Zurück in die Zukunft

Musik Man kann darüber streiten, ob Acid House für die Musikgeschichte so wichtig war wie Miles Davis. Was den Reiz dieser Musik ausmacht, erklärt Alexis Petridis
Alexis Petridis | Ausgabe 32/2013
Zurück in die Zukunft

Foto: bobaliciouslondon

Terry Farley hat keine Scheu vor hochfliegenden Vergleichen. Der Londoner DJ und Produzent, der diese fünf CDs unter dem Titel Acid Rain zusammengestellt hat, nennt Acid House in einem Atemzug mit Chuck Berry, Miles Davis und John Coltrane. Der Einfluss von Acid House, schreibt Farley im Booklet, sei so nachhaltig und gerade heute wieder so groß, dass nicht auszumalen sei, wie die Musik der Jetztzeit ohne ihn klänge. Man kann sich über diese Einschätzung mokieren. Oder sie für zu kurz gegriffen halten, wie manche meiner Mitbürger, die glauben, dass Acid House und die damit einhergehende Clubkultur die Gesellschaft von Grund auf verändert haben – von der Frage, wie wir uns einen modernen Büroraum vorstellen, bis hin zu den Öffnungszeiten der Kneipen.

Wie dem auch sei: Die Musik auf Acid Rain, die ihren Ursprung in Chicago hat, war hörbar nicht für die Ewigkeit gemacht. Die meisten Tracks mussten von alten Vinylscheiben remastered werden. Zwar hatte die Musikindustrie in den Achtzigern längst erkannt, dass mit Erinnerungen Geld zu machen ist, und mit der Aufbereitung der Rock- und Pop-Geschichte begonnen. Die Plattenlabels in Chicago aber bewahrten die Master Tapes ihrer Produzenten zu jener Zeit noch nicht auf. Der Gedanke, jemand könne sich in der Zukunft dafür interessieren, schien lächerlich. Und was die Macher der Musik angeht, so wäre es noch übertrieben zu sagen, ihre Ambitionen hätten an der Stadtgrenze von Chicago halt gemacht – oft reichten sie nicht einmal über einen bestimmten Club hinaus. Angetrieben vom Störgeräusch eines zu weit aufgedrehten Roland-TB-303-Bass-Synthesizers wirkten die repetitiven Tracks des Acid House wie der Versuch, die hedonistische Selbstvergessenheit in der Muzic Box auf der Michigan Avenue einzufangen: „Acid Tracks“ von Phuture, die erste Acid-House-Single überhaupt, wurde so eng mit diesem Club und seinem legendären DJ Ron Hardy verbunden, dass sie ursprünglich als „Ron Hardy’s Acid Track“ bekannt wurde. Hardy widerum hatte auch selbst versucht, den drogengeschwängerten Wahnsinn der Muzic Box einzufangen. Seine ebenfalls auf Acid Rain vertretene Single „Sensation“ (1985) ist so brutal, minimal und zweckmäßig, dass der durchschnittliche Acid-Track jener Jahre im Vergleich regelrecht überkomplex daherkommt. Die schräge, futuristische Qualität späterer 303-Tracks hat „Sensation“ nicht, dafür aber meint man beim Hören, Schweiß und Rauch zu riechen.

Ron Hardy ist zweifellos die Eminenz dieses Samplers, doch das soll den Ruhm seines DJ-Kollegen Frankie Knuckles nicht schmälern. Knuckles’ Club The Warehouse gab der House-Musik ihren Namen. Er selbst ist auf Acid Rain mit einer bislang unveröffentlichten Fassung des Tracks „Bad Boy“ von 1984 vertreten: eine irre, schwule, schwarze Aneignung des europäischen Synthie-Pop, mit der er sich langsam auf den späteren House-Sound hinarbeitet. Frankie Knuckles’ Stärke war es, die spirituelle Seite des House zur Geltung zu bringen. Zwar gelangen ihm auch opulent-schmutzige Tracks wie das ebenfalls enthaltene „Baby Wants To Ride“ – eine sensationelle Single, die weniger ein Song ist als der achteinhalbminütige Versuch eines Mannes, lautstark auf seine Erektion aufmerksam zu machen. Meistens aber sickern in seine Grooves die Gospel-Traditon und der gottesfürchtige Mittlere Westen ein – etwa bei „Your Love“ oder „Tears“.

Die eigentliche Energie des Acid House jedoch war merklich düsterer. Was kaum überrascht, war ihr Ursprung doch ein wüstes Bacchanal und ihr Meister ein Heroinabhängiger, vor dem selbst seine größten Fans Angst hatten. „Alle hassten Ron Hardy. Er war fies und gemein“, erinnert sich etwa der Produzent Marshall Jefferson, der auf Acid Rain mit „R U Hot Enough“ von Virgo 4 und „I’ve Lost Control“ von Sleezy D dabei ist. „Aber er war der größte DJ aller Zeiten“. Dr. Derelicts „That Shit’s Wild“ ist nicht wirklich funky, dafür windet und krümmt sich der Track zu sehr. Jeffersons „I’ve Lost Control“ ist nicht erhebend: Hypnotisch, obsessiv und gestört trifft es besser. Wüsste man nicht, dass es eine direkte Verbindung zwischen dieser Musik und der Ecstasy-Euphorie des Second Summer of Love gibt – von selbst käme man nie darauf. Bei den Klängen von Bam Bams „Where’s Your Child?“ bekommt man eine Ahnung davon, wie sich Eltern gefühlt haben müssen, die diesen Sound auf dem Höhepunkt der Panik um Acid-House-Raves und Ecstasy durch die Kinderzimmertür dröhnen hörten. Eine Stimme, die so stark verlangsamt wurde, dass sie wie ein Dämon klingt, stöhnt: „Lassen Sie Ihr Kind nachts nicht raus, es weiß nicht, was gut und was böse ist“. Dazwischen gackerndes Gelächter und die gesampelten Schreie eines Babys.

Acid House war zunächst ein lokales Phänomen. Es stellte sich jedoch heraus, dass seine Macher an etwas Universellem und Zeitlosem rührten. Kein Sound davor oder danach fing so die Erfahrung ein, wie es ist, in den frühen Morgenstunden mit leeren Augen auf einer Tanzfläche verloren zu gehen. Man musste nicht in der Muzic Box sein, um dieses merkwürdig jenseitige Gefühl zu kennen. Diese Gleichzeitigkeit von Himmelhochjauchzend und vager Verstörung. Schon deshalb wirkt die Musik auf Acid Rain nicht veraltet, obwohl sie voller Sounds steckt, die vor 25 oder 30 Jahren einmal innovativ waren: stotternde N-n-n-n-neunziger-Vocals; harsch gesampelte orchestrale Stöße; Drum-Maschines, die wie Maschinen tönen, weil die Technik noch nicht so weit war, sie wie Schlagzeuge klingen zu lassen. Dass Laurent Xs „Machines“ aus demselben Jahr stammt wie der Popsong „When Will I Be Famous?“ von Bros oder Hue and Crys „Looking For Linda“, ist schwer zu glauben: „Machines“ klingt, als wäre es gestern veröffentlicht worden.

Acid House kann – zumindest so, wie ihn dieses Box-Set definiert – mehr vermitteln als das Gefühl, morgens um drei vor einem Lautsprecher vorübergehend den Verstand zu verlieren. Am Ende von Acid Rain kommt eine weitere Jefferson-Produktion: Jungle Wonz’ „Time Marches On“. Heute wirkt das Lied wehmütig, wie eine Eloge auf einen lange vergangenen Augenblick. Aber so klang es vor 25 Jahren nicht. Der Text – „Nothing stays the same, there’s always change“ – war ein trotziges Glaubensbekenntnis, dass die Zukunft der House Music gehört. Gerade so, wie jene uralten Singles, die stur prophezeit hatten, der Rock ’n’ Roll sei hier, um zu bleiben. Beide sollten recht behalten.

Acid Rain: Definitive Original Acid & Deep House 1985 – 1991 (Harmless/ Soulfood) 2013

Übersetzung: Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 22.08.2013
Geschrieben von

Alexis Petridis | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14547
The Guardian

Ausgabe 38/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare