RE: Die politische Dimension der Ausgangssperre | 08.04.2021 | 17:00

Großartiger Text! Hier bekommt man noch einen kleinen nostalgischen Rückblick in Zeiten, in denen "links" noch "herrschaftskritisch" bedeutete - und zwar prinzipielle Herrschaftsdistanz und Kritik. Manch "Linker" ist heute oft schon größerer Regierungsfan, als die Regierung selbst. Danke für diese Erfrischung!

RE: Maßlos maßhalten | 30.03.2021 | 00:56

Das freut mich ungemein, dass dein Leben scheinbar von all dem ganzen Pandemie-Spaß unbeeinflusst ist - wirklich. Doch bitte sei dir bewusst, dass du damit wahrscheinlich eines der wenigen Exemplare auf diesem Planeten bist. Vielen Menschen fehlt etwas: Ihr Leben, ihr Beruf, ihr Geld, ihre Familie, ihre Freunde, Feiern, Spaß, Musik, Kunst, Gottesdienste; manchen gar ihre gesamte Existenz.

Aber man muss gar nicht bis zu Existenzverlusten gehen: Es gehört zur condition humaine sich zu sozialisieren. Der Mensch will in der Regel andere Menschen treffen und das OHNE Vorschriften irgendwelcher Abstandsgebote noch sonstiger Zärtlichkeitsverbote.

Mir, liebe oder lieber Wim, fehlt im normalen Leben tatsächlich gar nichts. Du hast da etwas falsch verstanden. Mir fehlt genau jetzt etwas und zwar eine ganze Menge. Mir fehlt die Freiheit Treffen und Sehen zu können wen ich will, wann ich will und wo ich will. Mir fehlt das kulturelle Leben, mir fehlt das kulinarische Leben. Ich bin Musiker. Stell dir vor, lieber oder liebe Wim, wie überlebt ein Musiker in diesen Zeiten? Musiker sind angewiesen auf Kontakt zu einem Publikum! Live! Dies ist unser Lebenselexir, davon atmen wir.

Es ist toll, dass dir in deinem Leben scheinbar selbst während einer Pandemie nichts fehlt. Jedoch vergiss nicht: Viele da draußen brauchen mehr zum Leben, als das wenige, was gerade bleibt (und bitte unterscheiden wir hier Überleben vom Leben). Ich denke das ist kein Verlangen nach Exzess, sondern schlicht ein Verlangen nach der Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse, welche der Staat seit einem Jahr unterdrückt.

RE: Maßlos maßhalten | 29.03.2021 | 10:20

Ein durchaus gut geschriebener Text, der mit Witz und Humor so manchen Exzess zu beschreiben versucht.

Ich denke aber man hätte hier eine Sache noch viel deutlicher aussprechen können: Der Dauerlockdown (bald sind es 6 Monate seit Oktober!!!) und die deutsche Lust an diesem sind ein Exzess. Exzessive Zelebration des Verzichts von wirklich allem, was dem menschlichen Leben Freude, Schönheit und Lebenslust verleiht. Ein großer Teil der Deutschen scheint hier wirklich eine masochistische Lust an der Selbstkasteiung zu verspüren, die einem religiösen Asketismus in nichts nachsteht: Man habe ja keine Wahl! Man müsse eben, es gibt nämlich keinerlei alternative außer den Mega-Ultra-Hyper-Verzichts-Lockdown - die religiösen Asketen müssen zu Ehren Gottes, die deutschen Lockdown-Freunde zu Ehren des virologischen Imperativs.

Schon allein die besondere Lust vieler Journalisten am Benutzen von Steigerungswörtern wie "Mega-, Hyper, Super- Lockdowns" zeigt den Exzess dahinter an.

Irgendwie hat aber noch keiner gemerkt, dass bloßes Überleben nicht gleich Leben ist. Es hat auch keiner gemerkt, dass in Ländern wie der Schweiz die Restaurants lange geöffnet waren (und nach meinem jetzigen Stand noch sind) - ohne Probleme. In Frankreich sind die Schulen und Universitäten geöffnet. Die Deutschen aber weigern sich den Blick auf die Nachbarn zu werfen. Sie wollen nicht differenzieren und sich in ihrer Lust am exzessiven Lockdown stören lassen. Wenn schon Lockdown, dann richtig hart und dann bitte auch für alle!!

RE: Der blinde Fleck der neuen Akademikerklasse | 25.03.2021 | 20:45

Lieber Richard Zietz,

wenn Sie doch nur einen Moment die ideologische Brille absetzen würden, so müssten Sie nicht so gezwungen am Text vorbei lesen und die wildesten Sachen hineininterpretieren.

Weder stecken in diesem Text irgendwelche Hinweise auf düstere Kolonialismus-Absichten der Autorin (außer Sie interpretieren krampfhaft am herum, um wüste Unterstellungen zu tätigen), noch möchte sie eine "Sprache der Oberklasse" den "Prolet(inn)en" aufzwingen. Die Autorin unterstützt auch keineswegs an irgendeiner Stelle schwülstige Sprache mancher wissenschaftlicher Sachbuchautoren. Auch der Sprachstil der Angelsachsen ist elaboriert! Es gibt einen Unterschied, ob man schwülstig oder klar verständlich schreibt, oder aber ob man gar nicht erst die Möglichkeit hat sich überhaupt differenziert verständlich auszudrücken! Und genau darum geht es der Autorin hier.

Die Autorin will nichts weiter, als darauf aufmerksam machen, dass Sprache der Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe ist. Eine differenzierte Sprache ermöglicht eine gesteigerte Möglichkeit das Leben zu erleben und zu erkennen. Durch eine differenzierte Sprache können wir das, was wir fühlen, besser ausdrücken. Ja, wir gewinnen endlich Worte für Dinge, für die wir vorher keine hatten. Eine differenzierte Sprache hilft also zunächst dem Einzelnen ein viel reichhaltigeres Leben zu führen, weil er sich selbst besser verstehen lernt und damit auch andere wie die Welt um ihn herum.

Es ist nun einmal so, dass Wissenschaft und Zivilisation überhaupt nur möglich wurde durch möglichst differenzierte Sprache, welche versucht die Wirklichkeit möglichst genau abzubilden. Dazu ist eine einheitliche Sprache nötig. Es sind Regeln nötig, die das Verstehen der Sprache erleichtern, d.h. eine einheitliche Grammatik und eine exakte Rechtschreibung.

Zudem ist eine Sprache, die vor grammatikalisch falschen Satzkonstruktionen nur so strotzt, genauso ein "Identitätsmarker", wie eine Schriftsprache, die vor Rechtschreibfehlern überfüllt ist. In einer Gesellschaft haben solche Kinder, die die Grundregeln der deutschen Sprache nicht korrekt erlernt haben, obwohl sie es in der Schule ja könnten (aus political Correctness, und man will ja niemanden überfordern...) ein Problem: Ihnen wird der Weg zu zahlreichen Berufen versperrt. Daran sind die Schulen schuld, nicht die Kinder! Es ist die Schuld ideologischer Konzepte, welche von gut situierten Akademikern erdacht wurden, die aber für viele Kinder aus Arbeiterfamilien nicht taugen! Statt alle Kinder auf ein möglichst hohes Sprachniveau zu fördern, privatisiert man diese Aufgabe heute. Kinder aus gut situierten Familien werden auch ohne Schule gut sprechen und schreiben lernen. Die Verlierer werden nur jene sein, die ohnehin schon benachteiligt sind und denen zu Hause keiner hilft.

Ich selbst komme aus einem Kuhdorf und aus einer Arbeiterfamilie. Keiner dort hat je studiert - ich bin der erste, der einen akademischen Weg einschlug: Den Weg der Pädagogik und ich kenne daher die Ideologien, welche Lehramtsstudenten heute eingebläut werden: Bloß keinen Frontalunterricht, um Himmels Willen, nein, lieber nur Gruppenarbeiten, alles selbst erarbeiten lassen, der Lehrer nur als Coach. Ich habe in meiner Schulzeit die ersten Exemplare dieser Lehrergeneration erlebt: Ich habe sie verabscheut, denn ich habe bei ihnen rein gar nichts gelernt. Sie wussten auch rein gar nichts und sie wollten auch nichts mehr wissen. Wäre ich nur mit solchen Lehrern in Kontakt gekommen, ich wäre heute nicht da, wo ich bin. Ich profitierte von Lehrerpersönlichkeiten, die Charisma und einen enormen Wissensschatz hatten. Lehrer, die etwas erzählen konnten und die etwas von mir forderten. Ich profitierte nicht selten von frontalen Einheuten, genauso wie ich heute enorm von Vorträgen intelligenter Menschen profitiere, die mir etwas zu sagen haben.

Und ja, im Verlaufe meines Lebens habe ich mir das angeeignet, was Sie wohl als "Oberklassen-Sprache" bezeichnen. Aber es wurde mir nicht aufgezwungen. Es passierte ganz automatisch durchs Lesen und dauerhafte Schreiben. Und es ermöglicht mir ungeahnte Zugänge. Das dürfen wir Kindern nicht aus Gründen irgendeiner political Correctness vorenthalten.

Und ganz nebenbei bemerkt: Sie, lieber Richard Zietz, scheinen sich selbst ohne grammatikalische Fehler und Rechtschreibfehler ausdrücken zu können. Ja, Sie haben sogar einen großen Wortschatz, der es Ihnen ermöglicht einen solchen Kommentar zu schreiben, wie Sie ihn geschrieben haben. Sie haben die Fähigkeit sich aktiv GEGEN ein "Prolet(inn)en-Deutsch" zu entscheiden. Viele Menschen können das leider nicht, weil ihnen die Schule diese Möglichkeit vorenthalten hat! Seien Sie dankbar, dass Sie "die Sprache der Oberklasse" (wie Sie es so nett, aber wie klar geworden sein sollte fälschlicherweise nennen) wenigstens gelernt haben und dass Sie sich für diese entscheiden können, wenn es angemessen ist, sonst würde Sie nämlich erstens niemand verstehen und zweitens könnten Sie ihre Gedanken gar nicht in Worte fassen. Ja, diese Gedanken würden Ihnen aufgrund fehlenden Vokabulars gar nicht erst in den Sinn kommen.

Beste Grüße!