Zweite Front

Syrien Eine Koalition von arabischen und kurdischen Gruppierungen greift nun mit Unterstützung der US-Armee die IS-Bastion Rakka an
Spencer Ackerman | Ausgabe 44/2016 6
Zweite Front
James Clapper, Nationaler US-Geheimdienstkoordinator, legt einen erstaunlich offenen Pragmatismus an den Tag
Foto: Drew Angerer/Getty Images

Es sei von Anfang an so vorgesehen gewesen, meint General Stephen Townsend, Kommandeur der US-Streitkräfte im Irak. Während um Mossul gekämpft werde, treffe man zugleich Vorkehrungen, die syrische IS-Hochburg Rakka zu nehmen. Diese Operation beanspruche wegen der Gefahr dschihadistischer Racheakte außerhalb des Nahen Ostens eine gewisse „Dringlichkeit“.

Zuvor jedoch müssen die US-Planer gravierende geopolitische Fragen in der eigenen Koalition klären. Die USA paktieren mit den Kurden-Milizen der YPG, die von der Türkei wegen ihrer Nähe zur PKK bei jeder sich bietenden Gelegenheit in Nordsyrien attackiert werden. In der Konsequenz verlangt Ankara einen substanziellen Part bei einer Offensive auf Rakka.

Ungeachtet dessen versichert US-Verteidigungsminister Ashton Carter am 25. Oktober in Paris vor den Ressortkollegen der westlichen Anti-IS-Koalition, die irakische Nationalarmee werde zusammen mit arabischen und kurdischen Alliierten sowie der US-Luftwaffe und US-Spezialeinheiten in der Lage sein, dem IS die wichtigsten Bastionen in Syrien und im Irak quasi zeitgleich zu entreißen. „Wir verfügen über die nötigen Ressourcen für beide Operationen“, so Carter gegenüber NBC News. Der Angriff auf Rakka werde „in den kommenden Wochen“ beginnen. Womit auch gesagt ist, dass Einheiten der US-Armee auf syrischem Boden in Aktion treten. Offenbar sollen damit Ambitionen des Assad-Regimes und Russlands durchkreuzt werden, nach einer Einnahme Aleppos ihrerseits auf Rakka zu marschieren, um einen syrischen Kernstaat zu erhalten. Die USA wollen vollendete Tatsachen schaffen, was General Townsend mit dem Hinweis bemäntelt, man müsse schnell handeln, gebe es doch „nachrichtendienstliche Hinweise“ darauf, dass IS-Planungen auf große externe Operationen deuteten, die von Rakka aus geführt würden. Zuvor müsse noch entschieden werden, ob man Rakka einkreisen wolle, um die Stadt gleich zu Beginn der Schlacht zu isolieren.

IS verfügt über Drohnen

Auch seien die USA noch dabei, Soldaten auszubilden, besonders arabische Kräfte. Für den Marsch auf Rakka werde weniger Manpower verfügbar sein als derzeit vor Mossul, an dessen Eroberung zehntausende Kombattanten beteiligt sind. Townsend räumt ein, die US-Regierung habe „das schwierige Problem“ noch nicht gelöst, ob neben Kurden auch Türken in die Rakka-Front eingereiht werden. Zumindest in einer ersten Phase der Operation, sagt General Townsend, wolle man die Kurden dabeihaben, schließlich komme den Verteidigungseinheiten der Yekîneyên Parastina Gel (YPG) in der Militärallianz eine relevante Rolle zu.

Auf die Frage, ob es zwischen Ankara und Washington Streit wegen Rakka gebe, antwortet Townsend: „Wir haben vielleicht Differenzen, wie wir strategisch vorgehen, kooperieren aber mit jedem, der bereit ist, bald loszuschlagen.“

Noch genießen die Gefechte um Mossul für die USA Priorität beim Einsatz der Luftstreitkräfte, der Versorgung der irakischen Armee mit Waffen wie US-Beratern. Ob dies so bleibt, wenn in Mossul und Rakka parallel gekämpft wird, wird sich zeigen. Keine Frage, Amerika führt seinen dritten Krieg im Irak seit 1991. Dessen Ziel ist der Sturz des IS-Kalifats, auch wenn die US-Geheimdienste seit Monaten warnen, mit einer Einnahme Mossuls sei der „Islamische Staat“ noch nicht vernichtet.

James Clapper, Nationaler US-Geheimdienstkoordinator, sagte gerade bei einer öffentlichen Debatte, der IS besitze genügend „Widerstandskraft und Flexibilität, inzwischen auch Drohnen“, wie im Raum Mossul ersichtlich sei. Er könne sich leicht wieder in eine Guerilla zurückverwandeln, die in Dutzenden von Ländern auf einer niedrigeren Ebene agiert. Beim Treffen in Paris legte Ashton Carter ungewöhnliche Offenheit an den Tag und ließ wissen, wie die USA eine solche Mutation zu antizipieren gedächten. Die Eliteeinheit, die 2011 Osama bin Laden getötet habe, sei beauftragt, Versuche des IS zu unterbinden, Kader aus dem Irak und aus Syrien zu schleusen, um Terroranschläge zu verüben.

Spencer Ackerman ist Guardian-Autor

Übersetzung: Holger Hutt

13:00 07.11.2016
Geschrieben von

Spencer Ackerman | The Guardian

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