Ende rund 400 Millionen Dollar einspielen wird. In den amerikanischen Kinos sitzen junge Männer und Frauen und warten auf den nächsten Krieg, der über sie kommen wird.

Film

American Sniper Clint Eastwood USA 2014, 132 Minuten. Start: 26. Februar

Danny Leigh ist Romanautor und freier Journalist für den Guardian sowie die BBC

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 04.03.2015
Geschrieben von

Danny Leigh | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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