Weltseele

Friedenspreis 2019 Das Wirken einer Legende, die die Geheimnisse enthüllt, welche wir eigentlich nicht hören wollen.
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Mir war es vor drei Tagen vergönnt, ihn auf der Buchmesse live zu sehen: Sebastiao Salgado, den vielleicht berühmtesten lebenden Brasilianer neben Pele und Paulo Coelho. Unerlässlich signierte er sein neues Buch, lies sich durch nichts stören und entlies stets ein schelmiges Lächeln. Ein würdevoller, älterer Herr der seine Memoiren einer breiteren Öffentlichkeit vorstellt? Mehr, viel mehr. Eine Legende, ein Jahrhundertmann, dessen Dimensionen wir vielleicht heute noch nicht ganz fassen können.Brasilien hat wenige herausragende Persönlichkeiten hervorgebracht. Zwei fallen mir aber spontan ein, wenn es um Menschlichkeit geht: Sergio Vieira de Mello und Ayrton Senna. Beide stehen für das, was Brasilien und was Lateinamerika in Wahrheit ist: ein Kontinent der Seele, der Emotion, des Gefühls. Vieira de Mello lies sein Leben, um sich für das anderer Menschen einzusetzen, er war Hochkommissar für Menschenrechte, als er 2003 in Bagdad bei einem Terroranschlag starb. Mit ihm starb das Lächeln Brasiliens, ein Diplomat, der nicht auf Feiern weilte, Brücken eröffnete oder Zeitungen Interviews über Mode gab, sondern ein Anpacker, der wirklich versuchte, die Dinge, die ihn umgaben, zu verändern. Es kostete ihn das Leben. Und dann war da noch einer, den das Land, ja die Welt schmerzlich vermisst: Ayrton Senna. Dreimaliger Weltmeister, der viel, viel für die Armen tat, mehr als der Staat in seiner mehr als 197 jährigen Geschichte. Und- und das ist auch nicht selbstverständlich- ein ein tiefgläubiger Katholik, ein Mann, in einer Branche, wo es laut war, dreckig, lebensgefährlich, wo Gott nicht auf dem Asphalt zu wohnen schien, war dies ein Mann, der im tiefen Glauben lebte und dem man das abnahm. Heute scheint es, dass Salgado eine Mischung aus beiden ist. Ist es ein Zeichen, dass er ausgerechnet in diesen Zeiten den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhält? Ist es ein Zeichen, dass er ausgerechnet Brasilianer ist, dieser Weltzeichner?Doch Salgado gehört nicht zu den Menschen, die nur reden, nein er packt an und gründete das Instituto Terra (Das grüne Institut) mit dem er Katz und Maus gegen den rechtskonservativen Präsidenten Jair Bolsonaro spielt: Dieser zerstört den Regenwald, Salgado forstet ihn wieder auf. Er knüpft dabei an die Idee der kenianischen Politikerin Wangari Maathai, die ähnliches für den afrikanischen Kontinent probierte. Damit tut Salgado mehr als viele andere, wohlmöglich auch mehr als die meisten von uns. Es war offenbar ein Heilmittel gegen die Depression, die sich bei ihm eingeschlichen hatte, die vielleicht von diesem kleinen Regenwald aufgezogen wurde, wie das CO2 von den Bäumen üblicherweise.Nimmt man das ursprünglich griechische Wort "photos graphein", war damit in etwa "zeichnen mit Licht" gemeint. Salgado zeichnet vor allem schwarz-weiß, das lenkt nicht ab und hinterlässt unglaubliche Wirkungen, manche Bilder könnten auch im 19. Jahrhundert entstanden sein. Ein anderer, wahrer, hellerer Blick auf unsere Welt. Und auch ein Blick auf die randständigen, die Außenseiter der Welt: Die Kranken, die Ausgebeuteten, die Armen, alle die, die keine Stimme haben und hatten. Und denen Salgado noch eine geben wird (wir kommen später noch drauf). Salgado ist das, was man einen Menschenrechtler nennt, weil er versucht, den Menschen ihr Recht zu zeigen, es ihnen zu ermöglichen. Dafür müssen sie erst das Bewusstsein von Existenz haben, die ihnen Salgado durch die Kamera gibt. Sicher, es gibt viele große Starphotographen, die viel bekannter sind als Salgado. Helmut Newton, Richard Avedon, Robert Mapplethorpe, August Sander, Cecil Beaton, sogar Karl Lagerfeld könnte man dazu zählen. Sie alle vereint, dass sie Kunst und Kitsch mit der Kamera schufen. Ihre Namen kennen Millionen. Salgado schuf hingegen einen Blick auf die Welt. Ihn kennt nicht jeder, doch ist das Laute auch immer das Gute? Man könnte Salgado auch den Chronisten der Welt bezeichnen, dessen Werk gegebenenfalls das der genannten noch überdauern könnte, wenn wir alle schon zu Staub zerfallen sind. Pinguine fallen ins Wasser, Arbeiter werden mit ihren schmerzverzehrten Gesichtern gezeigt, Natur, wie wir sie niemals bisher sahen. Was ist die Botschaft? Seht die Natur mit anderen Augen als bisher, denn wenn ihr sie schützen wollt, dann müsst ihr sie verstehen!Ich möchte nicht mit Superlativen um mich werfen, aber die Rede, die Salgado am Sonntag in der Paulskirche hielt, sie hat den Hauch der Jahrhundertreden, von denen nicht viele gibt. Nicht wegen eventueller Zitierfähigkeit wie bei Kennedy, sondern wegen ihrer Kraft wie bei Dr. Martin Luther King jrs. "I have a dream". Schon die Tatsache, mit welcher Offenheit, Ehrlichkeit er Dinge anspricht, die Korruption anprangert in einem Land, wo so etwas heute vielleicht auch tödlich sein kann (auch wenn er im Ausland lebt) und er erwähnt die Namenlosen, die magrehbinischen und portugiesischen Arbeiter, die Frankreich groß gemacht haben, aber niemals den Dank der Grande Nation erhielten, er erwähnt auch die nie genannten und vergessen Nationen, die in Deutschland keine Bekanntheit, keine Lobby haben: Guinea-Bissau, den Niger, Papua-Neuguinea, die Vergessenen dieser Welt. Und er widmet Rede bzw. den Preis all diesen Ausgestoßenen, Augebeuteten dieser geschundenen Erde. Für sie alle nimmt er ihn stellvertretend in Empfang. Wer die Rede sah, hörte einen Menschen sprechen in einer Sprache, wie sie in Deutschland längst schon vergessen ist; in der Sprache der Menschlichkeit. Salgado spricht klar, deutlich, ehrlich, man kann ihm gut folgen, er spricht über sich selbst, in Verbindung mit der Welt, die ihn prägte, die Gräuel in Ruanda lässt er ebenso nicht aus wie die Gräuel im ehemaligen Jugoslawien. Er sieht den Menschen, dass ist ihm sein Heiligtum! Am Ende hat man das Gefühl etwas epochales gehört zu haben. Viele Reden zeichnen sich durch den immergleichen Duktus aus, bei Salgado ist es das nicht so. Er hinterlässt mit allem etwas, selbst mit dieser Rede. Niemals in meinem Leben hat eine Rede eines prominenten Menschen- außer von Dr. Martin Luther King jr.- so einen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen, allenfalls Papst Franziskus vermag das heute noch, der andere Große unserer Zeit. Salgado ist das, was man eine Legende nennt, einen Menschen, von dem man wie ein Märchen, wie ein Mythos spricht, auch wenn er dann schon längst tot ist. Größe zeigt sich nicht an den Fernsehauftritten, nicht an den Schlangen der Leute, die ein Autogramm wollen: Sicher waren bei Thomas Gottschalk, Ulrich Wickert, Reinhold Messner, Sebastian Fitzek, Harald Glöckner und anderen Promis viel mehr Menschen als bei Salgado. Keiner lockte mich aber an sein Podium, nur Salgado, weil ihm das Geheimnis inne wohnt, das Geheimnis einer sterbenden Welt, die er uns zeigt und enthüllt und zugleich das Rezept für die Heilung nennt. Wir wollen nur nicht hören!Ende.

21:37 22.10.2019
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