Lulu

KEHRSEITE Der Vorhang hatte das Publikum in die Pause geschickt. Unentschlossen, wie alle anderen auch, war ich nach unsicher dünnem Beifall aufgestanden. Es ...

Der Vorhang hatte das Publikum in die Pause geschickt. Unentschlossen, wie alle anderen auch, war ich nach unsicher dünnem Beifall aufgestanden. Es war nicht ganz klar, Ende oder nicht, jeder schaute auf jeden, irgendwer würde es schon wissen und der ginge nicht in Richtung Ausgang, sondern an den Tresen für das obligatorische Glas herben Rotwein aus dem Fränkischen. Immerhin fand ich es seltsam, dass scheinbar niemand sofort wusste, was der Vorhang zu bedeuten hatte, gerade weil kein Schauspieler sich verbeugend unseren Applaus entgegennahm. Man bemüht sich an hiesiger Bühne um Modernität, und wer weiß schon so genau, ob Verbeugen modern ist.

Aber den an den Tresen Stürmenden gab es auch an diesem Abend, und er nippte schon an seinem Wein, als wir noch durch die Türen strömten. So war dann doch schnell gewiss, dass es sich um Pause handelte, niemand ärgerte sich, alle stellten sich in die Schlange, ein gemeinschaftliches Erlebnis mit Erinnerungswert, und die beiden Studentinnen, engagiert für zehn Mark die Stunde, verkauften sogar ein paar Programmhefte. - Dann stand sie da, etwas abseits, als wäre sie gerade eben von der Bühne gestiegen. Wie in einer Blase, wie der Pluspol eines Magneten, und die Eisenspäne fühlten sich abgestoßen, wer will schon die unglückliche Hure Lulu in der Reale und so dicht. Zumal andererseits der Wedekindsche Stoff selbst die hier übliche gründliche Reduzierung auf kabarettistische Unterhaltung in Fragmenten überstanden hatte, nebst seiner harschen Kritik an den verlogenen bürgerlichen Verhältnissen. Lulu war also gleich doppelt abgegriffen, ein doppelter Pluspol sozusagen. Lulu war nicht das schwarze Schaf, sie war das schwarze Loch. Und scheinbar wusste sie auch was davon. Sie bemühte sich nicht mal um einen Blick zurück, eine Erwiderung in die netten Bürgergesichter hinein. Sie drehte den linken Fuß auf der Hacke ein wenig nach außen, klemmte rechts die blonde Mähne hinters Ohr, rauchte und ignorierte die Augenwinkelschielereien auf ihre schmalen Hüften im bunten Rock. Und als ein paar ältliche Damen sehr provozierend dicht an ihr vorüberflanierten, drehte sie sich einfach um und hielt der versammelten Bagage den Hintern hin.

Ein wenig später klingelte es zur zweiten Runde, wobei klingeln nicht der richtige Ausdruck ist. Man bemüht sich um Modernität an hiesiger Bühne, es rauschelte also, und die ersten Gäste begaben sich in den Zuschauerraum zurück. Lulu stand, kein Begleiter hatte sich ihr zugesellt, von der Toilette kommend etwa und zündete sich die zweite Zigarette an. Beim nächsten Rauscheln wurde klar, dass die anwesenden Herren die augenscheinlich in der Reale befindliche Lulu der auf der Bühne vorzogen. Sie hatte immer noch ihre kindliche Hinterfront gegen den Raum gekehrt und schaute über das Geländer auf die breiten Treppen mit dem roten Läufer hinab. Dann rauschelte es zum dritten Mal. Die Zeit war abgelaufen. Nacheinander begaben sich die Herren zögerlich und mit säuerlichen Minen in den Zuschauerraum mit seinem Gemurmel. Plötzlich hörte ich leises Lachen. Sie drehte sich um, ließ ihre Augen durch den Raum wie über ein Schlachtfeld gleiten, entdeckte mich, stutzte, kam herüber und sagte grinsend: "Natürlich, einer steht immer noch da. Aber ich muss mich beeilen, muss mich schließlich noch umziehen. Kannst meine Zigarette zu Ende rauchen." Ich schüttelte den Kopf und grinste zurück, worauf sie die Schultern zuckte und hinter einer Nebentür mitsamt ihrer lippenstiftverschmierten Zigarette verschwand.

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