Die Außenseiter vom Tejo

Exzentrik und ESC Zwischen arkadischer Lyrik und zartem Gesange: Fernando Pessoa und Salvador Sobral oder: "Der moderne Pessoa".
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Die Außenseiter vom Tejo
Salvador Sobral ist mit seinem zu großem Sakko, seinem kranken Herzen und seiner glockenhellen Stimme vor allem eines nicht: Angepasst
Foto: Brendan Hoffman/AFP/Getty Images

Miguel Esteves Cardoso schrieb einmal eine Erzählung, in der der bekannte Dichter Fernando Pessoa, Portugals großer Entdecker Vasco da Gama und der berühmte Marquês de Pombal, Premier während des Erdbebens von Lissabon, auftraten. Sie kamen ins moderne Lissabon, wo sie so gar nicht zurechtkamen. Was wäre, wenn man die Geschichte von Cardoso ein wenig anders spinnen würde? Was wäre, wenn die zwei Außenseiter Fernando Pessoa und Salvador Sobral, der jüngst den ESC gewann, in eine Geschichte packen würde und die Geschichte von einem Land erzählen täte, in dem man als Außenseiter offenbar mehr Gehör bekommt, als dies in anderen Ländern der Welt zu sein schien und scheint?

Da ist Fernando Pessoa, der legendäre Schriftsteller, dessen Habitus von vielen Wänden Lissabons tröpfelt, wie abfallender Regen und der zu einer Kultfigur wurde, nicht nur für literarisch interessierte, sondern für alle Außenseiter allgemein. Der in möblierten Wohnungen ein nach außen ereignisarmes Leben führte, umso mehr in seinem Inneren die Universen der Seele öffnete. Ein unscheinbarer Mann, der im Nebel der Massen Lissabons verschwunden wäre. Heute ist er ein Vorbild, weil er seinen Weg ging. Sein Markenzeichen: Der Hut. Seine Lyrik? Bei Alberto Caeiro arkadisch, bei Ricardo Reis klassisch, bei Alvaro de Campos soziologisch und bei Bernardo Soares melancholisch. Was hätte Pessoa zum Siege Salvadors gesagt? Wohlmöglich hätte er mit einer Zigarette bei Abels gesessen, einen gezischt und die weisen Worte "Es gewannen die Sprache, die Poesie und das Herz" gesagt – so bliebe zumindest zu vermuten. Könnte man aber den Bogen weiter spannen und sagen: Salvador Sobral ist so etwas wie der moderne Fernando Pessoa, mit Abstrichen natürlich?

Es gibt einige Gemeinsamkeiten: Beide kommen aus dem Großbürgertum (Salvador sogar aus dem Adel, wenn man es genau nimmt), beide haben einen eigenen Stil in Mode und Kleidung, beide haben – was für Portugal sehr selten ist – Weltgeltung erreicht und das nicht in Fußball, Politik oder Welteroberung, sondern in der Sparte der Kunst. Beide unterschätzt man gerne und sie wirken unnahbar, geheimnisvoll, schüchtern und introvertiert. Und beide haben ein Geheimnis im Namen, dass auf ihr Schicksal hinweißt: Pessoa heißt sowohl Person als auch Maske und damit Niemand. Dahinter versteckt sich ein Mensch und das tat Pessoa hinter den Masken der Heteronyme. Und Salvador heißt "der Retter", tatsächlich ist er für die in Deutschland außer Fado völlig unbekannte portugiesische Musik der Retter, der endlich den Sieg bringt.

Fast wäre man an eine Legende erinnert, von Dom Sebastian, dem legendären, blonden, jungen, aber androgyn-impotenten jungen König, der als "O Desenho" der Ersehnte erwartet wird, um Portugal zu retten in schwerster Not. Ist Salvador der erwartete Retter, zumindest für die Musik? Sobral schreibt Texte und Musik selbst, was ihn zu einem Künstler macht, der nicht nur singt, was die Industrie ihm Häppchenweise vorschmeißt. Die Songs und Alben von Salvador könnten bald so oft in Deutschland gehört werden, wie die Bücher von Pessoa in vielen Regalen auch nicht-bildungsbürgerlicher Deutscher steht.

Wer nicht auf sein Äußeres achtet, ist gefährlich

Wer nicht so auf sein äußeres achtet, ist gefährlich. Oder gefährlich gut. Salvador ist es. Er singt, als habe er die Lusiaden mit der Brust aufgezogen, die Werke von Pessoa oder Cesario Verde in drei Minuten auswendig gelernt. Seine Worte sind reine Poesie, sie sind der Wunsch des jungen Mannes, dem Gefühl mehr Anerkennung im kalten Europa zu geben. Was zur Frage führt: Jungs, Fernando und Salvador, wie haltet ihr es mit den Frauen? Von Pessoa war bekannt, dass es nur eine Liebschaft gab. Und nichts intimes überliefert wurde. João Gaspar Simões sprach von einem "verkappten Homosexuellen", der nichts gelebt hat außer der Literatur und sich darin- auch in diesem Punkt- ausgelebt hat. Und Salvador? Die Sanftheit des Adligen, die hohe Stimme, ein Interview, dass ihn als Liebhaber des männlichen als auch des weiblichen Geschlechts bestimmte, hinterlässt trotzdem ein großes Fragezeichen. Und das ist auch gut so: Soll es bei beiden Geheimnis bleiben, was wir nicht wissen müssen und sollen. Portugiesen sind eben diskret.

In ein paar Tagen kennt mich keiner mehr

Pessoa blieb zu Lebzeiten relativ unbekannt, um nach dem Tod zu Weltruhm zu kommen. Salvador hat das schon zu Lebzeiten geschafft und doch bleibt seine Aussage: "in ein paar Tagen kennt mich keiner mehr" so ein typischer Satz für einen Portugiesen. Für einen kurzen Augenblick guckt die ganze Welt auf dich und dann verlischst du wie ein Komet in der Erdumlaufbahn, so ging es vielen Weltstars vom Tejo: Carmen Miranda wurde als Brasilianerin (dabei war sie zeitlebens Portugiesin!) in Hollywood verbrannt, Vasco da Gama schaffte es nicht, die Krone der Entdecker Kolumbus zu entreißen, der Dichter Camões blieb immer zu unaussprechlich, um wirklich in Shakespearesche Sphären zu kommen, Cristiano Ronaldo scheint eh von einem anderen Stern zu sein, Pessoa war eben zu lebzeiten nicht bekannt und erhielt daher keinen Nobelpreis. Die Liste liese sich unendlich fortsetzen. Salvador wird dieses Schicksal nicht erspart bleiben, der Ruhm beim ESC währt kurz. Und auch wenn er sicher portugiesische Geschichte geschrieben hat, wird man vergebens auf eine Deutschlandtournee mit Andreas Gabalier, Helene Fischer und Peter Maffay im Schlepptau warten. Und auch "Drei nach Neun" oder "Riverboat" werden den jungen Mann nicht einladen, Mainstream schlägt Alternatives. So ist das Leben.

Der moderne Pessoa

"Der moderne Pessoa" aber könnte etwas für viele Menschen- auch in Deutschland- erreicht haben: AN SICH SELBST ZU GLAUBEN ohne den Meriten des Neoliberalismus zu gehorchen! Sein "Du kannst es schaffen, wenn Du willst" oder "Werde reich, wenn Du das und jenes tust" straft Salvador mit seinem zu großem Sakko, seinem kranken Herzen, seinen zotteligen Haaren und der glockenhellen Stimme sowie den eigenwilligen Bewegung während seiner Performance, denn er ist alles, nur eines nicht: Angepasst. Und das kann eben offenbar keiner so gut wie der Portugiese selbst. Ja, ja, ich weiß, die Briten. Strotzen sie doch angeblich von Außenseitern und Exzentrikern, die das Fernsehen, die Journaille und die Bücher bis zum Erbrechen füllen. Doch Vorsicht: Briten werden schnell weltbekannt, landen dann auch noch in Hollywood oder kriegen den Emmy und schwups ist es aus mit der Exzentrik. Da haben es die Exzentriker vom Tejo wesentlich schwerer, denn Salvador dürfte weder ein Exklusiv-Vertrag in Hollywood winken, noch eine Gesangskarriere, die ihn die großen Hallen der Welt bringt. Allenfalls vor ein paar Auslandsportugiesen und deutschen Exzentrikern dürfte er hierzulande singen.

Doch zurück zur Frage: Wie kann er auch hier zum Vorbild werden? Man nehme den bebrillten, zwanzigjährigen aus Goslar, der zarte Lyrik schreibt, nachts in seinem Schlafzimmer eigene Songs auf der Gitarre übt und im Seminar an der Uni die Literatur Uruguays studiert. Verlacht von der Gesellschaft, alleine, mit seinem Zöpfchen auf dem Schopfe, könnte er in dem Genossen vom Tejo einen Bruder im Geiste erblicken und sagen: Da gibt es jemanden, der ist auch sensibel, der ist auch introvertiert und er geht seinen Weg – durch die Industrie, durch die Gesellschaft. Und niemand lacht über ihn! Wenn man dann noch im Kopf hat, dass er alleine 16 Mitkombattenten beim Festival da Canção, die alle ausschließlich Englisch sangen geschlagen hat, sowie 25 Mitkombattenten in Europa, die überwiegende Mehrheit in Englischer Sprache singend, dann weiß man, dass es der erste und einzige Sieg der einstigen Weltmacht Portugal über die Supermacht England war und dann weiß man auch, dass der junge Mann aus Goslar glücklich schlafen kann: Er ist nicht alleine, er muss nicht mehr denken, er sei nicht normal, sondern er weiß: Am magischen anderen Ende Europas, da lebt noch einer wie er und er hat es auch geschafft. "Sei vielgestaltig wie das Weltall" lies uns Pessoa wissen. Ja, seit Samstag sind wir alle es irgendwie schon.

Ende.

21:10 15.05.2017
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