Seele und Kino

Gestorben Zum Tode des portugiesischen Jahrhundert-Regisseurs Manoel de Oliveira.
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Das Theater im Film oder der Film im Theater? Wo gibt es so etwas heute noch zu sehen? Langsame Filme, mit ellenlangen Monologen? Weg mag sowas? Ist das nicht langweilig? Keineswegs. Es ist das Universum des Manoel de Oliveira. Er lässt Geschichte, Menschen, Seelen, Introspektion sprechen. Kein Action, kein Fantasy, Thriller, Science-Fiction, aber herrlich einfach. Manchmal glaubte man, einer Theaterinszenierung am Nationaltheater Dona Maria da Gloria am Rossio beizuwohnen, wenn man seine Filme sah. Zeichne den Menschen, gib ihm Seele und dann ist das Kino!

Oliveira wurde 1908 in großbürgerlichen Verhältnissen der Handels- und Großstadt Porto, geprägt vom Portwein, dem FC Porto und Heinrich dem Seefahrer, geboren. Schon früh als Leistungssportler und Rennfahrer unterwegs, entschied er sich für ein Medium, dass in Portugal nur wenig Interesse hervorrief: das Kino. Eingeführt durch den Blumenhändler Aurelio Paz dos Reis um 1896, war das Kino in Portugal niemals so recht angekommen. Große Produktionen, wie sie ab etwa 1905 in ganz Europa zu finden waren, selbst aus Ländern wie Polen oder Rumänien, fanden sich in Portugal nicht. Der Film schlief. Eigentlich bis Anfang der 1920er Jahre, als just- was für ein Zufall!- in Porto die „Invicta-Film“ durch Afonso Nunes de Mattos, die fast den gesamten Stummfilm Portugals beherrschte und ihn zum Tycoon des Cinema Lusitano machte, begründet wurde. Einige Jahre später wurde Oliveira als Schauspieler in dem Film „Fatima Milagrosa“ eingesetzt, der von Rino Lupo, einem in Portugal tätigen italienischen Filmregisseur gedreht wurde. Oliveiras erster eigener Film war jedoch 1931- noch ein Stummfilm- da der Tonfilm erst 1932 dort eingeführt wurde „Douro, faina fluvial“ (Arbeiten am Fluss Douro). Dann folgten einige Dokumentarfilme, bis mit Aniki Bobo, 1942, der erste Spielfilm folgte. Das von der Zensur verbotene Werk galt als erstes Werk des Novo Cinema Portugues. Dann folgten während der Militärdiktatur viele Jahre der Zensur und des Publikationsverbotes. Erst nach der Nelkenrevolution konnte Oliveira wieder ungebremst drehen, was er auch tat- seinen letzten Spielfilm drehte er im Oktober letzten Jahres!

Viele vergötterten Oliveira, auch im Ausland! Auf einer Veranstaltung war er mit Gus van Sant zu sehen (Good Will Hunting, My own private Idaho), Wim Wenders drehte mit ihm „Lisbon Story“ 1994 und wurde zum Freund, zahlreiche nationale und internationale Stars drehten mit ihm, so John Malkovich, Michael Lonsdale, Jeanne Moreau, Claudia Cardinale, Marie-Christine Barrault, Michel Piccoli, Marcello und Chiara Mastroianni, Irene Papas, aber auch die Crem de la Creme des Cinema Lusitano, allen voran der legendäre Luis Miguel Cintra, der fast in keinem portugiesischen Film der jüngeren Zeit mehr fehlen darf. Es entstanden traumhafte Werke, die durchaus Vergleiche mit Fellini, Bunuel, Fassbinder, Angeloupolos, Istvan Szvabo, Eisenstein und anderen nicht zu scheuen brauchen. Unter ihnen so großartige Werke wie der fast siebenstündige Film „Le soulier de Satin“, einer der längsten Spielfilme der Filmgeschichte oder „'Non', ou A Vã Glória de Mandar (Der vergängliche Ruhm der Herrschaft)“, Portugals einzigem Monumentalfilm. Dort, wo die Geschichte des Landes auf eindrückliche Weise dargestellt wurde- von den Schlachten Viriatos, über den Tod des Thronfolgers Dom Afonso, dem Sohn von König Dom João II, über die Schlacht von Alcacer Al Quibir und dem jungen König Dom Sebastian, bis zur Landung Vasco da Gamas auf einer Insel nach einem Thema der Lusiaden von Camões. Am Schluss, der junge König am Mar de Palha stehend und die Eintragung ins Buch „25. April 1974“, einfach nur großartig, wer es gesehen hat und die dazugehörige Geschichten kennt.

König des europäischen Autorenkinos

Oliveira war mehr Autor als Regisseur. Jeder seiner Filme trägt seine Handschrift, selbst die modernen, in den 2000er Jahren gedrehten, wo er schon ein professionelles Team hatte und nicht mehr wie früher auch als Drehbuchautor, Cutter, Regisseur, Darsteller, Kameramann, Visagist alles in Personalunion war. Oliveira sah sich als Independent-Filmemacher und Autorenfilmer an, der versuchte, Geschichten seines Landes und von Menschen zu erzählen, auch wenn er es nicht in die Massenkinos geschafft hat. In Deutschland wurden seine Filme seit ich denken kann nur bisher dreimal gezeigt (Arte, 3 Sat und – bemerkenswert!- MDR). In den großen Cineplex-Kinos suchte man sie vergebens, sie sind aber wohl auch kaum für ein Popcorn triefendes Publikum gemacht. Denn man muss denken und denken ist leider nicht für jeden Zuschauer das richtige. Oliveiras Kino aber verlangt, dass man sich auf die Charaktere einlässt, dass man fragt, was ist die Seele, was ist Gott, was ist das Leben und vor allem- was ist der Mensch? Solche Filmemacher wie Oliveira wird es in Europa nicht mehr geben. Warum gerade aus Portugal? Ist der Überhang an Seele in diesem Land der Ausdruck dafür? Kann es einen Oliveira nur im Lande von Saudade, Fernando Pessoa und Camões geben?

Wie Geschichte erzählt wird

Geschichtsfilme gibt es viele, aber der „Vergängliche Ruhm der Herrschaft“ ist doch etwas Besonderes, denn er zeigt, dass man Geschichte spannend und mit einem Bogen zur Gegenwart erzählen kann, ohne mit dem erhobenen Zeigefinger herkommen zu müssen. Ich würde behaupten, es ist wohl der beste Film, den Portugal jemals Produziert hat. Die vielen Etappen, die der Film kreist, zeigt die die Kunst und die Schlacht, Blut und Poesie, Trauer und Liebe sowie Verrat, alles, was den Menschen ausmacht.

Es gibt diese Menschen, die man im Leben gerne mal getroffen hätte. Die Ausstrahlung und Charisma haben und wo man eine Begegnung mit dieser Person bis zum eigenen Tode mitnimmt. Oliveira wäre sicher so eine Person gewesen. Gerne hätte ich mir noch eine Biographie über Fernando Pessoa (1888-1935), den kongenialen Dichter und den Schauspieler Francisco Taborda (1824-1909) von ihm gewünscht. Beides wären sicher absolute Meisterwerke geworden. Aber auch so kriegt man einen Schauer, wenn man die verbliebenen Werke des Großmeisters ansieht, die ja bleiben. Die Dialoge, die Monologe, die Seele, all das wird für künftige Generationen bleiben und hoffentlich neue Oliveiras hervorrufen. Oliveiras Tod im sagenhaften Alter von 106 Jahren hat in Portugal zwei Tage Staatstrauer hervorgerufen. Die echte Trauer über dieses Filmgenie wird aber in seinen Filmen, die alle den Stempel der Saudade tragen, auch nach den Feierlichkeiten noch fortbestehen.

Ende.

Thomas Fix, 02.04.2015

22:21 02.04.2015
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