Zwei Euro pro Stunde

Griechenland John Milios, der Syriza-Wirtschaftsexperte, will eine humanitäre Politik bei der EU durchsetzen

Bei John Milios klingelt zurzeit häufig das Telefon. Banker, Investoren und Journalisten – alle sind neugierig, was der in Deutschland ausgebildete Professor als Chefökonom von Syriza denkt. Er hat das Wirtschaftskonzept der Linksallianz geprägt. Jetzt sitzt er in seinem Athener Lieblingsbistro, nippt an einer Tasse grünem Tee und räumt offen ein, sein Programm sei tiefgreifend und radikal. „Ich bin Marxist wie die meisten bei Syriza und damit konfrontiert, dass ein neoliberales Narrativ versucht, alternatives Denken in Wirtschaft und Gesellschaft als Sakrileg zu denunzieren.“

Mit dem Athens College besuchte Milios einst die renommierteste Privatschule Griechenlands und machte in der gleichen Klasse wie der frühere PASOK-Premier Giorgos Papandreou sein Examen. Als Wirtschaftsberater von Parteichef Alexis Tsipras sekundieren ihm heute der in Oxford promovierte Euklid Tsakalotos, der Reederei-Sprössling Giorgos Stathakis und der in Texas ansässige Ökonom Yanis Varoufakis. „Nach Jahren einer katastrophalen Sparpolitik lechzen die Griechen nach Veränderung. Die Menschen haben uns zu dem gemacht, was wir heute sind“, so Milios. Die Zustimmungswerte von Syriza seien von fünf Prozent vor der Krise auf 27 Prozent Mitte 2012 angestiegen, um jetzt bei 30 Prozent zu liegen.

Aus einem konservativen Elternhaus stammend, gehört Milios zu jener Generation, die den Marxismus während des Militärregimes (1967 – 1974) für sich entdeckte. „Politisiert wurde ich durch den Vietnamkrieg und stehe in der Tradition des französischen Marxismus.“ Milios gilt in Tsipras engerem Zirkel als der radikalste Aspirant auf Regierungsverantwortung. Was nicht heißt, dass ihm der Sinn für politische Realitäten fehlt. Den Griechen würden auch weiterhin harte Zeiten bevorstehen. Syriza falle nichts in den Schoß. Das sei ihm so klar wie Tsipras.

Die Geldgeber mussten die Rettungsleine, die sie Griechenland zugeworfen haben, zuletzt zwar verlängern, ohne sie jedoch aus der Hand zu geben. Das laufende Anpassungsprogramm endet im Februar, danach muss der griechische Staat bis Ende 2015 17 Milliarden Euro an Krediten zurückzahlen. „Wir werden nichts unternehmen, was einer Fortsetzung der griechischen Mitgliedschaft im Euro widerspricht“, beteuerte Milios und wies Spekulationen zurück, man wolle einen Ausstieg. „Die Regierung hat sich auf eine Angstkampagne versteift. Die Griechen sollen für den Fall unseres Wahlsieges das Schlimmste fürchten. Das ganze Gerede über den ‚Grexit‘ glaubt in Wirklichkeit kein Mensch mehr. Am wenigsten Frau Merkel.“ – Die mit 240 Milliarden Euro größte Staats- und Bankenrettung der Geschichte habe zu viel Schweiß, Blut und Tränen gekostet, als dass man die Währungsunion jetzt einfach so aufgeben dürfe, fasst Milios die Haltung seiner Partei zusammen. „Griechenland – so schwach es auch sein mag – ist derzeit in einer äußerst starken Position.“

Arsenal von Argumenten

Man müsse der Humanität zu ihrem Recht verhelfen. Eine Syriza-Regierung werde Haushalte, denen der Storm abgeklemmt wurde, wieder ans Netz anschließen; in Schulen Essensmarken verteilen; dafür sorgen, wieder eine flächendeckende Gesundheitsfürsorge zu haben; den Mindestlohn auf 750 Euro anheben; ein Moratorium für alle Privatschulden verhängen, wenn die 30 Prozent des verfügbaren Einkommens übersteigen. „Wir wollen nicht, dass in Griechenland jemand unter Bedingungen arbeitet, die an Sklavenarbeit erinnern“, sagt Milios. „Es gibt bei uns in vielen Branchen junge Leute, die für zwei Euro die Stunde angestellt sind.“

Die rund 2,3 Milliarden Euro, die nur diese Maßnahmen kosten, könnten durch umgeschichtete staatliche Einnahmen und Steuergerechtigkeit aufgebracht werden. In der Finanzwelt haben diese Vorstellungen bereits jede Menge Spott ausgelöst. Doch Milios lässt sich nicht beirren. Die Verhandlungen mit der Troika würden hart, aber Syriza sei gut vorbereitet und verfüge über ein ganzes „Arsenal an Argumenten“.

Eine Politik zu beenden, durch die Hunderttausende Griechen in die Armut getrieben wurden, sei nur eine Seite der Gleichung. „Die andere besteht natürlich darin, eine Lösung für die Schuldenlast von 322 Milliarden Euro zu finden. Wir wollen zumindest die Laufzeiten der Anleihen verlängern, die von der EZB gehalten werden. Es gibt die historische Chance, mit der Sparpolitik in Griechenland und der ganzen EU endlich Schluss zu machen.“ Über die Schulden habe er schon mit dem deutschen Finanzminister Schäuble gesprochen. Die größte Herausforderung für Syriza dürfte kaum in Verhandlungen mit der Merkel-Regierung bestehen, sondern in dem Gebot, allen gerecht zu werden, die Syriza an der Regierung sehen wollen.

Helena Smith ist Athen-Korrespondentin

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 04.02.2015
Geschrieben von

Helena Smith | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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