Du bist ein Fremder, vom Nachbarhaus

ORTE DER KINDHEIT Spring, spring. Schlag ein Rad und spring. Die an Wäscheleinen geklammerten Decken beulen und schlagen leicht, weiche Trennung, unruhige Schatten auf ...

Spring, spring. Schlag ein Rad und spring. Die an Wäscheleinen geklammerten Decken beulen und schlagen leicht, weiche Trennung, unruhige Schatten auf Gras. Und in einem Pappkarton glucksen Meerschweinchen. Es ist immer Südseite, am Nachmittag unter Sonne mit weitem Blick auf Felder, erst ein Weg, dann ein paar Büsche, dahinter der Bahndamm, und dann Felder. Wer will, kann die Ferne sehen, mit Wolken und Sonne und Himmel.

Spring, spring. Schlag ein Rad und spring. Eine stehenbleibende Einkaufsmutter mit Netzen an den Händen, Milchflaschen mit silbrigem Deckel, Kartoffeln, in Papier gewickeltes Fleisch, ist der Lohn. Die Brille liegt neben dem Meerschweinkarton, die Schuhe stehen am Wäschepfahl, mit Socken, spring! Hier hängen Decken mit Karomuster, hier ist ein abgetrennter Raum, ein Zelt ist das, dieser Raum, und aus den Häusern vorn und hinten schauen neugierige Augen. Nicht auf die Felder, nicht auf den wogenden Mais, nicht auf Wolken und Himmel und Ferne.

Und der Scheinwerfer leuchtet mit Macht. Nirgendwo gibt es einen solchen Scheinwerfer, er leuchtet genau in die Mitte, aus der Mitte in die Mitte. Du hast dich in die Mitte gestellt, nun bist du beleuchtet. Und wenn du nicht springst, bist du auch beleuchtet, und von den Häusern und vom Weg her wird es lachen. Kein Lohn ist das. Lohn ist Augenzusammenkneifen und Aufatmen, ist Netze vergessen und Ferne vergessen und Aufnahme hinter die Decken. Du bist ein Fremder, vom Nachbarhaus. Da wohnen die anderen. Du bist einer von denen und stehst hier in unserer Mitte. Also spring schon, wer will ewig warten, und der Graben ist nur achtzig tief, haben die mit den gelben Helmen gesagt. Das ist nicht mal ein Meter. Gelben Sand haben die mit den Helmen aufgeworfen, ganz frisch, gestern erst. Hier ist ein Zelt, und die Meerschweinchen sind die Tiger, und der Graben ist der Tigergraben, und Musik machen wir auch, Tatata Taratata.

Erst kommt das Rad, dann kommt der Sprung. Ohne Rad güldet's nich. Ohne Rad brauchst du nicht hinter die karierten Decken zu kommen, die vom leichten Wind gebeulten, der über die Felder herweht und vorher den Mais wogen lässt. Er riecht grün, der Wind, und blau, vom Meer. Das rauscht hinter den Feldern. Was ist so ein Graben gegen das Meer? In ihm sammelt sich höchstens eine Pfütze Wasser. Aber es regnet nicht, es ist Sommer, also spring endlich. Die Welt dreht sich und dann hüpft sie, daran ist nichts Besonderes. Du wirst noch einseitig braun werden, wenn du so lange stehst. Das sind die aus dem anderen Haus, und wir können dich auch in den Graben schubsen. Und deine Schuhe werfen wir hinterher und deine Socken füllen wir mit Sand, du Pfeife, oder geben sie den Tigern zu fressen. Springst du jetzt endlich?

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