Navid Hassibi
Ausgabe 1014 | 19.03.2014 | 11:22

Zurück in die Zukunft

Nahost Die beiden Länder Iran und Israel waren lange Jahre Gegner und Partner zugleich. Warum diese Koexistenz nun wieder möglich erscheint

Ein mögliches Tauwetter in den bilateralen Beziehungen sei nicht auszuschließen, spekulieren eingeweihte Zirkel in Teheran und Tel Aviv. Grenzen derartige Mutmaßungen an Wunschdenken? Nimmt man die Geostrategie, wäre es für den Iran und Israel durchaus sinnvoll, Feindseligkeiten einzudämmen und sich auf gemeinsame Belange im Nahen Osten zu besinnen.

Alles begann Mitte Januar beim jährlichen Meeting der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien, an dem die Energieminister beider Länder teilnahmen. Arabische Staaten wie Kuwait, die zwar regelmäßig, aber inoffiziell mit Israel kooperieren, boykottierten die Konferenz, weil sie den jüdischen Staat offiziell nicht anerkennen. Der Iran hingegen nahm teil. Energieminister Hamid Chitchian blieb sogar am Tisch, als sein israelischer Amtskollege Silvan Schalom das Wort ergriff. Der in Tel Aviv ansässige Sicherheitsexperte Meir Javedanfar schrieb dazu: „Kein iranischer Minister und schon gar kein Delegierter würde es wagen, ein solches Risiko ohne Segen von oben einzugehen.“

Erwidert wurde diese Konzilianz Anfang Februar bei der Münchener Sicherheitskonferenz. Diesmal blieb Israels Verteidigungsminister Mosche Jaalon im Saal, um Irans Außenminister Mohammed Sarif zuzuhören. Noch im September hatten sich Israelis und Iraner bei ihren Auftritten vor der UN-Generalversammlung in New York gegenseitig boykottiert. Am Tag nach der Münchner Konferenz erkannte Sarif bei einem Hörfunkinterview für einen deutschen Sender den Holocaust an und nannte ihn eine „grausame Tragödie“. Präsident Hassan Rohani hatte zuvor den von den Nazis verübten Genozid vor den Vereinten Nationen gleichfalls verurteilt. Zudem konnte man aus einigen Bemerkungen Sarifs heraushören, sein Land erwäge, Israel anzuerkennen, sobald der Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis gelöst sei. Später freilich dementierte der Minister solcherlei Absicht.

Nach Jahren einer flammenden Anti-Israel-Rhetorik unter Staatschef Mahmud Ahmadinedschad poliert Teheran sein internationales Image. Im September 2013 wünschten Präsident und Außenminister „den Juden auf der ganzen Welt“ ein frohes Neujahrsfest Rosch ha-Schana. Und Anfang Februar spendete die iranische Regierung dem jüdischen Hospital in Teheran knapp 150.000 Euro.

George Bush winkte ab

Iran und Israel waren nicht immer bis zur Unerbittlichkeit verfeindet. Zu Zeiten von Reza Schah Pahlavi gab es einen geostrategisch gefärbten Arbeitskontakt, der nicht allein Geheimdienst- und Sicherheitskooperation galt, sondern auch eine Energieallianz einbezog – Israel importierte iranisches Öl. Man war sich einig über das Verhältnis zur Sowjetunion und den Panarabismus. Und so unvorstellbar das heute scheinen mag: Auch der revolutionäre Iran der Ajatollahs setzte die Zusammenarbeit mit Israel bis in die neunziger Jahre hinein keinesfalls aus – aller aggressiven Semantik in Teheran und Tel Aviv zum Trotz. Im Krieg gegen den Irak Saddam Husseins (1980 – 1988) versorgte Israel die Islamische Republik sogar mit Waffen und sonstigem Nachschub.

1998/99 verhandelten beide Seiten ohne Störfeuer von irgendwem über eine Milliarde Dollar, die Israel dem Iran schuldete. Noch im Jahr 2003 immerhin – der Atomstreit schwelte schon – erlaubte Teheran israelischen Experten, die vom Erdbeben in der Stadt Bam zerstörten Gebiete zu besichtigen, weil die dortige Infrastruktur größtenteils israelischen Unternehmen zu verdanken war.

Mit anderen Worten, es existiert sehr wohl eine Geschichte der iranisch-israelischen Beziehungen. Premier Benjamin Netanjahu polemisierte während seiner ersten Amtszeit (1996 – 1999) zwar immer wieder lautstark gegen die „iranische Gefahr“, signalisierte aber zugleich, dass er an einem Dialog mit Teheran interessiert sei. Ebenso stimmte der iranische Oberste Rechtsgelehrte Ajatollah Ali Khamenei einem „Großen Deal“ mit den USA zu, demzufolge der Iran eine Zweitstaatenlösung im israelisch-palästinensischen Konflikt anerkenne. Die Bush-Regierung winkte genervt ab.

Im Augenblick nun scheint die geopolitische Lage einer iranisch-israelischen Annäherung gewogen, während die Schlacht um Syrien die tiefe Feindschaft zwischen der Islamischen Republik und Saudi-Arabien anheizt. Dies bestätigt Frederic Hof, vor Abbruch der diplomatischen Beziehungen US-Diplomat in Teheran. Iranische Offizielle hätten ihm erklärt, man betrachte weder die USA noch Israel als Hauptfeind – dies sei allein die saudische Autokratie. So versucht Teheran denn auch, verlorene Partner wie die Türkei zurückzugewinnen, um saudischen Einflüssen in der Region zu begegnen. Auch die Bande zu den Vereinigten Arabischen Emiraten werden gerade repariert. Der seit Jahrzehnten schwelende Streit um eine kleine Inselgruppe im Persischen Golf soll schnurstracks beigelegt werden.

Große jüdische Community

Sollte sich auch im Verhältnis zum Sultanat Oman alles zum Guten wenden, wäre Saudi-Arabien diplomatisch ausmanövriert und eingekreist. Selbst der im November in Genf abgeschlossene Atomdeal mit den sogenannten 5+1-Staaten (USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, China und Deutschland) lässt sich als Versuch deuten, den regionalen Status des Iran zuungunsten Riads aufzuwerten. Dort wird prompt angekündigt, sich von Amerika zu distanzieren, sollten weitere Agreements dieser Art folgen. Gelingt in der Atomfrage ein Durchbruch, den Israel anerkennt, wäre es mit dem pragmatischen Schulterschluss zwischen Saudis und Israelis schnell vorbei – dessen Motiv resultiert einzig und allein aus der Angst vor der „iranischen Bombe“.

Einige Konsequenzen lägen auf der Hand. Die größte jüdische Community im Nahen Osten außerhalb Israels lebt im Iran, während Israel die Heimat für etwa 200.000 iranische Juden ist. Wie sehr könnten diese Gemeinschaften davon zehren, wenn sich die Regierungen in Teheran und Jerusalem um mehr friedliche Koexistenz bemühen würden. Allein der erkennbar wachsende Extremismus fundamentalistisch-wahhabitischer Krieger, die mehrheitlich aus Saudi-Arabien stammen und von iranischen Schiiten wie israelischen Juden gleichermaßen verachtet werden, mahnt zur Verständigung. Ob davon auch der Umgang Israels mit der schiitischen Hisbollah im Süden des Libanon berührt sein würde, bliebe abzuwarten. Sollte sich das Verhältnis zu diesen Gotteskriegern entspannen, was hieße das für Israels Agieren gegenüber der Hamas und der Organisation Islamischer Dschihad im Gazastreifen?

Keine Frage, der Iran und Israel könnten die sich jetzt bietenden Chancen nutzen, um über ihren Schatten zu springen und an nationale Interessen in der Region zu denken, die zumindest etwas mehr gegenseitige Nähe vertragen. Es ist an der Zeit, sich einer Vergangenheit zu besinnen, in der vieles möglich war.

Navid Hassibi ist Gastdozent am Institut für Konfliktstudien an der George Washington University in Washington Übersetzung: Zilla Hofman

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 10/14.