Zur Sache, Mr. Murdoch

Abhöraffäre Der Medienmogul, sein Sohn James und Rebekah Brooks müssen vor einem Sonderausschuss des britischen Unterhauses aussagen – der "Guardian" sagt, was zu fragen wäre

Bei der heutigen Anhörung werden die Mitglieder des Ausschusses mit großer Wahrscheinlichkeit versuchen, zwei wesentliche Fragen zu klären: Was wussten Rupert Murdoch, James Murdoch und Rebekah Brooks über die illegalen Aktivitäten? Und: Beteiligen sie sich jetzt ernsthaft an deren Aufklärung? Es geht dabei nicht allein darum, Fragen zu stellen, sondern auch darum, die Zeugen mit bereits erwiesenen Fakten zu konfrontieren. Hier ein paar mögliche Fragen an:

Rupert Murdoch

In der Entschuldigung, die Sie am 15. Juli in mehreren britischen Zeitungen veröffentlicht haben, erklärten Sie, Sie würden bereuen, „die Dinge nicht schneller aufgeklärt zu haben“. Sie sagen aber nicht, warum es so lange gedauert hat. Soll das heißen, Sie wussten nicht, dass:

– der Guardian im September 2002 einen detaillierten Bericht von 3.000 Wörtern Länge veröffentlicht hat, in dem beschrieben wird, wie News of the World und andere Zeitungen vertrauliche Informationen von einem Netzwerk korrupter Polizeibeamten gekauft haben, das von einem Privatdetektiv namens Jonathan Rees geführt wurde?
– Rebekah Brooks, die gerade zuvor drei Jahre lang Chefredakteurin der News of the World gewesen war, im März 2003 vor diesem Ausschuss erklärte: „Wir haben die Polizei in der Vergangenheit für Informationen bezahlt“?
– die News of the World im April 2005 in einer offenen Gerichtsverhandlung als Hauptkunde des Privatdedektivs Steve Whittamore identifiziert wurde, als dieser sich schuldig bekannte, einen zivilen Mitarbeiter der Polizei bezahlt zu haben, um illegal vertrauliche Informationen aus dem landesweiten digitalen Polizeiregister zu erhalten?
– das Information Commissioner's Office (ICO) Ende 2006 einen Bericht mit den Titel What Price Privacy Now? veröffentlichte, in dem es 23 Journalisten der News of the World benannte, die zu den „Kunden gehörten, die an dem illegalen Handel mit vertraulichen persönlichen Informationen“ beteiligt waren, indem sie das Netzwerk von Whittamore bezahlten?

Hat nichts von alldem Sie zu dem Gedanken veranlasst, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte? Haben Sie irgendwann Fragen zu einer dieser öffentlichen Enthüllungen gestellt? Als der Guardian im Juli 2009 enthüllte, dass News Group (Tochterunternehmen von News International) über eine Million Pfund für die Beilegung eines Verfahrens bezahlte, das von Gordon Taylor und zwei weiteren angestrengt worden war, erklärten Sie gegenüber Bloomberg News, dies treffe nicht zu, die Zahlungen seien nicht erfolgt. „Wenn das geschehen wäre, hätte ich davon gewusst.“ Traf dies wirklich zu? Wenn nicht, warum haben Sie es gesagt? Wenn es zutrifft, dass Ihr Sohn Ihnen nicht mitgeteilt hat, dass das Unternehmen diese Zahlungen getätigt hat, können Sie erklären, warum er es vor Ihnen geheimgehalten haben sollte?

James Murdoch

In Ihrer Erklärung vom 7. Juli sagten Sie: „Die Zeitung gab Erklärungen gegenüber dem Parlament ab, ohne in Vollbesitz der Tatsachen zu sein.“ Ist es aber nicht vielmehr so, dass die Zeitung sich in Besitz einiger recht bedeutsamer Tatsachen befand, die sie versäumte, dem Parlament mitzuteilen?
So übergab das Unternehmen zum Beispiel am 20. Juni 2011 eine Sammlung von E-Mails, die von NoW-Journalisten geschrieben worden waren, an die Polizei. Der ehemalige Generalstaatsanwalt, Lord Macdonald, hat sie untersucht und kam zu dem Schluss, dass sie Beweise für das indirekte Hacken von Anrufbeantworter-Nachrichten, Verletzungen der nationalen Sicherheit und andere schwere Verbrechen enthalten.

Geben Sie zu, dass das Unternehmen in Besitz dieser Nachrichten war, es aber versäumte, sie in irgendeiner Weise zu erwähnen, als der damalige geschäftsführende Vorstand von News International, Les Hinton, vor dem Kulturausschuss aussagte? Können Sie erklären, warum er sie nicht erwähnte? Könnte man diese Nichterwähnung möglicherweise als Vertuschung bezeichnen?

In Ihrer Erklärung vom 7. Juli 2011 sagten Sie des Weiteren: „Das Unternehmen zahlte für außergerichtliche Einigungen, zu denen ich meine Zustimmung gab. Ich weiß nun, dass ich nicht voll im Bilde war, als ich dies tat. Das war ein Fehler, den ich zutiefst bedauere.“ Wir wissen, dass Sie in den Fällen von Taylor und Max Clifford für außergerichtliche Einigungen bezahlten. Gab es andere Einigungen, denen Sie zustimmten, bevor News Group im April öffentlich die Verantwortung übernahm?
Sie sagen, Sie seien „nicht voll im Bilde“ gewesen. Stimmt es, dass der Richter Ihrem Unternehmen im Fall Taylor verschiedene Beweisstücke vorlegen ließ, die Sie zu einer außergerichtlichen Einigung veranlasst haben und dass zu diesen Schriftstücken unter anderem zählten:
– von Glenn Mulcaire bei der NoW eingereichte Rechnungen, aus denen die Namen mehrerer Personen des öffentlichen Lebens hervorgehen, die er bespitzeln sollte, darunter auch die Politiker Tessa Jowell und John Prescott;
– eine E-Mail eines NoW-Reporters an Mulcaire, die die Mitschriften von 35 abgefangenen Mailbox-Nachrichten enthielt und die auch an NoW-Chefreporter Nevill Thurlbeck ging;
– detaillierte Aufzeichnungen von Steve Whittamore über seine Geschäfte mit der NoW, in denen 23 Journalisten der Zeitung – das ist mehr als die Hälfte aller, die dort an Nachrichten und Features arbeiten – namentlich genannt werden, die Hunderte möglicherweise illegale Rechercheaufträge über namentlich genannte Personen in Auftrag gegeben haben.

Diese Beweisstücke haben Ihr Unternehmen veranlasst, eine außergerichtliche Einigung anzustreben. Hat dies Ihnen nicht deutlich vor Augen geführt, dass Ihre Behauptung, Goodman sei ein Einzelfall gewesen, eindeutig nicht der Wahrheit entsprach, und dass weitere identifizierbare Reporter für illegale abgehörte Sprachnachrichten und illegal erworbene vertrauliche Daten verantwortlich waren?

Warum haben Sie keinerlei Anstalten gemacht, sich erneut an das Parlament, die Press Complaints Commission und die Öffentlichkeit zu wenden und diese zu informieren, dass die vorherigen Stellungnahmen Ihres Unternehmens nicht der Wahrheit entsprachen? Seien Sie darauf hingewiesen, dass es keine Entschuldigung ist, dass Ihr Vergleich mit Taylor vertraulich war. Es hätte trotzdem die Möglichkeit gegeben, zu offenbaren, dass Sie inzwischen über Indizien darüber verfügten, dass die Geschichte vom Alleingang eines Reporters nicht stimmte. Sieht dieses Verhalten nicht nach Vertuschung aus?

Rebekah Brooks

War Ihnen zu Ihrer Zeit als Chefredakteurin der News of the World bewusst, dass über die Hälfte Ihrer Reporter Whittamore bezahlten, um sein Netzwerk für den Erhalt vertraulicher Informationen zu nutzen? Waren Sie sich bewusst, dass Ihr Nachrichtenredakteur, Ihr Features-Redakteur und Ihr Schottland-Redakteur zu den Nutzern des Netzwerks gehörten? Erinnern Sie sich daran, selbst seine Dienste in Anspruch genommen zu haben? In den Unterlagen, die in seinem Büro sichergestellt wurden, ist nachzulesen, dass Sie ihn baten, den zu einer Mobilfunknummer gehörigen Namen mit entsprechender Adresse in Erfahrung zu bringen.

Waren Sie sich bewusst, dass Whittamore der NoW offensichtlich illegale Handlungen in Rechnung stellte? Waren Sie sich als Chefredakteurin der NoW bewusst, dass Ihr Nachrichtenredakteur Greg Miskiw autorisiert war, mit dem Privatdetektiv Mulcaire einen Vollzeit-Arbeitsvertrag abzuschließen?

Als Sie Chefredakteurin der NoW waren, was taten Sie, als Ihnen drei hochrangige Vertreter von Scotland Yard erklärten, dass einer Ihrer leitenden Angestellten, Alex Marunchak, Ressourcen Ihrer Zeitung darauf verwendet hat, im Interesse von zwei Mordverdächtigen den Hauptkommissar zu bespitzeln, der in diesem Fall ermittelte?

Der Guardian hat enthüllt, dass die Überwachung von Detective Superintendent Dave Cook so weit ging, dass man ihm und seinen kleinen Kindern folgte; sich seine persönlichen Daten aus vertraulichen Polizeiunterlagen beschaffte; versuchte, auf seinen Anrufbeantworter und den seiner Frau zuzugreifen; und ihm möglicherweise auch eine Trojaner-E-Mail zugeschickte, um Informationen von seinem Computer zu stehlen. Hat irgendetwas davon Sie überrascht – oder wurde es Ihnen von der Polizei mitgeteilt, als Sie Chefredakteurin waren?

Als Sie Chefredakteurin der NoW waren, veröffentlichte das Blatt eine Geschichte, die auf eine Nachricht Bezug nahm, die von einer Arbeitsvermittlungsagentur auf der Mailbox der 13-jährigen Milly Dowler hinterlassen worden war. Das Mädchen galt zu diesem Zeitpunkt als vermisst. Haben Sie diese Geschichte gelesen? Ist es Ihnen in den Sinn gekommen, sich zu erkundigen, wie Ihr Reporter Kenntnis von dieser Nachricht erhalten hat? Die Polizei in Surrey, die im Fall der vermissten Milly Dowler ermittelte, wurde von der NoW mit Informationen über besagte Mailbox-Nachricht versorgt. Ist dies ohne Ihr Einverständnis geschehen? Sind Sie sich sicher, dass die Polizei in Surrey keine Berichte darüber vorzuliegen hat, dass Sie in die Entscheidung, sie zu informieren, involviert waren?

Als Sie Chefredakteurin der Sun waren, veröffentlichten Sie vertrauliche medizinische Details über die Krankheit von Gordon Browns kleinem Jungen. Erhielt die Sun diese Informationen direkt oder indirekt von einem Beschäftigten im Gesundheitswesen? Hat die Sun einen Beschäftigten im Gesundheitswesen oder irgendjemanden, der damit zu tun hat, für diese Informationen oder eine Geschichte, die mit diesen Informationen in Zusammenhang steht, bezahlt?

Übersetzung Zilla Hofman / Holger Hutt

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13:30 19.07.2011
Geschrieben von

Nick Davies | The Guardian

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