Europa nach Auschwitz

Euro-Krise Erziehung nach Auschwitz heißt nach Adorno Erziehung zur Reflexion. Im Zuge der Euro-Krise scheint es "dem Deutschen" an solcher Reflexion nicht selten zu mangeln.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Eingebetteter Medieninhalt

Deutsche Fußballfans demonstrieren "neue deutsche Stärke" am Spielfeldrand

Foto: https://uhupardo.wordpress.com/2012/06/23/em-2012-die-jubelscheuche/

Der Sport ist doppeldeutig: auf der einen Seite kann er antibarbarisch und antisadistisch wirken durch Fairplay, Ritterlichkeit, Rücksicht auf den Schwächeren. Andererseits kann er in manchen seiner Arten und Verfahrensweisen Aggressionen, Rohheit und Sadismus fördern, vor allem in Personen, die nicht selbst der Anstrengung und Disziplin des Sports sich aussetzen, sondern bloß zusehen; in jenen, die auf dem Sportfeld zu brüllen pflegen.“

Dieses Adornsche Zitat aus dem Vortrag „Erziehung nach Auschwitz“ in Verbindung mit einem Ausschnitt einer TV-Übertragung eines nicht allzu weit zurückliegenden internationalen Sportevents vermag es auf den Punkt zu bringen, wie es eben um diese Erziehung bestellt ist, wie sehr unfähig sie scheint, ein schuldbeladenes Volk zu Reflexion und Einsicht auszubilden.
Die Erziehung nach Auschwitz scheint nämlich just in dem Moment versagt zu haben, in dem sich erneut Angehörige jenes Volkes durch Arroganz und Gönnermanier auffallend einem vermeintlich schwächeren „Gegner“ gegenüberstellen; ihn in seiner Schwäche vorführen und ihm damit seine Unzulänglichkeit und Abhängigkeit demonstrieren, die es ihm unmöglich machen, sich vollwertig in jene Strukturen einzufügen, die ihm als absolut auferlegt werden. Das Bild der in Schwarz-Rot-Gold ge- und verwickelten Fußballfans, die den griechischen Fans verachtend einen 500-Euro-Schein als Symbol für die „neue deutsche Stärke“ präsentieren (so auf der Tribüne am Rande des Deutschland-Griechenland Spiels vom 22. Juni 2012 geschehen) zeigt uns die erste Gangart auf einem Weg, der uns geradewegs dahin zurückführen kann, wo Anitzivilisation und Barbarei ihre Fühler ausstrecken, wo das verdinglichte Bewusstsein herrscht, das gegen alles Geworden-Sein, gegen alle Einsicht in die eigene Bedingtheit sich abblendet, und das was [man selbst] ist, absolut setzt.

Alles nur ein Scherz

Nun könnte Bezüglich dieses Fanverhaltens von einem Scherz, einer Satire oder dergleichen gesprochen werden – und das wird es sicher auch in einer Vielzahl der Fälle, in denen diese Form der sportlichen Anhängerschaft überhaupt besprochen wird. Und obige Interpretation scheint dabei als übertrieben, der Realität weit davon schwindend – spielverderberisch. Solch ein Spaß hätte doch ganz und gar nichts mit Auschwitz zu tun, denn der „gemeine deutsche Fußballfan“ wisse schließlich auch, dass so etwas nicht noch einmal geschehen dürfe. Man sei sich schließlich der eigenen moralischen Verantwortung gewiss. Doch genau hier entlarvt sich die „deutsche Seele“ selbst als heteronomes Gebilde; als vielmehr den selbst auferlegten moralischen Geboten verpflichtet und nicht etwa der eigenen Vernunft. Vernunft würde nämlich an dieser Stelle Empathie bedeuten – Bewusstsein über die Situation des Europa und die Befindlichkeiten all seiner Bürger von heute. Von solch einem Bewusstsein kann im Falle des Ereignisses auf der Tribüne bei seinen Akteuren schließlich keine Rede sein; vielmehr kann das Schauspiel als perfekt inszeniertes Sinnbild für die Erklärung der kontemporären europäischen Gesellschaftsspaltung nach Adornschem Prinzip – das letztlich eine antizivilisatorische Gesellschaftsentwicklung zur Gefahr sieht – gesehen werden.

Die europäische Spaltung

Auf der einen Seite diejenigen, die hart gegen sich sind und es auch schon immer waren: die sparsamen Deutschen, die sich mit der an sich vollzogenen Härte das Recht erkaufen, auch hart gegen die anderen zu sein; die sich allzu lang ganz und gar allein dem zivilisatorischem Druck (des europäischen Stabilitätspakts) beugten und deren Spott oder gar Wut sich nun gegen diejenigen richten, welche man als gesellschaftlich schwach und zugleich als unverdient glücklich empfindet.
Und auf der anderen Seite eine Gemeinschaft von Menschen und Gesellschaften, die sich gezwungen sehen, sich dieser Härte zu beugen, die aber zu großen Teilen gleichsam aufbegehren gegen den Druck des Allgemeinen auf alles Besondere, die einzelnen Menschen und die einzelnen Institutionen – gegen die Tendenz, das Besondere und Einzelne samt seiner Widerstandskraft zu zertrümmern.

Imaginierte deutsche Härte

Nun darf der beschriebene Ausbruch von Spott den vermeintlich anpassungsunfähigen Griechen gegenüber nicht als Einzelfall angesehen werden. Vielmehr lassen sich dessen zu Grunde liegende Argumentationsstrukturen und die dahinter liegenden Ängste und Ungerechtigkeitsempfindungen in einer Vielzahl von öffentlich geäußerten Darlegungen der gesellschaftspolitischen Verhältnisse in Europa wiederfinden. Als Gipfel des Ausbruchs von neuem deutschen Großmachtdenken und deutscher Überheblichkeit können wohl die allgemeinhin bekannten Schlagzeilen der BILD gelten. Durch sie wird deutscher Leidensdruck schließlich künstlich erzeugt – der Leidensdruck, der dem deutschen Leser dessen Härte und Durchhaltevermögen im allgemein propagierten Sparkurs vorgaukelt, wodurch sich dieser unumwunden im Recht fühlt, die gleiche letztlich nur imaginierte Härte (denn niemand musste bisher auch nur einen Cent für die Eurostabilität aus eigener Tasche zahlen) auch von „den anderen“ verlangen zu dürfen: wir müssen ja schließlich alles bezahlen.
Dabei steht diese imaginierte Härte in keinem Verhältnis zur von der deutschen Europapolitik geforderten Härte der Menschen der sogenannten Problemstaaten.

Gegenkräfte

Indes bauen sich in letzteren Gegenkräfte auf, die sich dem Eingesperrtsein in einer (fremd)verwalteten Welt wiedersetzen. Dabei richten sich diese Kräfte vor allem gegen diejenigen, die für Organisationswut, eine gewisse Art von Emotionslosigkeit und einen überwertigen Realismus stehen. Stereotype wie der kühle, emotionslose und verwaltungsfreudige Deutsche bieten dabei genug Material für Proteste und zeigen gleichsam die Verbindung zum deutschen Sündenfall auf: am Ende steht das Plakat mit der im Nazioutfit kostümierten eisernen Frau Doktor Merkel.
Längst bilden sich unter dem von deutscher Seite geforderten doing things-Druck ganze intereuropäische Leidensgemeinschaften der Süd- und Osteuropäischen Länder heraus. Treffen sich beispielsweise Portugiesen, Italiener und Spanier irgendwo auf dieser Welt, so sehen sich diese nicht selten in einem Boot, in Opposition zur deutschen Kapitänin – und eine Meuterei scheint bei deren Politikdiskussionen keine weit hergeholte Perspektive.

Leiden und mehr-Leiden

Nun stehen sich am Ende zwei „Gruppen“ gegenüber, die eines gemeinsam haben: das Leiden unter Druck und Härte – seien sie imaginiert oder tatsächlich. Nun kann es aus ganz rational nachvollziehbaren Gründen nicht Lösung sein, das Leiden der einen Gruppe durch mehr-Leiden der anderen Gruppe erträglicher zu machen. Nach Adorno könnte die Anerkennung der letztlich auf beiden Seiten herrschenden Klaustrophobie in der Verwalteten Welt und entsprechend darauf zugeschnittene Politik verhindern, das in Europa erneut der Weg der Antizivilisation – der durch genannte Phänomene bereits am europäischen Horizont zwar weit entfernt, aber dennoch sich erkennbar abzeichnet – eingeschlagen wird.

Je dichter das Netz, desto mehr will man heraus, während gerade seine Dichte verwehrt, dass man heraus kann. Das verstärkt die Wut gegen die Zivilisation. Gewalttätig und irrational wird gegen sie aufbegehrt.“

* alle schräggedruckten Begriffe beziehen sich auf den Vortrag von Theodor W. Adorno "Erziehung nach Auschwitz"

19:59 20.07.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Thomas Erling

Spezialgebiete: Ethnologie, Tourismus-Ethnologie, Lateinamerika, Medienwissenschaften, Grafik-Design, Organisationsmanagement
Schreiber 0 Leser 0
Thomas Erling

Kommentare 1

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community