Wikipedia- mehr Demokratie oder mehr Boulevard?

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Als Autor der freien Internet-Enzyklopädie Wikipedia frage ich mich bisweilen, ob das Projekt, an dem ich teilhabe, überhaupt zu etwas nutze ist. Das Wissen der Welt, was ist das schon? Langt es eigentlich nicht, den Bürgermeister seiner Stadt, den Ministerpräsidenten des eigenen Bundeslandes, ein paar Minister, die Kanzlerin und den Bundespräsidenten zu kennen? Ist es nicht genug, den Namen Goethe und Schiller schon mal gehört zu haben und zu wissen, dass John Wayne ein Westernheld war und James Dean ein "Rebel without a cruel"? Oder steckt doch mehr dahinter, als wir allgemein vermuten?

Für mich ist Wikipedia nicht einfach nur eine Enzyklopädie, es ist ein Fundus, eine Schatzkiste, bisweilen gar ein Garten Eden des Wissens. Studenlang kann ich mir die Seiten meiner "Konkurrenz" anschauen, um neues über Geschichte, Kultur, Sport, Politik, Wirtschaft oder Entertainment zu erfahren. Der eigentliche Wert von Wikipedia liegt aber woanders: im Abbau von Vorurteilen. Da die Artikel hier ausführlicher sind, als etwa in Encarta und bisweilen auch vielfältiger, bleibt es nicht aus, dass man ein Land aus einem neuen, vorher noch unbekannten Blickwinkel sieht.

Demokratie bedeutet auch Teilhabe am Wissen der Welt. Nicht jeder Mensch hat die Zeit, das Geld und die Lust, sich Bücher anzuschaffen und darin zu lesen. Die alten, behäbigen Bände a la Brockhaus haben oft nur einzelne Stichwörter und verzeichnen doch nur die "üblichen Verdächtigen" an Prominez der Hochkultur, die man in Wikipedia auch findet, aber nicht nur. Dort ist auch der Platz, abseits des Establishments Artikel einzupflanzen, die sich mit Personen beschäftigen, die wohlmöglich niemals in ein "normales, akademisches Lexikon" Eingang gefunden hätten. In einer unübersichtlichen, von Pseudoprominenz und A bis D Prominenten geprägter Zeit ist dies gar nicht so unwichtig.

Wissen ist eine wichtige Resource und Wikipedia ein Teil davon. Man sollte verstehen, dass Vorurteile und Stereotype eben nicht nur durch gute Schulbildung, sondern auch durch bisweilen gute Allgemeinbildung abgebaut oder zumindest vermindert werden können. Wenn man dann liest, dass der und der afrikanische Staat einen Nobelpreisträger hat, dass der und der lateinamerikanische Staat in manchen sozialen Fragen gar nicht so weit von Europa entfernt ist, dann hilft dies sicher auch mit, vorgefertigte Meinungen abzubauen und interessant ist es allemal.

In der heutigen Zeit erfüllt Wikipedia also eine wertvolle Aufgaben, die ich hier zusammenfassen möchte:

1.) Wikipedia als Demokratiefaktor- Wissen ist allen zugänglich, die einen Internetanschluss haben. Die Menschen müssen nicht mehr zwingend ein Buch lesen, um sich über ein Thema zumindest halbwegs informieren zu können.

2.) Wikipedia bekämpft Vorurteile- auch wenn Wikipedia sie nicht abschaffen kann, so kann es zumindest einen Beitrag leisten, bestimmten Vorurteilen, die der Mensch hat, da ihm oft die Information und das Wissen zu einem Sachverhalt fehlt, abzubauen.

3.) Wikipedia als Unterhaltungsfaktor- man kennt das und stöbert stundenlang in Wikipedia. Das kann ein reines Vergnügen sein und manchmal auch zur Sucht werden! In jedem Fall aber ist es wunderbar, sein Wissen zu erweitern und neues (vielleicht auch nützliches) zu lernen.

4.) Wikipedia ist mehr als ein Lexikon, mehr als eine Enzyklopädie- es ist ein Ort, an dem sich einfache Autoren aus allen Schichten und Akademiker und Nicht-Akademiker treffen, um gemeinsam und - großteils friedlich- an einem Projekt zu arbeiten. Diese Menschen kennen sich in der Regel nicht und doch leistet jeder auf seine Weise und anonym einen Beitrag für unsere Gesellschaft.

Als Fazit lässt sich sagen: das Wissen der Welt steckt in Wikipedia, das Wissen der Welt ist Wikipedia!!!

Ende.

20:08 17.11.2010
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sachichma | Community