„Goethe in Buenos Aires“: Die letzte Flüchtlingsgeneration erzählt

Sachbuch Als Kinder flüchteten sie mit ihren Eltern aus Hitler-Deutschland nach Argentinien. Im Gesprächsband „Goethe in Buenos Aires“ fragt Henriette Kaiser die letzten Zeitzeugen
Ausgabe 04/2023
Buenos Aires, 1940
Buenos Aires, 1940

Foto: picture alliance

Liesel Bein, damals 13 Jahre alt, erinnert sich noch an die Überfahrt auf dem Frachter, der sie 1939 mit ihren Eltern und anderen Flüchtlingen nach Buenos Aires brachte. Wie war die Stimmung auf diesem Schiff, wird sie von Henriette Kaiser, Buchautorin und Filmemacherin, gefragt, als diese Liesel Bein in ihrer Wohnung interviewt. „Ausgezeichnet, wir waren alle froh, dass wir rauskamen.“

Marion Kaufmann verließ Berlin 1937. Sie zögert anfangs, ob sie für das Projekt, Nachfahren deutsch-jüdischer Flüchtlinge zu ihren Lebenserfahrungen zu interviewen, geeignet sei. Sie sei doch noch ein Kind gewesen und habe auch nichts zu erzählen. Sie habe nichts verstanden und man habe ihr auch nichts erklärt. Sie sei ja auf eine jüdische Schule gegangen, da habe man nichts gemerkt.

Als letzte Zeitzeugen der Flüchtlingsgeneration haben die damaligen Kinder manches nur indirekt mitbekommen. Alle können jedoch über das Leben der Eltern und über ihr eigenes Aufwachsen und Leben in Buenos Aires berichten.

Die meisten der Deutschen hier waren NS-Anhänger. Die jüdischen Flüchtlinge – Kaiser spricht von ungefähr 45.000 – stießen zur Minderheit der „Anderen“. Eine „Mauer“ habe zwischen den beiden Gruppen mit ihren eigenen Institutionen, Theatern und Zeitungen bestanden. Bei einigen der Kinder kam es jedoch nicht nur zu Zusammentreffen. So bei einer Nazitochter und einem Auschwitz-Überlebenden, aus denen 1956 das Ehepaar Renate und Imo Moszkowicz wurde.

Die Beschwernisse, in der neuen Heimat zurechtzukommen, waren zunächst wirtschaftlicher und sprachlicher, auch kultureller Art. Väter konnten ihre Familien nicht ernähren, Mütter und Töchter sprangen mit Tätigkeiten ein, die sie ihre beruflichen Ambitionen zurückstellen ließen. Noch in der nächsten Generation gibt es das Gefühl, weder richtig deutsch noch argentinisch zu sein, aber, so Liesel Bein: „Man ist da zu Hause, wo man sich wohlfühlt.“ Niemand von den interviewten Flüchtlingskindern (und zwei Enkeln) habe später nach Deutschland zurückkehren wollen.

Für Henriette Kaiser ist der Kristallationspunkt, den sie in den Lebensgeschichten sieht, dass sich die Interviewten der deutschen Kultur und Sprache verbunden fühlen. Eine in Köln geborene 88-jährige Jüdin hat es in Buenos Aires so ausgedrückt: „Die Heimat konnten sie uns rauben. Unsere Sprache und Kultur aber nicht.“ Etliche der Interviewten haben in Buenos Aires die Pestalozzi-Schule besucht, wo beides vermittelt wurde. Als Zeichen, dass es ein anderes als das Nazideutschland gibt, war diese Privatschule 1934 als Gegenentwurf zur bestehenden Goethe-Schule gegründet worden. Hauptinitiator und -finanzier war Ernesto Alemann, Herausgeber der von seinem Schweizer Vater 1889 gegründeten Tageszeitung Argentinisches Tageblatt, (deren letzte Ausgabe am 13. Januar dieses Jahres gedruckt wurde).

In einem der eingestreuten kurzen Zwischenkapitel erzählt die Autorin die Geschichte der bis heute bestehenden Pestalozzi-Schule. Auf den Widerspruch, dass man in deutschen Kreisen in Buenos Aires den Namen Goethe eher mit der vormals nazidominierten Goethe-Schule verbindet, geht sie nicht direkt ein; Goethe ist in ihrem Buchtitel ein Synonym für alles, was deutsche Kultur und Bezugspunkt der Interviewten im weitesten Sinne ist. Was Kaiser hingegen im Goethe-Institut Buenos Aires 2011 beobachtet hat, charakterisiert sie in der Überschrift dieses Zwischenkapitels: „Goethes Stillstand“.

Die zunächst als Filminterviews vorgesehenen Gespräche vermitteln eine unmittelbare Oral History über in Deutschland wenig Bekanntes, das auch in die Gegenwart heutiger Flüchtlingssituationen reicht.

Goethe in Buenos Aires Henriette Kaiser Faber & Faber 2022, 200 S., 22 €

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