Zwölf Trainer in elf Jahren

Südafrika Die Equipe Südafrikas könnte als schlechteste Heimmannschaft aller Zeiten in die WM-Geschichte eingehen

Der Mann, der für die Organisation der Fußball-WM verantwortlich zeichnet, hat sich mittlerweile daran gewöhnt, die ewig gleiche Frage zu beantworten, ob denn auch alles rechtzeitig fertig wird. Der ein wenig beleibte Danny Jordaan steht im schwarzen Blazer vor Soccer City, dem gewaltigen neuen Stadion in Johannesburg, das einem braunen afrikanischen Kochtopf nachempfunden scheint, und spult Standardsprüche über Stadien, Verkehrswege und Kriminalität herunter. Ein routinierter Medien-Performer und perfekter Frontmann – solange er nicht über das fußballerische Vermögen des Gastgebers Auskunft geben muss. Dann ringt er sich ein schwaches Lächeln ab und sieht weg. „Müssen Sie mich ausgerechnet danach fragen?“

Dahinter verbirgt sich die große Angst der südafrikanischen Fans: Was, wenn das Land bereit ist, aber die Nationalmannschaft versagt? Wird eine lausige Leistung der Equipe die Party versauen? Warum nicht? Der brasilianische Trainer und Weltmeister Carlos Alberto Parreira, der mit einem millionenschweren Vertrag nach Kapstadt geholt wurde, gab im April 2008 zunächst einmal entnervt auf. Erstmals seit Ende der Apartheid hat es Südafrika 2009 nicht geschafft, sich für den Afrika-Cup zu qualifizieren. Die Crew könnte als schlechteste Heimmannschaft aller Zeiten in die WM-Geschichte eingehen, fürchten die Gastgeber. „Es kann extrem peinlich werden“, sagt Robert Marawa, der beliebteste Fußball-Reporter des Landes.

Als „Nationbuilder“ gefeiert

Als die Regierung Südafrikas Ende der neunziger Jahre mit dem Gedanken spielte, die WM auszurichten, war die Mannschaft das Letzte, worüber man sich Sorgen machten. Bafana, Bafana (auf Zulu: „die Jungs, die Jungs“), wie die Nationalelf genannt wird, waren mit einem Paukenschlag auf die internationale Bühne zurückgekehrt. Während das Bild Nelson Mandelas auf einem Sprinbok-Trikot beim Finale der Rugby-WM 1995 allgemein als Zeichen für die Geburt der Regenbogennation galt, war es ein Fußball-Sieg im darauf folgenden Jahr, nach dem die Nation so vereint wirkte wie nie zuvor. 1996 schlug Bafana im Finale des Afrika-Cups Tunesien mit 2:0. Und Mark Williams – der Mann, der beide Tore schoss – wurde als „Nationbuilder“ gefeiert.

Anders als die Rugby-Nationalmannschaft, die nur einen Schwarzen in ihren Reihen hatte, bewährte sich Bafana als gemischtes Team. Nelson Mandela erschien zum Finale und trug den weiß-grün-goldenen Fußballdress. Mark Williams erinnert sich, wie ihn der Präsident vor dem Spiel im Mannschaftshotel besuchte. „Er nahm mich in den Arm und meinte: ‚Heute ziehen wir in den Krieg. Was auch immer passiert, denk daran, die ganze Nation steht hinter dir.´“ William ist zu Tränen gerührt, wenn er sich Videoaufzeichnungen von diesem Tag ansieht.

Es schien so, als sollte der 96er Sieg eine längere Erfolgsperiode einläuten, doch weit gefehlt – die Leistungen wurden mit jedem Afrika-Cup schlechter. Derzeit steht Bafana auf Platz 77 der FIFA-Weltrangliste, und es gibt wenig Streit über die Gründe der Misere: keine Investitionen, keine wirkliche Jugendarbeit, zu viele Verkäufe nach Europa und ein entlassungsfreudiger Fußballverband, der in elf Jahren zwölf Nationaltrainer verschlissen hat.

„Keiner schert sich um die Entwicklung der Mannschaft“, moniert der Journalist Robert Marawa, der im Satellitenfernsehen die Nationale Liga live kommentiert. „Trainer und Betreuer haben mehr Interesse, ihre Bankkonten wachsen zu sehen als die Mannschaft.“

In der Tat leisten die Fußball-Bosse Bestarbeit, wenn es um Geld-Beschaffung geht. Der Fernsehvertrag der nationalen Fußballliga kann sich im internationalen Vergleich sehen lassen, auf die Basisarbeit schlagen die Einnahmen der Vereine längst nicht durch. Nur wenige Teams haben Jugendmannschaften, es gibt keine zweite Liga, die besten Spieler haben größtenteils das Land verlassen, als sie noch Teenager waren, und reiften in England oder Portugal zu voller Blüte. Quinton Fortune, der früher einmal bei Manchester United spielte, ging mit elf Jahren, Evertons Steven Pienaar mit 17.

Fred-Feuerstein-Typ

Stattdessen wurde eine Menge Geld für brasilianische Trainer ausgegeben, was sich – an Ergebnissen gemessen – nicht auszahlte. Als Carlos Alberto Parreira „aus persönlichen Gründen“, aufhörte (bevor er im Oktober 2009 wieder zurückkehrte), empfahl er Joel Santana als Nachfolger, der noch nie zuvor eine Nationalelf trainiert hatte. Prompt widerfuhr dem ein denkbar schlechter Start, Bafana verlor zweimal gegen Nigeria und kam gegen Sierra Leone – eine der schlechtesten Mannschaften des Kontinents – über ein Unentschieden nicht hinaus. Nachdem er auch noch an der Qualifikation für die Afrikameisterschaft gescheitert war, legte Santana eine Siegesserie von fünf Spielen hin, stürzte im Februar 2009 aber wieder ab, spielerisch und kämpferisch bezwungen von einer guten chilenischen Mannschaft.

Während Südafrikas Fußballverband schon Trainer entlassen hat, die wesentlich mehr gezeigt haben, schien Santana mit einer Job-Garantie bedacht. „Wir lassen uns zu sehr von Stars beeindrucken“, glaubt Rob Moore, Mitbegründer von Ajax Cape Town. „Wir denken immer Brasilianer sind per se gut, aber Santana war einer der schlechtesten Trainer, die wir je hatten.“ Zu dieser Ansicht neigt auch der angesehene Fußball-Kolumnist Mark Gleeson. „In unserer Mannschaft steckt Potential, aber Santana konnte es nicht abrufen. Dazu braucht man Charisma und ein Gespür für Führungsstärke. Dieser Coach ist eher der Fred-Feuerstein-Typ.“

Doch hat der Confed-Cup der FIFA im Juni 2009, die Generalprobe für die WM, viele mit Bafana versöhnt. Die Mannschaft schlug in ihrer Vorrunde-Gruppe Neuseeland mit 2 : 0, strauchelte gegen Europameister Spanien und zeigte im Halbfinale mit einem 0 : 1 gegen Brasilien ein wirklich achtbares Spiel. Den Südafrikanern kam der Underdog-Status vor heimischer Kulisse zugute, von der Elf wurde nicht viel erwartet, sie konnte ohne Druck frei aufspielen (zur WM-Eröffnungspartie am 11. Juni 2010 im Soccer City Stadion von Johannesburg gegen Mexiko wird das ganz anders sein).

Dabei war Südafrikas bester Stürmer, Benedict Saul „Benni“ McCarthy, für den Confed-Cup gar nicht nominiert, weil er bei zwei Freundschaftsspielen gegen Norwegen wegen einer angeblichen Verletzung nicht erschienen war. Daraufhin hängte er seine Karriere bei der Nationalmannschaft gleich völlig an den Nagel. Manager Rob Moore kennt den Inkriminierten besser als jeder andere, er führte McCarthy durch das System der Jugendmannschaften von Kapstadt, verkaufte ihn 1997 an Ajax Amsterdam und ist auch heute noch sein Agent. Dieser Fall sei typisch für südafrikanische Spieler, glaubt Rob. „Sie haben die Fähigkeiten, aber ihnen fehlt die mentale Einstellung. Es gibt Leute, die sagen, Benni hätte es so weit bringen können wie Thierry Henry, aber er hat nicht dessen Ehrgeiz.“

Übersetzung: Holger Hutt

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16:15 06.01.2010
Geschrieben von

Steve Bloomfield | The Guardian

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