Experiment

KEHRSEITE Nach vier Fernsehnächten sitzt sie den Rest der fünften in der Küche - dumpf, fast apathisch, ihre Augen fühlen sich wie knisterndes Papier an. Die ...

Nach vier Fernsehnächten sitzt sie den Rest der fünften in der Küche - dumpf, fast apathisch, ihre Augen fühlen sich wie knisterndes Papier an. Die letzten beiden Tage hatte sie Kopfschmerzen. Nach dem zweiten Abend: Suchtsymptome, obwohl alles gähnend langweilig war. Sie aß viel und hielt sich fast nur in der Wohnung auf. Das Draußen wurde uninteressant, der Alltag schemenhaft.

Einmal fuhr sie Auto. Diese Situation hinter Glas erschien ihr auf einmal Verwandtschaft zum Fernsehen zu haben. Sie sagt, es fand eine ganz ähnliche Entfernung statt, eine Unwirklichmachung.

Von den vielen Filmen, die sie sah, hat sie sich kaum etwas gemerkt. Nur einer ist in ihrem Kopf, Das siebte Kreuz. Das Buch las sie als Kind. Der Vergleich ihrer Bilder mit denen des Films war überraschend. Der Film lief irgendwann nachts um drei.

Sie weiß nicht, ob es in den Nächten ein Zusammenschieben oder Auseinanderziehen von Zeit gab. Dagegen steht die Gewissheit, dauernd betrogen worden zu sein, sagt sie. Besonders die Serien hatten viel von Plastik. Realität, bis auf Augenblicke, von denen sie vermutet, dass sie unabsichtlich passierten, war nicht vorhanden. Es kostete Kraft, sich nicht manipulieren lassen zu wollen. Die Menge von Informationen der vier Nächte war nicht verarbeitbar, Selektion fand ab der zweiten kaum noch statt, alles wurde zu einem bunten Brei, Empfindungen jeglicher Art wurden durch Geschwindigkeit überrollt.

Sie findet es vorstellbar, dass Menschen, die sich dem jahrelang aussetzen, so eine Art Farbfoto werden, was ihre Empfindungen angeht. Sie hält es für möglich, über das Fernsehen eine Panik auszulösen oder einen Krieg, das Gegenteil, einen Frieden etwa, nicht. Trotzdem bleibt das Gerät ein Gerät, sagt sie, und Menschen bedienen Knöpfe zu einem Zweck. Sie denkt, dass sich der Zweck selbständig machen könnte. Maschinen können sich nicht selbst fressen. Dass sie es tun werden, wenn sie es denn können, glaubt sie nicht. Ich muss das Experiment als gelungen ansehen, ich bin nur noch leer, sagt sie, und schaut mit ihren geröteten, flimmernden Augen über den Küchentisch zu mir, als könnte ich was dafür.

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