S21, Bahn und Immobilien

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Ein bißchen Trockenfutter!

Eben in der Stuttgarter Zeitung gefunden:

In den Kommentaren zu dem Artikel "Kein Bau- und Vergabestopp" Holger Gayer und Thomas Faltin, Fotos: Achim Zweygarth, veröffentlicht am 11.10.2010 erklärt Frank D anhand der Bilanzen, warum Herr Grube sich keinen Baustopp erlauben kann:

12.10.2010 Grube und eine Wahrheit

Warum tritt Grube so vehement für Stuttgart 21 ein? Einen Aspekt mag die folgende Recherche transparent machen. Gutachten, Zeitungsartikel, (Werbe-)Broschüren werden inzwischen von allen angezweifelt. Daher lohnt es sich, einen Blick in die Geschäftsberichte der Deutschen Bahn zu werfen. Diese sind testiert, Falschangaben haben rechtliche Konsequenzen – die Informationen sind also als „wahr“ anzusehen. Bekannte Aussagen von Grube: - Stuttgart 21 ist das größte Geschenk, dass ich je einer Stadt gemacht habe - Die Bahn hat im Geschäftsjahr 2009 den Stresstest der Wirtschaftskrise überstanden und wird einen Milliardengewinn ausweisen. Nun ein Blick in die Geschäftsberichte der Deutschen Bahn AG: Grube ist seit 1. Mai 2009 Vorstandsvorsitzender. Seine Vergütung für das Jahr 2009 (Jahresbericht S. 35): Feste Vergütung: 600 Tsd. EUR/ Variable Vergütung 900 Tsd. EUR. Die variable Vergütung ist vor allem an die Finanzkennzahlen EBIT (operativer Erfolg) und ROCE (Kapitalrendite) gebunden. Grube hat also für acht Monate Arbeit im Jahr 2009 1,5 Mio. EUR bezogen. Wie hat Grube diese Erfolgsbilanz hinbekommen und welche Rolle spielt Stuttgart 21 – v.a. der Grundstücksdeal mit der Stadt Stuttgart. Dazu ergab eine Analyse der Geschäftsberichte der Bahn AG von 2001 – 2009 unter dem Stichwort Stuttgart folgende Ergebnisse: Von 2001 – 2008 findet Stuttgart 21 kaum eine Erwähnung in den Geschäftsberichten, obwohl es angeblich das größte und wichtigste Infrastrukturprojekt Europas; erst 2009 wird das Projekt verschiedentlich aufgeführt. Quelle:http://www.deutschebahn.com/site/ir/ir__dbag/de/finanzberichte/finanzberichte.html Bilanziell hat sich kurz gesagt Folgendes getan: Bis 2008 waren die Erlöse aus den Grundstücksverkäufen an die Stadt Stuttgart + Zinsen (639 Mio. EUR) als passiver Bilanzposten in der Kategorie „Andere Verbindlichkeiten“ eingestellt. Dieser Bilanzposten wurde 2009 aufgelöst und der Betrag von 639 Mio. EUR wurde in die Gewinn- und Verlustrechnung des Jahres 2009 überführt. Dadurch verbesserte sich die operative Ergebnisgröße EBIT (die u.a. für die variable Erfolgsvergütung dient) um diesen Betrag von 639 Mio. EUR, ebenso das Ergebnis vor Ertragssteuern. Das Jahresergebnis (häufig auch als Gewinn bezeichnet) erreichte 830 Mio. EUR (also doch nicht ganz die anvisierte 1 Mrd.). Und dies alles im Krisenjahr 2009. Die Bahn müsste bei einem Stopp des Projektes diesen Betrag wohl an die Stadt zurückzahlen (ggf. weitere Zinsen). Damit würde die Bilanz bzw. die Gewinn- und Verlust-Rechnung für 2010 oder auch 2011 für Grube entsprechend schlechter aussehen. Die Schlagzeile der Medien wäre dann vielleicht: „Herr Grube – Warum sinkt der Gewinn im Boomjahr 2010?“. Top-Manager Grube wäre wieder auf Normalmass geschrumpft – ggf. würde auch sein Bonus schrumpfen. Übrigens, einfach ausgedrückt ist die ganze Sache noch immer ein Nullsummenspiel – die Summe von 640 Mio. EUR darf also auf keinen Fall in die ominösen „Ausstiegskosten“ von kolportierten 1,4 Mrd. EUR eingerechnet werden. Neben den Finanzierungsfragen, ist auch die Anmerkung des Aufsichtsrates 2001 bemerkenswert: Dort wird gesagt, dass wegen Risikoüberlegungen Projekte wie Stuttgart 21 erst umgesetzt werden, wenn das Planfeststellungsverfahren abgeschlossen ist. Wie jeder weiß, ist das Planfeststellungsverfahren für S 21 u.a. für den geplanten Abstellbahnhof in Untertürkheim (ohne diesen keine Parkerweiterung und kein Rosensteinviertel) noch gar nicht abgeschlossen. Von der fehlenden Planfeststellung für die Neubaustrecke Wendlingen Ulm ganz zu schweigen. Folgend einige Auszüge zu Stuttgart 21 aus den Geschäftsberichten der Bahn AG von 2001 bis 2009: DB AG Geschäftsberichte 2001 – 2001 – Anmerkungen zu Stuttgart 21 2001 aus Risikobericht/ Projektrisiken: „Insgesamt gilt für neue Projekte wie beispielsweise das Projekt Stuttgart 21 grundsätzlich, dass eine Umsetzung erst nach abgeschlossenem Planfeststellungsverfahren erfolgt.“ 2007 aus Aufsichtsrat: „Die Zustimmung zur Veräußerung sämtlicher Anteile an der nicht zum Kerngeschäft gehörenden Aurelis Real Estate GmbH&Co. KG sowie zum Abschluss des Memorandum of Understanding zur Realisierung der Projekte Umbau des Knotens Stuttgart und NBS Wendlingen – Ulm standen im Mittelpunkt der Sitzung des Aufsichtsrats am 5. September 2007“ Geschäftsbericht 2008 aus Aufsichtsrat: „Daneben stimmte der Aufsichtsrat dem Abschluss der gemeinsamen Erklärung zur Realisierung der Projekte Stuttgart 21 und Neubaustrecke Wendlingen – Ulm zu.“ Geschäftsbericht 2009 aus - Aus Aufsichtsrat: „Der Aufsichtsrat ließ sich weiterhin über die Ergebnisse der Entwurfsplanung des Projekts Stuttgart 21 informieren und stimmte der Aufnahme des Projekts in die Investitionsplanung zu.“ - Jahreschronik 2009: März – DB Bahn Regio erhält den Zuschlag für den Betrieb der S-Bahn Stuttgart ab Juli 2013 für 15 Jahre - Konzernlagebericht (S. 49): „Die Entwicklung des DB-Konzerns war im Berichtsjahr wie auch schon im Vorjahr durch Sondereffekte beeinflusst. Im Berichtsjahr stammten diese im Wesentlichen aus der Realisierung von Erträgen aus Grundstücksverkäufen im Zusammenhang mit dem Projekt Stuttgart 21 und der Neueinschätzung der Risiken für ökologische Altlasten. - Konzernlagebericht (S. 72) – Operative Ergebnisgrößen/ Bereinigtes EBIT: Sondereffekte in MIO. EUR 2009: Grundstücksverkäufe Stuttgart 21 + 639 MIO EUR. - Konzernlagebericht – Bereinigtes EBIT: „Nach Bereinigung der Gewinn- und Verlustrechnung um Sondereffekte waren die sonstigen betrieblichen Erträge im Berichtsjahr rückläufig. Dies betrifft die Bereinigung der Effekte aus den Grundstücksverkäufen Stuttgart 21, der Neueinschätzung der Risiken für ökologische Altlasten und Restitutionsansprüchen im Berichtsjahr sowie der Effekte aus dem Verkauf der Anteile an Arcor und dem Vergleich Flughafenfernbahnhof Frankfurt im Vorjahr. Bereinigt ging die Summe der Erträge daher um 11,7 % beziehungsweise 4,460 Mio. EUR zurück.“ - Geschäftsfeld DB Netze Fahrweg (Tochtergesellschaft): „Insgesamt lagen die Segmenterlöse oberhalb des entsprechenden Vorjahreswerts. Dies resultierte aus einem Sondereffekt im Zusammenhang mit dem Projekt Stuttgart 21, von dem 619 Mio EUR auf das Geschäftsfeld DB Netze Fahrweg entfallen.“ - Erläuterungen zur Gewinn- und Verlustrechnung/ Sonstige Betriebliche Erträge (S. 189): „Der Anstieg der Erträge aus dem Abgang von Sachanlagen und immateriellen Vermögenswerten sowie der übrigen Erträge gegenüber dem Vorjahr resultiert im Wesentlichen aus der Realisierung des Grundstücksverkaufs Stuttgart 21 in den Segmenten DB Netze Fahrweg und DB Bahn Regio. - Bilanz/ Andere Verbindlichkeiten (S. 223): Der Rückgang der übrigen Verbindlichkeiten ergibt sich aus der Vereinnahmung von Erträgen aus dem Projekt Stuttgart 21. (Ergänzung 2008: 1746 Mio. EUR/ 2009: 1092 Mio EAnUR)

Vielen Dank an den unbekannten Autor für seine Recherche!

14:42 12.10.2010
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Geschrieben von

thinktankgirl

Ich lese keine Philosophen, ich lese Krimis! thinktankgirl@die-genossen.de
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