thinktankgirl
06.03.2011 | 11:42 16

Unappetitliches aus Bayreuth

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied thinktankgirl

Mensch bin ich froh, daß endlich der Guttenberg zurückgetreten ist, sage ich am Dienstag zu meiner Freundin B. Das war ja eine Zumutung, wie der das Plagiat verleugnet hat. Gott sei Dank haben sich die Akademiker auf die Hinterbeine gestellt und ihn rausgekegelt. B. bemerkt, daß ihr die Uni Bayreuth sowieso suspekt sei. Klar, sage ich, die haben doch eine Riesenspende von den Guttenbergs bekommen. Das wußte sie noch gar nicht. Ja doch, und das Geld kam von den Rhön-Kliniken, versuche ich mich zu erinnern. Kein Wunder, daß die ihm eine Promotion geschenkt haben, empört sich B., aber was soll man schon von einer Uni erwarten, an der ein Prof öffentlich sagen kann, Organverkauf könnte Arme aus einer Notlage helfen. Das kann ich mir nicht vorstellen, sage ich. Aber B. ist sich sicher. Im Verborgenen beginnen bei mir zwei Gehirnzellen zu rechnen: Guttenberg + Rhön-Klinik = Medizin & Organhandel = Medizin. Aber bevor es zu einem Ergebnis kommt, hat B. schon das Thema gewechselt.

Gestern hängen wir wieder am Telefon. Nicht, daß jetzt jemand denkt, wir würden sinnlos quasselnd die Zeit vertrödeln: Ich wasche nämlich dabei ab, den Hörer ans Ohr geklemmt. Männer haben sicher Freisprecheinrichtungen. Wir reden auch nicht über Kleider oder Diäten, sondern mit masochistischem Genuss über die bundesrepublikanischen Verhältnisse.

Schadenfreudig verkünde ich, daß in Hamburg sich nur 200 Hanseln zur Pro-Gutti-Demo eingefunden haben. Das sei der Beweis, daß BILD, facebook und Emnid alles manipulierende Betrüger seien, behaupte ich. B. findet, es gäbe Schlimmeres und Maiziere sei gar kriminell. Der Sachsensumpf, erinnert sie mich. Ausserdem, habe ich dir schon von dem Oberender von der Uni Bayreuth erzählt , der den Organhandel...

Es sieht nur so aus, als würden sich unsere Unterhaltungen immer im Kreis drehen, in Wirklichkeit sind es Aufwärtsspiralen. Die 2 vergessenen Gehirnzellen fangen an zu rattern: Guttenberg + Rhönklinik = Medizin & Organhandel = Medizin: Die Rhönklinik wird doch nicht etwa den Lehrstuhl von Oberender gesponsert haben?

Wir konsultieren Google:

Univ.-Prof. Dr. Dr. h. c. Peter Oberender Universität Bayreuth Ordinarius für Volkswirtschaftslehre und Gesundheitsökonomie an der Universität Bayreuth bis 2007 Initiator des ersten bundesweiten Studiengangs Diplom-Gesundheitsökonomie ... Dekan der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth (2000-2002 sowie 2004-2006)

Wikipedia zu Oberender Er ist aktuell noch Direktor der "Forschungsstelle für Sozialrecht und Gesundheitsökonomie" an der Universität Bayreuth, Direktor des "Instituts für angewandte Gesundheitsökonomie" (IaG) sowie Inhaber und Seniorpartner der Unternehmensberatung "Oberender & Partner", eines auf Gesundheitsökonomie und Krankenhausmanagement spezialisierten Beratungsunternehmens. [...] Außerdem war Peter Oberender Mitglied des Wissenschaftsrates, in dessen Arbeitsgruppe "Public Private Partnership in der Hochschulmedizin" er immer noch Vorsitzender ist.

Dekan der Jura-Fakultät, wo das Guttenbergsche summa cum fraude abgesegnet wurde. Gesundheitsökonomie hört sich so an, als würde ein Privatklinikum dafür Geld locker machen.

Guttenberg, die Rhön-Klinikum AG und Sponsoring der Uni Bayreuth Am Donnerstag wurde be­kannt, dass Guttenberg Sponsor der Uni Bayreuth war, an der er bis 1999 studiert und von 2000 bis 2006 promoviert hatte. Wie Hans-Dieter Heck, Sprecher der Rhön-Klinikum AG der WAZ-Mediengruppe bestätigte, hat das Unternehmen von 1999 bis 2006 für einen neuen Lehrstuhl für Gesundheitsökonomie an der Jura-Fakultät 747.764,36 Euro an die Uni überwiesen. Guttenberg hatte von 1996 bis 2002 einen Sitz im Aufsichtsrat der Rhön-Klinikum AG. Seine Familie besaß dort Aktien.

Bingo!

Oberenders Organhandelvorstellungen finden sich auch:

Oberender und der Organverkauf SPIEGEL 2004 Eine völlige Legalisierung des Organhandels verlangt der Bayreuther Gesundheitsökonom Peter Oberender. Damit will der Professor den Mangel an Spenderorganen bekämpfen und gleichzeitig die Situation der Spender aus ärmeren Ländern verbessern.

[...]

"Jeder Mensch soll aus freien Erwägungen entscheiden, ob die Vorteile eines Organkaufs oder -verkaufs für ihn in einem opportunen Verhältnis zu den möglichen Nachteilen stehen", sagte der Bayreuther Volkwirtschaftsprofessor im Interview mit "Focus Money".

[...]

"Natürlich wird es sich nicht vermeiden lassen, dass Organe oft aus ärmeren Ländern stammen, wo Menschen durch ihre Lebensumstände eher bereit sind, zur Lösung ihrer existenziellen Probleme ein Organ zu verkaufen, als in reichen Industrieländern", sagte der Wissenschaftler. Dies sei kein ethisches Optimum, aber "eine deutliche Verbesserung im Vergleich zum Status quo".

[...]

Der Volkswirtschaftler verlangte außerdem volle Transparenz in Bezug auf Preis und Qualität der Organe. Wer sein Organ verkaufen wolle, müsse, ähnlich wie heute ein Blutspender, bestimmte Eignungstests durchlaufen. Die Kosten dafür müssten auf den Preis für das Organ aufgeschlagen werden. Der Organhandel soll nach Oberenders Vorstellungen im Internet stattfinden und den Charakter einer Auktion erhalten. "Wenn etwa ein Organ angeboten wird, das für mehrere Empfänger in Frage kommt, muss natürlich auch der Staat oder die betreffende Krankenkasse mitbieten, um sozial schwächere Patienten an der Versorgung teilhaben zu lassen", so Oberender. Am freien Handel mit Organen wie Nieren würde sich der Gesundheitsökonom allerdings höchstens als Käufer beteiligen. "Meine Nieren sind gegenwärtig unverkäuflich. Das Risiko ist mir zu hoch."

Die Konklusionen überlasse ich den Lesern!

*Hervorhebungen von mir


Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (16)

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richard-der-hayek 06.03.2011 | 13:13

Danke für diesen Beitrag.
Das wird ihm den Rest geben.

Ich habe mir die Bild-Zeitung vor 3 Tagen gekauft, die kommt in die Sammlung.
Irgendwann, bei einer politischen Diskussion, werde ich sagen: in der CSU sitzen neidische, kleinkarierte Hinterbänkler und Durchschnittspolitiker an den Hebeln der Macht.
In die folgende Empörung bemerke ich dann: wieso, hab ich in der Bild gelesen. Und zücke das Teil mit dem großen Gutti-Titel.

thinktankgirl 06.03.2011 | 13:36

Bei Spiegelfechter habe ich gerade diesen Kommentar gefunden:

Granado schrieb am 26. Februar 2011 at 05:49

Guttenbergs Fakultät wurde auch schon bekannt durch Plädoyer für Organhandel des “Gesundheitsökonomen” Peter Oberender, inzwischen emeritiert, aber noch mit Lehrveranstaltungen; auch für INSM aktiv.
www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/579402/drucken/
04.01.2007
Börsenhandel mit Organen?
Von Susanne Nessler
Organspenden gegen Geld sollten erlaubt sein. Das ist der Standpunkt von Peter Oberender, Professor für Volkswirtschaft an der Universität Bayreuth.

www.heise.de/bin/tp/issue/r4/dl-artikel2.cgi?artikelnr=29088=print
Organspendepflicht für ALGII-Empfänger[?]
Twister (Bettina Winsemann) 10.11.2008
Die Forderung des Bayreuther Professors Peter Oberender, Organhandel zu legalisieren, hat nur oberflächlich gesehen nichts mit einer Organspendepflicht zu tun

merdeister 06.03.2011 | 14:40

Gruselig!

Wo die Reise hingehen könnte, zeigt die Geschichte der Eizellspenden.

Ich bin Raluca. Mit 16 Jahren kam ich nach Bukarest, mit 17 habe ich Nicu kennen gelernt, und mit 18 war ich schwanger. Ich habe in einer Matratzenfabrik gearbeitet und musste mein kleines Kind den ganzen Tag alleine zu Hause lassen. Ich suchte einen Ausweg, und da hat eine Bekannte gesagt, du kannst mit der Eizellspende Geld verdienen, ohne zu arbeiten, und so bin ich zu GlobalArt gekommen.

claudia 06.03.2011 | 14:51

Die "causa Guttenberg" hätte eine systemkritische Diskussion anstossen können.
Der Kauf von Universitäten wird verschämt "Drittmittel" genannt.
Nicht der Einzelfall ist der Skandal, sondern dass die Etats von Universitäten derart geschrumpft sind, dass sie ohne die „Drittmittel“ von Privatinteressenten pleite wären.
Die Schrumpfung der steuerfinanzierten Etats begann etwa zeitgleich mit Kohls „geistig-moralischer Wende“.

Die drittmittelgestützten Abschlüsse und Graduierungen von Spendern sind eher Symptom als die Krankheit selbst.

Im Grunde folgt das Prinzip „Finanzierung durch Drittmittel“ dem Modell Parteigrosspende: Wer den Grosspender in Spendierlaune halten will, muss seine Erwartungen erfüllen.

Mit der These, dass das Bekanntwerden der abgeschriebenen Dissertation eines Kriegsministers den "Wissenschaftsstandort" gefährde, wurde eine systemkritische Diskussion erfolgreich verhindert. Die Pseudokritik „Der Wissenschaftsstandort ist gerettet, wenn der Kriegsminister ausgetauscht wird“, war eine Beschäftigungstherapie, die wieder mal funktioniert hat.

Die Qualität eines „Wissenschaftsstandortes“ hängt nicht nur von der Qualifikation und Motivation des Personals an den Einrichtungen ab, an denen Forschung Lehre betrieben werden. Sondern auch von der ökonomischen Unabhängigkeit dieser Institutionen.

Das Grundproblem ist nicht der Einzelfall Guttenberg/Rhönklinik/Uni Bayreuth und die Instrumentalisierung von Organtransplantationen als neue Privatrenditequelle, sondern die öffentliche Armut und ökonomische Abhängigkeit von Privatinteressenten. Das betrifft nicht nur die Fachbereiche Medizin und Recht.

thinktankgirl 06.03.2011 | 15:01

Deine Überlegungen teile ich vollständig. Aber sie sind der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt, weil niemand darüber berichtet. Man müßte im Fahrwasser der Causa Guttenberg - Rhönklinik-Organtransplantationen, die Drittmittel wieder ins Gespräch bringen, solange die Bevölkerung noch halbwegs aufnahmebereit ist. Vor allem ist es ein gruseliges Vorzeigebeispiel, das vielleicht manchem die Augen öffnen kann.

merdeister 06.03.2011 | 15:32

Wir haben den Höhepunkt dieses Prozesses wohl noch nicht gesehen. Der Pharmabranche stehen riesige Probleme ins Haus, kaum eins der Unternehmen hat einen "Blockbuster" in der Pipeline:

Canny drug-makers are listening to those who propose that they should increasingly outsource early-stage drug development, including phase I safety trials, to academia or to small, specialist companies. This would leave pharmaceutical companies to focus on their strengths: running large clinical trials and marketing medicines.Nature

claudia 06.03.2011 | 20:45

>>...inzwischen emeritiert, aber noch mit Lehrveranstaltungen; auch für INSM aktiv.
So wächst zusammen, was zusammen gehört...

>>Man müßte im Fahrwasser der Causa Guttenberg - Rhönklinik-Organtransplantationen, die Drittmittel wieder ins Gespräch bringen, solange die Bevölkerung noch halbwegs aufnahmebereit ist.
Ich versuche es. Auch, indem ich versuche, die Irrationalität, mit der die Guttenbergplagiat-Diskussionen aufgezogen wurden, sichtbar zu machen. Es ist natürlich nicht einfach, gegen soviel Macht und Geld und Medienmüll...

GeroSteiner 06.03.2011 | 23:17

Das wird durch den Markt geregelt...

Ansonsten für einen Dr. rer. nat. kann man das aus Sicht der Uni wie folgt veranschlagen:
Promotionsdauer ca. 3 Jahre.
Laborkosten (Vollkosten, inkl. Teilzeitstelle für den Lebensunterhalt, Großgeräte für Analytik): ca. 900 €/Tag, bei 220 AT sind das überschlagsmäßig etwa 594.000 €.

Aus Sicht des Promovierenden:
Promotionsdauer ca. 3 Jahre.
Gehaltsunterschied zwischen Diplom-Naturwissenschaftler und Doktor der Naturwissenschaften in den ersten drei Jahren etwa 25.000 € pro Jahr; Das macht für die ersten Drei Jahre im Beruf etwa 75.000 € aus.

thinktankgirl 08.03.2011 | 09:54

Die Techniker Krankenkasse (TKK) steckt auch mit drin:
www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/42849/

Bayreuth (UBT)/Bad Neustadt a. d. Saale/Hamburg. Die Universität Bayreuth, die Rhön-Klinikum AG, Bad Neustadt a. d. Saale, und die Techniker Krankenkasse, Hamburg, gehen neue Wege: Erstmalig in Deutschland wird zum kommenden Wintersemester 1998/1999 an der Universität Bayreuth mit Unterstützung der beiden Unternehmen ein 8semestriger Diplom-Studiengang "Gesundheitsökonomie" eingerichtet. Das Studienkonzept zielt darauf ab, betriebswirtschaftliches und volkswirtschaftliches Know-how mit medizinischen Kenntnissen zu verknüpfen