Der Dandy von New York- über Quentin Crisp

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Der nette ältere Herr fällt zwischen den Häuserschluchten New Yorks gar nicht auf. Freundlich gibt er einem jungen Mann ein Autogramm, um dann höflich grüßend zum Bäcker zu gehen. Eine Szene, die sich nicht nur in New York tausendfach abspielt und abspielte. Doch dieser ältere Herr ist ein bißchen "anders": er wirkt wie ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert, als wäre Oscar Wilde wiedererstanden. Und erst die Manieren- der Freiherr von Knigge hätte wohl seine Freude an ihm gehabt. Docht das alles täuscht nicht über den Leidensweg eines Mannes hinweg, der zu den ungewöhnlichsten Gestalten des 20. Jahrhunderts gehörte: Quentin Crisp.

Geboren wurde er 1908 in der Grafschaft Surrey in England. Seine Familie spielte Großbürgertum, war es aber nicht. Denis Charles Pratt wuchs in einer Familie auf, in der der Vater mit dem Sohn kein Wort sprach, der Bruder und die Schwester ihn mieden und die Mutter die einzige war, mit der Kommunikation möglich schien. Dieser effemierte Junge, der sich als Werbetexter und Schaufensterdekorateur versuchte und überall herausflog, der wegen seiner "Neigung" verfolgt wurde, ja dem man nach dem Leben trachtete, wurde eines Tages ein sehr berühmter Mann. Doch mehr dazu später.

"Ich bin kein Aussteiger- ich habe nie dazu gehört", ist einer dieser typischen Aphorismen des Mannes, das ihn wohlmöglich am besten charakterisiert. Da ihm jegliche legale Arbeit verwehrt blieb, arbeitete er teilweise als Prostituierter, was ihn bei den anderen Homosexuellen keinen guten Stand haben lies und fand- notgedrungen- einen Job, der der Titel seines ersten Buches werden sollte: "The naked civil servant", frei übersetzt "Der nackte Staatsdiener". Er arbeitete nämlich als Aktmodell, doch die Stellen waren rar, so das es gerade so zum Überleben reichte.

Mitte der 60er Jahre schrieb er dann das o.g. Buch, was ihn schlagartig berühmt machte. Die beiden vorherigen Bücher, die er bereits in den 30er Jahren geschrieben hatte, hatten in der Öffentlichkeit keinerlei Beachtung gefunden. Nun aber interessierte sich die ganze Welt für ihn. Erst recht, als 1969 die Stonewall-Aufstände waren, rückte das Werk dieses Homosexuellen Autors in den Focus einer breiten Öffentlichkeit, die allenfalls ein paar Verse von Shakespeare oder die Eskapaden eines Oscar Wilde noch im Gedächtnis hatte, die dieses Thema jedoch stark verdrängt hatte. Nicht das Crisp der einzige Brite in seiner Zeit mit dieser Neigung war, doch Leute wie Lytton Strachey, Sir Noel Coward, Edmund Morgan Forster oder W.H. Auden waren alle samt Akademiker und konnten sich dahinter verstecken. Und sie waren berühmte Dichter, was ihnen einen gewissen Schutz bot. Doch Crisp hatte diesen Schutz viele Jahrzehnte nicht gehabt. Er war den Launen der britischen Öffentlichkeit ausgesetzt, die ihn zum Spielball ihrer Verachtung machten.

Das Buch erlebte einen ungeahnten Erfolg: es wurde für das Fernsehen verfilmt (in der Hauptrolle mit John Hurt) und brachte das Thema damit einer breiten Öffentlichkeit zu Gemüte. Dann ging es Schlag auf Schlag: eine Entertainmentshow folgte (An evening with Quentin Crisp) und in den 70er Jahren der Umzug nach New York, dorthin, wo man keine Fragen stellt, wo man lediglich nur einer von vielen ist. Es folgten weitere Projekte, u.a. mehrere Bücher und Filme, darunter einer mit der wunderbaren Tilda Swinton und eben Crisp als Königin Elisabeth I, die jungfräuliche Königin (die Rolle schien ihm wie auf den Leib geschrieben). Doch der absolute Höhepunkt seiner Bekanntheit bzw. Karriere war ein anderer: ein gewisser Landsmann von ihm, genannt Sting, veröffentlichte 1987 einen Song mit dem Titel
"I am an englishman in New York" mit der berühmten Zeile- "I am a alien, I am a legal alien, I am an englishman in New York". In diesem Video war er auch zu sehen. Dadurch wurde er weltberühmt. Nun wurde er eine der Ikonen der Homosexuellen-Bewegung und erlebte zahlreiche Fernsehauftritte und Dokumentationen und wurde zu einer Kultfigur.

In den 90er Jahren wurde es stiller um ihn, logisch, er war ja auch nicht mehr der jüngste. Ausgerechnet 1999, in seinem 90. Lebensjahr, sollte es nochmal eine Tournee mit seinem Programm "An eveninng with Quentin Crisp" geben. Am Vorabend der Premiere starb er im Hause eines Freundes im sagenhaften Alter (was man anfangs bei seiner Lebensgeschichte nicht für möglich gehalten hatte) von 90 Jahren.

Heute, 11 Jahre nach dem Tode von Crisp, ist er zu einer Legende geworden. Er wird oftmals als der "Oscar Wilde des 20. Jahrhunderts" oder "Der letzte Exzentriker" bezeichnet. Dass er einer der bedeutendsten Exzentriker Britanniens im letzten Jahrhundert war, steht außer Frage. Interessant wird die Frage sein, wann das Crisp-Archiv in New York weitere Schriften, die der Veröffentlichung harren, freigibt. Das sind Theatersücke, Gedichte und sonstige Texte, die das Licht der Öffentlichkeit erblicken wollen. Es bleibt nur zu hoffen, dass es eines Tages wieder einen Quentin Crisp geben wird. Egal wo, ob in England, den USA oder in Deutschland.

Ende.

18:57 20.11.2010
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