Die Krise in Portugal- historische Grundlagen

Schuldenkrise In dem Beitrag wird auf die Frage nach der geschichtlichen Entwicklung Portugals aus ökonomischer Sicht und die Verbindung mit der heutigen Finanzkrise eingegangen.
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Historie und Zusammenhang

Keine Krise fällt vom Himmel, auch nicht die Portugiesische. Sicher, die Banken und die Finanzkrise haben diesem kleinen Land am Rande Europas den Rest gegeben, haben ihm genommen, was es noch hatte: seine Souveränität. Heute dürfen portugiesische Fischer in der Regel keinen eigenen Fisch im In- und Ausland verkaufen, sie müssen Fisch aus dem Ausland nehmen. Der Walfang auf den Azoren ist seit 1989 verboten, während es für das reiche Norwegen munter weitergehen darf. Portugiesische Banken wie die altehrwürdige Banco Totta e Acores wurden durch die Konkurrenz in Spanien aufgekauft. Die Regierung von Cavaco Silva steckte in den 1980er Jahren die EU-Fördermittel nicht in Bildung oder Soziales, sondern lies Autobahnen erbauen, die vom Tras- os - Montes, der nördlichsten Region Portugals bis in den Süden der Algarve reichen. Mehrfach stand Portugal am Rande des Staatsbankrotts, 1894 musste man diesen auch offiziell erstmals erklären. Auch historisch bedingt gesehen ist die Krise Portugals teilweise hausgemacht: Durch die Vertreibung der Juden unter der Herrsschaft König Manuels wurde dem Land erstmals eine bedeutende, auch ökonomische Schicht, geraubt. Das Zeitalter der Entdeckungen gab dann dem Land den Rest: Tausende starben auf der See und bei Schlachten und Scharmützeln an Land, darunter oftmals auch viele, die zur ökonomischen Führung des Landes durchaus in der Lage gewesen wären. Auch der Versuch des aufgeklärten Marques de Pombal im 18. Jahrhundert, Portugal unter Andrem auch ökonomisch auf europäischen Standard zu bringen, wurden nach dem Tode seines "Gönners" König Joseph I. durch desssen Nachfolgerin, Dona Maria da Gloria I. , zunichten gemacht. Und das Geld, dass man durch den widerlichen Sklavenhandel, den Gewürzhandel und den Zuckerrohranbau gewann, wurde lieber in opulente Bauwerke, vergoldete Altäre (die Frau König Joaos V., eine Österreicherin, wollte ernsthaft, dass im ganzen Land alle Altäre aus purem, echten Gold bestünden, ihr Mann hat ihr die Idee Gott sei Dank ausgeredet) und rauschende Feste als in die Ordnung ökonomischer, sozialer und sogar kultureller Fragen gesteckt. Wie der Marques geendet hat, der am Ende seines Lebens unter Hausarrest leben musste, damit Senhora Königin weiter ihrem Luxus frönen konnte, wissen wir wohl alle. Die wackelige erste Republik, die von 1910 bis 1926 bestand, erlebte mehrere Militärputsche, 44 Premierminister und 8!Staatspräsidenten und vor allem Hungeraufstände im Norden, die teilweise brutal und gewaltsam niedergeschossen wurden. Dass ausgerechnet der schlimme faschistische Dikator Antonio Salazar es war, der die Währung, den Escudo, zu einer der stabilsten Währungen der damaligen Zeit machte, bleibt ein trauriges Kapitel portugiesischer Wirtschaftsgeschichte.

Die Entwicklung heute

Und heute? Die Arbeitslosigkeit ist immens, Renten werden zum Teil ganz gekürzt, so das mancher Alte, wenn er oder sie noch Kinder haben, auf diese oder im Falle von Kinderlosigkeit auf die Armenküchen der Kirche zurückgreifen müssen. Die Auswandererwellen, vor allem ins Traum- und Boomland Brasilien, haben wieder zugenommen und rauben dem Land viele kluge Köpfe, Lehrer, Architekten, Ingenieure, alles, was mal besser bezahlt war oder noch ist, verlässt das Land. Während die einstige Kolonialmacht am Boden liegt, blühen die ehemaligen Kolonien Brasilien und selbst Angola auf und gelten als Staaten, denen in den nächsten 40 Jahren eine goldene Zukunft vorausgesagt wird.

In Portugal war Armut immer regional unterschiedlich gewichtet: während die Region Estremadura (mit der Hauptstadt Lissabon) und die Region Porto als relativ wohlhabend für portugiesische Verhältnisse galten, waren es im Süden die Regionen des Alentejo mit seinen weiten, menschenleeren Feldern und die nördlichen Provinzen des Minho und Tras- os- Montes (bezeichnend der Name: Hinter den Bergen!), die als die Armenhäuser Portugals galten. Apropos Armenhaus: der Spiegel nannte 1974, kurz nach der Nelkenrevolution, Portugal das "Armenhaus Europas", ein Satz, der bis heute wie ein Stachel an Portugal nagt, wenn in deutschen Medien vom Land gesprochen wird. Und nicht zu vergessen: das System der Großgrundbesitzer, dass zehntausende von Landarbeitern ausbeutete und erst nach der Nelkenrevolution halbwegs abgeschafft wurde (die Großgrundbesitzer sind heute wieder im Kommen, der demokratische Staat war nicht wachsam genug).

War wirklich nur alles schlecht?

In den 1990 er Jahren begann das Land, sich langsam auf Europa zuzubewegen: kulturelle Ereignisse wie Lissabon als Kulturhauptstadt Europas 1994, der Literaturnobelpreis an Saramago 1998, die Weltausstellung Expo 1998 oder die Rückgabe von Macao an China rückten Portugal verstärkt in den Blickpunkt der europäischen und globalen Medien. In dieser Zeit begann ein zarter, wirtschaftlicher Aufstieg des Landes, der durch die geringen Löhne dazu führte, dass viele ausländische Firmen im Land investierten und damit auch eine Kaufkraft schufen. Erstmals in der Geschichte Portugals entstand so etwas wie ein "fester Mittelstand", der über Jahre hinweg bestehen blieb und sich nicht dauerhaft veränderte. Viele Löhne wurden auch im Zuge der Europäisierung angepasst und man erhielt sogar erstmals Arbeitslosenhilfe, was vorher kaum denkbar gewesen war. Auch portugiesische Konzerne entstanden, die durch die enge Verknüpfung mit Afrika und Brasilien im Lande weitere Arbeitsplätze unabhängig der ausländischen Investoren schaffen konnten. Die Zeitungen in Europa überboten sich mit Meldungen, dass die Wirtschaft Portugals boome und das Land endlich auf dem Weg sei, sich europäischem Standard anzugleichen. Die wunderbare Fußballeuropameisterschaft 2004 im Lande, die selbst von vielen deutschen Fans gelobt wurde, brachte letztmalig einen kleinen, ökonomischen Erfolg, durch die vielen Übernachtungen und die Einkäufe und Restaurantbesuche der Fans und Gäste. Politisch waren die Jahre zwischen 2000 und bis heute recht stürmisch: Premier Guterres hatte viel Geld in den neuen Airport von Madeira gesteckt, als sich um die sozialen Fragen zu kümmern.Pedro Santana Lopes regierte eh nur 6 Monate und der als "Berlusconi vom Tejo" betitelte Lebemann hatte mit seinen Affären und seinen Diskobesuchen genug zu tun, als sich um das Land zu kümmern. Dann kam er, der wahrscheinlich auch im Ausland berühmteste, lebende Portugiese: Jose Manuel Durao Barrosso. Als Außenminister durchaus verdient, als Premier eine Pflaume, hatte er während seiner Amtszeit viele soziale Errungenschaften der 1990er Jahre gekürzt oder gar abgeschafft. Sein Nachfolger, der Schönling Jose Socrates, einst ein brilianter Umweltminister, dessen Diskussionen mit Marcelo Rebelo de Sousa ich bei RTP stets gerne verfolgte, versuchte tatsächlich, dem Land eine neue, wirtschaftliche, innovative und soziale Komponente zu geben. Doch auch er scheiterte, übrigens wie sein spanischer Pedant, an den großen, von den Vorgängerregierungen nicht erledigten Aufgaben. Über den jetzigen Premier Passos Coelho kann man nur sagen, dass er der "Insolvenz-Verwalter" eines Landes ist, dass wirtschaftlich vor der Auflösung steht und das seine- zumindest ökonomische - Unabhängigkeit verloren hat. Sein harter, unmenschlicher Sparkurs ist wohlmöglich nur eine Verzweiflungstat eines Mannes, dem Innovation, Wille und Konzept fehlt, um wirklich etwas verändern zu können. Wenn Frau Kanzlerin Merkel am Ende des Monats das Krisenland Portugal besuchen wird, wird es spannend sein, ob sie dieselben Plattitüden wie in Griechenland benutzt (Portugal ist ein Nachbar, ein Freund, ein Nato-Partner, als Entdeckernation von welthistorischer Bedeutung, bla bla bla) oder ob sie wenigstens hier im Lande ihres Parteifreundes Passos Coelho den Mut finden wird, auch die Verantwortung Europas und Deutschlands an der Finanzkrise und der Misere Portugals zu erwähnen? Wir werden sehen und sind gespannt!

Medien und Importe- auch die Performance wirkt am Wirtschaftsprozess mit

Dieses Essay kann und soll auch nicht erschöpfend sein. Ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler, sondern jemand, der dem Land durch die familiäre Bande stark verbunden ist. Auch die Berichterstattung über Portugal insgesamt lässt zu wünschen übrig: dass Land findet in Deutschland eigentlich kaum statt, wenn, berichtet man entweder nur über Armut und Elend oder aber man schreibt die einstmals guten Zahlen hoch und höher und vermittelt den Eindruck, dass dort ja alles vielleicht gar nicht so schlimm war (in der Vergangenheit). Klischees wie der Ochsenkarren, der am Rande der Autobahn fährt oder alte Frauen im Alentejo, mit eingefurchten Gesichtern, die es heute immer seltener gibt, sollen wohl den Eindruck vermitteln, dass Land wäre wirklich das Armenhaus Europas. Aber Portugal ist nicht Albanien, ist nicht Moldawien und auch nicht Afrika. Dort leidet (noch) die Bevölkerung keinen Hunger, die Geschäfte sind voll mit Lebensmitteln und jedes sinnige und unsinnige Produkt ist heute dort genauso zu bekommen, wie in anderen Ländern Europas auch. Aber Portugal muss mehr importieren, als es exportieren kann, auch weil das Ausland kaum seine Produkte kauft, was keine qualitativen Gründe, sondern eher machtpolitische hat. Und im Bereich der Kultur- vor allem der Massenkultur- dass muss in einem Essay über Wirtschaft auch mal gesagt werden- findet das Land nicht statt. Kulturprodukte, also Gemälde, Bücher, CD`s und DVD`S von Künstlern aus einem Land bringen ja auch Geld und Arbeitsplätze, aber ein Land, dessen Kultur in Deutschland nahezu unbekannt gehalten wird (jawohl, absichtlich, weil es sich dem kapitalistischen Verwertungsprozess verweigert, mit einigen Ausnahmen wie von den Medien aufgebauter Schriftsteller wie Fernando Pessoa, Jose Saramago, Antonio Lobo Antunes oder jüngst Goncalo M. Tavares), kann natürlich auch auf diesem Gebiet keine Umsätze machen. Erst wenn sich Deutschland wirtschaftlich für portugiesische Produkte und kulturell gegenüber Portugal öffnet, dann werden auch die anderen großen Nationen nachziehen und Portugal hat eine echte Chance, auch ohne Sparmaßnahmen wieder liquide zu werden und sich selbst zu finanzieren!

Ende.

16:10 17.10.2012
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