Wohin mit dem Besuch

KEHRSEITE Es kommt Besuch, nicht irgendeiner, hoher Besuch sozusagen, obwohl der Besuch eigentlich klein und schmal, fast zierlich ist. Es kommt jemand ...

Es kommt Besuch, nicht irgendeiner, hoher Besuch sozusagen, obwohl der Besuch eigentlich klein und schmal, fast zierlich ist. Es kommt jemand Fremdes. Und ich laufe durch die Wohnung und seh mir die Truppenteile an, überall lockere Knöpfe, schief sitzende Mützen, staubige Stiefel. Unmöglich. Ich schaue auf die Uhr, was zuerst? Wie geht ein Besuch in eine Wohnung? Wohin fällt der Blick? Ich stelle mir den Weg vor, zuerst die Tür, natürlich, und dann der Korridor. So viele Probleme, Zettelwirtschaft neben dem Telefon, Sand aus Kinderschuhen auf dem Teppich, die Garderobe voller Kleidungsstücke, die Truppenteile sehen jämmerlich aus. Und dann? Küche oder Wohnzimmer? Wohnzimmer ist Arbeitszimmer. Das ist eine Ansammlung von Papierbergen auf dem Teppich, sämtlichen Sitzmöbeln, zwei gibt es, Tischen, Regalen, Fensterbänken. Das ist nicht zu schaffen. Also Küche. Küche, da grinst der Abwasch, unter ihm der volle Mülleimer, Zettelwirtschaft auf der Kommode, auf dem Esstisch. Zettel, überall Zettel und Bücher, Briefe, Rechnungen, Hefter, Magazine, Zeitungen.

Oh ja, es kommt Besuch. Wie geht man durch seine Wohnung, wenn jemand Fremdes kommt und wenn es ganz und gar nicht egal ist, was dieser Mensch denkt. Küche fällt auch aus. Küche geht nicht. Das ist nicht zu schaffen. Eigentlich geht gar nichts. Der Besuch kann nicht kommen. Aber der Besuch kommt, in einer halben Stunde, klein und zierlich und lächelnd wird der Besuch vor der Tür stehen und hat eine Tüte vom Bäcker dabei, zum Kaffee. Wie soll man einen Besuch, der mit einer Tüte vom Bäcker vor der Tür steht, in das nächste Café lotsen?

Mein Blick geht zum Telefon. Aber das ist auch zu spät. Der Besuch ist längst unterwegs, hat sich in sein kleines lustiges Auto gesetzt und fährt munter durch die Straßen dieser Stadt. Vielleicht bin ich einfach nicht da? Nein, das geht auch nicht, erst einladen und dann nicht da sein. Wieso sind die Truppenteile nicht in Ordnung, wenigstens ein biss chen. Wieso hab ich die Papierberge nicht wahrgenommen, den Staub, den Sand auf dem Teppich im Flur, den vollen Mülleimer, den Abwasch, die Bücher, die überall herumliegen? Besuch. Wann? Jetzt. Es klingelt. Ich schaue auf die Uhr. Das ist zu früh, das muss jemand anders sein, vielleicht der Briefträger, bringt ein Paket der Mann, eine Überraschung. Ich reiße die Tür auf. Sie steht da und sagt: "Überraschung. Bin eine halbe Stunde früher da." Und dann sagt sie: "Willst du mich nicht rein lassen?" Ja, natürlich will ich. Nein, halt, ich will nicht. Zu spät, sie ist schon drin. Und eine Tüte vom Bäcker hat sie auch dabei. Verdattert schließe ich die Tür. Sie geht durch die Küche. Ich stehe und zieh die Schultern hoch. Und dann höre ich sie lachen: "He, abwaschen könntest du ja auch wieder mal." "Ja", antworte ich aus dem Flur. "Aber man sieht es so schlecht, wenn man es immer sieht." Und außerdem: Wo kommt so plötzlich das Militärische in meiner Sprache her?

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