Bauer Lange

KEHRSEITE Wir wohnten bei einem Bauern, ich war vielleicht drei Jahre alt. Wasser gab es nur aus einer grün gestrichenen Pumpe auf dem Hof. Die Mutter ging ...

Wir wohnten bei einem Bauern, ich war vielleicht drei Jahre alt. Wasser gab es nur aus einer grün gestrichenen Pumpe auf dem Hof. Die Mutter ging immer nach unten, mit zwei Eimern aus Metall, die beim Laufen quietschten. An dem Tag schien die Sonne. Das Wasser aus der Pumpe glitzerte, Mutter pumpte, ich stand im Hauseingang, hinter mir die steile braune Treppe, die zu unserem gemieteten Zimmer im Dachgeschoss führte, Vater war wie immer auf Montage. Von der Tür zur Pumpe waren es vielleicht vier Meter, vielleicht auch nur drei. Die Mutter trug einen Kittel mit Blumenmuster. Sie war sehr weit weg. Der Bauernhof lag abseits am Dorfrand.

Ich weiß nicht, wie ich die ausgetretenen Stufen der Treppe hinuntergekommen war, wahrscheinlich hatte Mutter mich getragen oder an den Händen geführt. Das Wasser glitzerte, es sah sehr fremd aus. Sie sah auch sehr fremd aus. Aber es war schön, das Wasser. Irgendwo, weit in der Ferne, vor dem Stall, stand Bauer Lange. Ich spürte, dass was passieren würde, die Mutter rief mich, weil ich sie gerufen hatte. Der Weg zur Pumpe war weit, grobes Kopfsteinpflaster, Mutter lockte, ich hatte Angst, sie musste doch auch merken, dass was passieren würde. Sobald ich mich zwischen Pumpe und Tür befände, würde was passieren. Bauer Lange lachte ein knarrendes Lachen. Und dann stieg ich doch die letzten Stufen hinab. Der Hauseingang bot Schutz, Mutter bot Schutz, Mutters Schutz war größer, sie würde mich vor dem, was da kommen sollte, retten können. Sie würde mich auf den Arm nehmen, in die Sonne blinzeln und nicht mehr fremd aussehen.

Als ich mich zwischen Hauseingang und Pumpe befand, knarrte in der Ferne eine Tür. Dann hetzten die Schweine aus dem Stall über den Hof. Ich muss geschrieen haben wie am Spieß. Bauer Langes Lachen schallte, er war einer von den thüringischen eigensinnigen Männern, die Schweine grunzten und freuten sich ihrer Freiheit, die großen Tiere. Und ich stand wieder im Hauseingang. Wie ich zurückgekommen war, weiß ich nicht. Die Schweine liefen mehrmals dicht an mir vorbei. Sie stanken und grunzten und beachteten mich nicht. Mutter pumpte immer noch, wahrscheinlich wusch sie ab, sonst hätte es nicht so lange gedauert. Ich weiß nicht, ob sie sich schämte für mein Geschrei. Bauer Lange lachte und lachte. Er war ein untersetzter Mann mit schwarzen Gummistiefeln und breiten Arbeitshänden. Die Scheune steht dem Feld zu Füßen, soll er immer gesagt haben. Er war ein alter Mann.

Später, wenn Mutter mich suchte, fand sie mich in der Scheune. Es gab dort Ratten und Mäuse. Die störten mich nicht. Ich saß im Stroh unter dem hohen Dach, in seinem gelben Schatten. Es war sehr still darunter, und ich war sehr still. Und durch den Spalt, durch den ich mich gezwängt hatte, konnte ich die Felder unter der Sonne sehen. Ich saß ihnen zu Füßen.

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