Portugals Wiedergeburt?

Portugal Über Mario Centeno, ESC und Antonio Guterres: Portugal war, ist und bleibt anders. Anders als alle anderen Länder Europas , anders als alle anderen Länder der Welt
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Mario Centeno ist zum neuen Euro-Gruppenchef gewaehlt worden. Er ist damit nach Barroso der zweite Portugiese in einer europäischen Spitzenposition. Das ist ungewöhnlich. Denn entweder schicken die größten, reichen und mächtigen Staaten (z.B. Deutschland, Grossbritannien, Frankreich, Italien, Spanien) einen Vertreter oder die Staaten, die innerhalb Europas gut vernetzt sind (z.B. Osteuropäische Staaten, Skandinavische Staaten, Benelux-Staaten, Baltische Staaten, Griechenland etc). Portugal gehört eher nicht dazu. Das Verhältnis zu Spanien ist bis heute durchwachsen. Mal ist man "grande Amizade" (Grosse Freundschaft), dann wieder ruft man gegenseitig "steinigt sie".

In den letzten Jahren ist jedoch ein Hype um das Land entstanden, dass man sich fragt: Jahrhundertelang interessierte man sich nur am Rande fuer Portugal, jetzt tout Europa? Welche Sehnsucht zieht die Menschen an die Breiten des Tejo? Englisch, Französisch und Deutsch sind die drei am meisten gehörten Sprachen in Lissabon – neben Portugiesisch. Unzählige Touristen bevölkern nun die Stadt, die offenbar immer beliebter wird und fast aus allen Nähten platzt. Ihnen gleich tun es die Spekulanten, die vor allem in der Alfama alte Häuschen kaufen, oft ältere Herrschaften rausschmeißen und daraus hippe und moderne Lofts für Touristen, reiche Portugiesen oder noch reichere Geschäftsleute aus Brasilien oder Angola machen.

Die Stadt hat sich verändert. Aus der beschaulichsten Hauptstadt eines Flächenlandes in Europa ist ein Ort für die modernen Hipster von Kopenhagen bis Athen, von Dublin bis Regensburg geworden. Sicher, die Einnahmen helfen dem Land sehr, und doch, die Seele, die "Alma Lusitania" leidet erheblich darunter. Fado z.B. hat nicht mal mehr einen Hauch von Amalia – das ist den Fadopuristen schon kein echter Fado mehr –, sondern nur noch etwas Folkloristisches. Die Seele kommt dabei nicht mehr herüber. Aber vielleicht ist das auch der Preis, den Portugal zahlen muss, endlich ein normales Land in Europa zu werden?

Dass Portugal jemals einen Eurovision Song Contest gewinnen würde, glaubte man selbst zwischen Guimaraes und Sagres nirgendwo im Land. Barbusige Frauen, die Techno tanzend auf Englisch von der Liebe trällern – und das aus Portugal? Unmöglich und doch, das Land hat erst mal – wenn auch sehr „exzentrisch“ – gewonnen. Doch was ändert das? Im Mai 2018 wird ganz Europa, wohlmöglich sogar die ganze Welt, auf das kleine Land am Tejo schauen. Menschen werden dort als Fans hinkommen, für die Lissabon allenfalls ein Synonym für Fussball, Portugal eine Fussnote der Geschichte und Musik aus dem Land allenfalls mit irgendwelchen traurigen Gesängen schwarzgekleideter älterer Damen zu assoziieren war. Und jetzt? Die moderne Welt am Tejo? Ukrainische Fans, lettische Technojünger, aserbaidschanische Touristen? Da kommen Menschen aus manchen Laendern hin, mit denen der portugiesische Staat nicht einmal diplomatische Beziehungen unterhält, Länder, deren Airlines nicht nach Lissabon oder Porto fliegen und Bürger, für die ein Portugiese allenfalls Cristiano Ronaldo heißt.

Aber es ist auch eine Chance. Die Chance zu zeigen, dass Portugal mehr als Fado, Fussball und Fatima ist. Ein sehr modernes, kosmopolitisches Land, dass sich trotz seiner Modernität (die man oft nur auf den zweiten Blick sieht) und den vielen Problemen seine Seele – auch das sieht man oft nur auf den zweiten Blick –immer noch erhalten konnte. Es ist die Chance, dass man auch in Deutschland endlich begreift, dass Portugal kulturell viel mehr ist: Filmemacher, die einzigartige Filme drehen, wie fast nirgends auf der Welt und damit Universen erzälen mit einfachsten Mitteln. Schriftsteller, die mit unaussprechlichen Namen die Universen des Inneren durchforsten und all denen zur Seite stehen, die introvertiert fragen: Seele oder Kapitalismus? Künstler wie Rigo 23, Vhils, Joana Vasconcellos oder Paula Rego, die mit ungewöhnlichen Performances, Installationen, Happenings, Bildern und Werken die Herzen von immer mehr Menschen weltweit erobern. Der ESC wird auch für uns ein Zeichen sein: Portugal 2018. Ist man angekommen in der Welt?

Doch noch zwei andere Ereignisse der letzten Jahre brachten Portugal in den Fokus der Weltöffentlichkeit: der Gewinn des Europameistertitels der Nationalmannschaften und die Ernennung von Antonio Guterres zum Generalsekretär der Vereinten Nationen. Fussball ist überall ein tolles Spiel, natürlich auch in Portugal. Und wie oft überhöhte man die Nationalmannschaft ins Unsterbliche, sie wäre fähig zu Größerem, zum ganz Großen. Lange blieb das aus, und der portugiesische Fußball wurde eher durch die Namen einiger Spieler denn durch guten Fußball bekannt: Eusebio, Luis Figo und Ronaldo sollen an dieser Stelle genügen. Und dann doch: Portugal gewinnt einen der höchsten Preise, den eine Nationalmannschaft überhaupt gewinnen kann. Nur der Olymp fehlt (noch) und das wird – wenn es überhaupt möglich ist – ein Kampf der Titanen. Vitoria ou morte (Sieg oder Tod). Eine Fussballsupermacht in Europa oder in der Welt wird Portugal aber nicht werden, selbst wenn sie einmal den Olymp besteigen sollten. Doch zu den – sagen wir – 25 besten Nationen der Erde im Fußball darf man sie dennoch zählen, da bin ich sicher.

Dann kam die Ernennung von S.E. Antonio Guterres zum Generalsekretär der Vereinten Nationen. Ein kleiner Mann, der früher ohne Bewachung durch Lissabon bummelte und als UN-Fluechtlingskommissar auch manchmal an der Seite von Angelina Jolie gesehen wurde (gleich wurde beiden, dem Witwer und der Actriss, ein Verhältnis angedichtet), der ein ernsthaftes Bemühen um die Lösung der Probleme mit Flüchtlingen zumindest versuchte. Als Premier im Land so lala, vom Volke in einer Hassliebe abgewaehlt, gab es wohl niemand passenderen als Onkel Antonio aus dem fernen Lissabon, einem Land, dass für seine Assimilierung in jeder Situation und jedem Volk bekannt war und das über exzellente Kontakte mit vielen Ländern auf allen Kontinenten dieser Erde verfügt. Irgendwie ist er ja der Papa dieser Welt. Reisen, Reden halten und Gewissen sein, das ist wohl die Hauptaufgabe des Sekretärs. Doch da ist noch mehr. Einst schrieb der Nationaldichter Luis de Camoes (1524- 1580) in seinem Epos " Die Lusiaden" (1572) von der Göttin Thetis, die auf einer Insel dem Weltentdecker Vasco da Gama im 10. Gesang die "Machina Mundi" zeigte, unsere Welt, die Portugal zu Füßen lag?! Ist es in Zeiten, in denen manche von der Endzeit sprechen, nicht ironisch, dass ein Land, das einst ein Drittel der Erde beherrschte, als Seemacht nahezu unschlagbar war, dessen Könige stellenweise selbstständig Bischöfe ernennen durften, deren Könige in ihrer Macht einem Kaiser gleichgestellt waren, dessen Sprache 250 Millionen Menschen sprechen, die einst sogar Lingua Franca in Asien war, dem in seinen Glanzzeiten zwei Vizekönigreiche unterstanden (Estado da India in Goa und America Portugues (Brasilien) mit Salvador de Bahia) und dem im Vertrag von Tordesillas neben Spanien 1494 die Hälfte der Welt versprochen wurde – um dann ab 1580 in fast ewigen Schlaf zu versinken, heute wieder an der Spitze der Welt steht? Guterres, der Vertreter einer einstigen Supermacht, erfüllt er den Traum vom "5. Reich", dem letzten Reich vor dem Untergang, von dem schon der Jesuit Antonio Vieira (1600-1689) sprach und ihm eigentlich dem jungen König Dom Sebastian andiente? Wir wissen es nicht genau. Und ob wir es jemals erfahren werden, steht im Nebel der Geschichte. Und doch bleibt die vielleicht auch berechtigte Frage: Ist Guterres die Erfüllung eines Traumes, der neue Sebastian, der heute wieder ein bisschen den Lusitanier traeumen lässt, vom längst vergangenen Imperium, das jedem in seiner Brust heimlich noch schwillt? Einem Imperium des Geistes, von dem auch schon der Dichter Fernando Pessoa sinnierte? Guterres – soviel darf man sagen – ist ein Mann des Friedens, des Ausgleichs, der Gerechtigkeit – der Tugenden, die wichtig sind für diesen Posten. Vielleicht wird das 21. Jahrhundert wieder ein Portugiesisches werden – ohne die Entdeckung geographischer Orte, sondern Orten des Geistes, der Seele und der Menschlichkeit. Insofern wäre das "5. Reich" erfüllt. Als ein Reich der Seele, der Kultur und des Inneren. Möge es noch lange auf Erden existieren.

22:00 05.12.2017
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