Zurück in die Mitte

US-Wahlkampf Nach seinem Rechtsruck in den vergangenen Monaten muss Mitt Romney nun die Wähler davon überzeugen, dass er so extrem nicht ist. Sonst hat er gegen Obama keine Chance

Wenn man die Vorwahlen um den Herausforderer von US-Präsident Barack Obama als einen Kampf zwischen Herz und Verstand einer Partei versteht, dann haben sich die Republikaner in den vergangenen neun Monaten im Herzen unbeständig und mental kraftlos gezeigt. Die Pragmatiker der Partei konnten keinen Kandidaten präsentieren, der auch Moderate außerhalb der Partei überzeugt hätte. Den Konservativen wiederum gelang es nicht, sich auf einen Kandidaten mit guten Erfolgsaussichten im rechten Lager zu einigen. Das Ergebnis ist Mitt Romney – ein Kandidat, den die Partei nicht mag, und von dem sie zu spät erkannt hat, dass sie ihn nicht mehr los wird.

Und so kommt es, dass Romney eine ähnliche Rolle spielt wie Ernest Harrowden in dem Roman Das Bildnis des Dorian Gray. Oscar Wilde beschreibt seinen Charakter als „einen dieser Mittelmäßigen mittleren Alters, die keine Feinde haben, aber bei ihren Freunden aus tiefem Herzen verhasst sind.“

Die Vorwahlen waren ein Desaster

„Wir sind an einen Punkt gekommen, an dem es kontraproduktiv wird, wenn sich der Vorwahlkampf um den Spitzenkandidaten noch länger hinzieht“, analysierte kürzlich das einflussreiche Kongressmitglied Paul Ryan. „Daher denke ich, dass wir als Konservative hinter Mitt Romney zusammenstehen müssen.“ So wie Ryan geht es immer mehr Republikanern. Dahinter steckt die Einsicht in eine Notwendigkeit, die der einstige Verteidigungsminister Donald Rumsfeld einmal so beschrieben hat.: „Man zieht mit der Armee in den Krieg, die man hat, nicht mit der, die man sich wünschen würde oder die man später einmal haben wird.“

Es gibt wohl kaum jemanden in den USA, der bestreiten würde, dass die Vorwahlen für die Republikaner ein Desaster waren. Aber jetzt, da sie zu Ende gehen, stellt sich die Frage: Wie groß ist der Schaden? Und ist er vor der Präsidentschaftswahl im November noch gut zu machen?

Aber man würde es sich wohl zu einfach machen, die Hauptschuld an der desolaten Lage Romney zu geben und den Rest seinen Konkurrenten Rick Santorum und Newt Gingrich anzulasten. Denn der größte Schaden war schon angerichtet worden, bevor die erste Abstimmung durchgeführt wurde. Die Republikanische Partei war in den vergangenen Jahren in so einem schlechten Zustand, dass einige aussichtsreiche Kandidaten es von vorneherein ablehnten, sich um die Präsidentschaftskandidatur zu bewerben. Die Partei war ihnen zu konservativ und zu ideologisch, sei es beim Thema Klimawandel, sei es in der Wirtschaftspolitik oder bei gesellschaftlichen Fragen wie der Schwulen-Ehe. Romney blieb im Rennen, weil er bereit war, alle seine halbwegs liberalen Positionen zu widerrufen. So gewann er zwar die Nominierung, aber er verlor seine Integrität.
Von Anfang an war deshalb das Interesse der republikanischen Wähler am Vorwahlkampf gering, die Wahlbeteiligung war eher schwach. Immer wieder lag die Zahl derer, die große Vorbehalte gegenüber dem Kandidaten haben, bei über 40 Prozent.

Auf der Strecke geblieben

Viele Fehler sind dabei hausgemacht – zum Beispiel Romneys Weigerung, sich gegen Frauenfeindlichkeit, Fremdenhass und soziale Kälte einzusetzen. Das hätte ihn politisch nichts gekostet und ihm woanders viele Punkte eingebracht. Dass er es nicht getan hat, wirkt sich nun in drei wichtigen Wählergruppen besonders negativ aus: bei den unabhängigen Wählern, den Frauen und den Latinos.

Das ganze vergangene Jahr führte Romney deutlich bei den unabhängigen Wählern und schlug Obama noch vor Kurzem im Februar um zwei Prozent. Jetzt liegt er in zentralen Wechselwählerstaaten um neun Prozent abgeschlagen hinter Obama. Untersucht man diese Zahlen geschlechterspezifisch, sieht es noch schlechter aus. Vor den Vorwahlen lag Obama bei den unabhängigen männlichen Wählern mit 11 Prozent hinter Romney und fünf Prozent bei den weiblichen. Im Augenblick führt Obama mit einem Prozent bei den männlichen und mit 14 Prozent bei den weiblichen unabhängigen Wählern. Andere Umfragen zeigen Obama mit einem deutlichen und wachsenden Stimmenvorsprung bei Frauen.

Und dann sind da noch die Latinos, von denen die Republikaner rund ein Drittel gewinnen müssen, um überhaupt ein Chance zu haben. Laut einer Fox-Umfrage im vergangenen Monat erhielt Obama 70 Prozent der Latino-Stimmen, Romney 14 Prozent – eine Vorsprung von 56 Prozent.

Um überhaupt noch eine Chance zu haben, muss Romney jetzt das rechtslastige republikanische Image entgiften und wieder in die Mitte rücken. Sein Rechtsruck hat ihm jedenfalls unter den Konservativen nur wenige Stimmen gebracht und unter den Gemäßigten sogar viele Wähler gekostet. Wenn es Romney gelingen sollte, in den nächsten Monaten wie ein möglicher Gewinner auszusehen, werden die konservativen Wähler in Scharen kommen. Schließlich haben sie keine Möglichkeit, jemand anderen zu wählen. Aber er kann nur gewinnen, wenn er den Rechten in seiner Partei nicht nachgibt.

Übersetzung: Carola Torti

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

08:00 08.04.2012
Geschrieben von

Gary Younge | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 12142
The Guardian

Ausgabe 38/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare