Der Neid - die verdrängte Kraft

Neid und Strafrecht Welchen Einfluss hat der Neid als individuelles und kollektives Gefühl auf schädigendes Verhalten Einzelner und strafende Reaktionen der Gesellschaft?
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Dieser Beitrag befasst sich mit einem Thema, dem gerade im Bereich der Kriminologie noch lange nicht die Aufmerksamkeit gewidmet wird, die ihm gemessen an seiner Bedeutung zustünde. Es geht um den Neid als kollektives und individuelles Gefühl. Welchen Einfluss hat dieses Gefühl auf schädigendes Verhalten Einzelner und strafende Reaktionen der Gesellschaft?

Zunächst wäre dazu kurz zu umreißen, was wir in diesem Zusammenhang unter Neid verstehen. Individualpsychologisch zielt er auf etwas, das einem Anderen zugerechnet wird. Das kann ein Objekt, ein Zustand oder eine Eigenschaft sein. Man glaubt, das eigene Leben sei wertvoller, wenn man dieses Etwas auch besäße und begehrt es daher. Es entsteht ein innerer Spannungszustand, eine Dissonanz, da der gewünschte Zustand nicht mit dem tatsächlichen übereinstimmt. Auch das Selbstwertgefühl wird beeinträchtigt, wenn man sich zu seinen Ungunsten mit Anderen vergleicht, die haben, was man selbst nicht hat. Die Möglichkeit, das Beneidete selbst auf legalem Wege zu erreichen und damit die Spannung aufzulösen und das Selbstwertgefühl wiederherzustellen ist einem nicht immer gegeben. Nicht jeder kann viel Geld haben, gesund sein, schön sein, einflussreich sein (bzw. sich jeweils so fühlen) usw. Zur Herstellung eines inneren Gleichgewichts bleibt dem Individuum dann nur übrig, das gefühlte Defizit zu kompensieren (etwa durch gedankliche Abwertung des Begehrten), von dem Begehren abzulassen, sich das Begehrte mit Gewalt zu verschaffen oder dem anderen das zu missgönnen und zu zerstören, was dieser hat. Der Neid kann sich in den letztgenannten Fällen so zum einen ganz unmittelbar auf straffälliges Verhalten auswirken, z.B. bei der Wegnahme oder Zerstörung von Gegenständen oder der Verletzung von Menschen, mit denen man sich zu seinen Ungunsten vergleicht. Mittelbar kann sich eine Neidproblematik in einer Schwächung des Selbstwertgefühls und einer daraus folgenden erhöhten Neigung zu Kränkbarkeit und Aggressionen auswirken.

Es dürfte also ohne weiteres einleuchten, dass der Neid bei strafbarem Verhalten Einzelner, mit dem wir uns in Rahmen dieses Beitrages beschäftigen wollen, eine Rolle spielt. Allerdings ist der Neid ein Gefühl, das man nicht nur bei sich selbst nur allzu gern verdrängt, sondern das auch in seiner Wirkmächtigkeit auf kollektiver Ebene wenig reflektiert und verstanden wird. Auch in Strafurteilen oder Begutachtungen von Straftätern ist erstaunlich wenig über den Neid zu lesen. Je stärker der Neid jedoch, der nach unserer Überzeugung hinter vielen Aggressionen steckt, im gesellschaftlichen Unbewussten gehalten wird, desto schlechter wird es uns gelingen, an den Kern dieser Aggressionen zu gelangen und sie, zumindest zum Teil, aufzulösen. Aktuelle Studien zum Thema Neid belegen eindrucksvoll seine Bedeutung für unser Zusammenleben. Redzo Mujcic und Paul Frijters von der University of Queensland beispielsweise fanden anhand einer Beobachtung von 959 Interaktionen im Straßenverkehr von Brisbane heraus, dass der Neid zu den bestimmensten Faktoren in der Einstellung zu anderen Verkehrsteilnehmern gehört. Fahrer von teuren Autos wurden z.B. von anderen Verkehrsteilnehmern 18 % weniger entgegenkommend behandelt als Fahrer durchschnittlicher Fahrzeuge. Nur 40 % der Verkehrsteilnehmer gestatteten anderen sich von einer anderen Spur aus vor ihnen einzureihen. Nach einer weiteren Studie an der TU Darmstadt und der Humboldt-Universität zu Berlin von Krasnova/Wenninger/Widjaja/Buxmann kann die Teilnahme an einem sozialen Netzwerk wie Facebook erhebliche negative Emotionen hervorrufen. 584 Facebook- Nutzerinnen und -Nutzer wurden nach ihren Gefühlen während und nach der Nutzung von Facebook befragt. 36,9 % der Befragten empfanden dabei vornehmlich negative Gefühle wie Frustration. Die Forscher haben als wesentlichen Grund für dieses Ergebnis den Neid (auf die Erfolge, die Urlaubsreisen usw. der Facebookfreunde) identifiziert.

Beide Studien betreffen wohlgemerkt die ganz alltäglichen Interaktionen zwischen Menschen und zeigen, wie spürbar bereits sehr kurzfristig und oberflächlich wahrgenommene Dinge unseren Neid stimulieren und unser Gefühlsleben negativ beeinträchtigen können. Wie stark müssen unsere Emotionen erst bei fundamentalen (objektiv oder subjektiv empfundenen) Benachteiligungen und Ungerechtigkeiten sein?

Ein weiser Mann hat einmal gesagt, der Mensch bestünde zu 80% aus Wasser und zu 20% aus Neid, Sigmund Freud hat den Penisneid zu einem zentralen Motiv seiner Neurosenlehre erhoben und auch die katholische Kirche weiß um die Macht des Neids, den sie zur Todsünde erklärt hat.

Seine völlige Verdammnis allerdings wird dem Neid, der bis zu einem gewissen Ausmaß gesund und (überlebens-) wichtig ist, ebenfalls nicht gerecht. Dem Kind hilft er dabei, die gleiche Aufmerksamkeit von seinen Eltern zu bekommen wie seine Geschwister, und in den Urzeiten der Menschheit hat er das Überleben einzelner Gruppen im Kampf um knappe Ressourcen unterstützt. Heute dient er in einem gewissen Umfang nicht nur dem Individuum als Motivation der Weiterentwicklung, sondern insbesondere als kollektives Gefühl der Gesellschaft als Motor der Gerechtigkeit. Die Angst vor dem Neid anderer ist nicht selten auch Grundlage von Solidarität.

Wann aber überschreitet der Neid in der Störung des Individuums oder in der von ihm ausgehenden Schädigung anderer das gesunde Maß? Dies kann nur durch eine Abwägung der Rechte des Einzelnen und der Allgemeinheit näher gefasst werden, die sich im Neid überschneiden.

Bis zu welchem Grade vom Einzelnen verlangt werden kann, die Spannung auszuhalten und auf ein Begehren zugunsten anderer und der Gesellschaft zu verzichten, ist Gegenstand fortwährender Entwicklung, ein entsprechender Ausgleich individueller und kollektiver Interessen muss ständig neu austariert werden, wobei der Neid, der individuellen Trieb mit äußeren Objekten verbindet, eine treibende Rolle spielt. Von ganz entscheidender Bedeutung ist aber eine möglichst chancengleiche Gesellschaft (damit ist nicht gemeint, dass jeder alles erreichen können muss, aber bei gleichen Voraussetzungen, bei gleichem Können, bei gleicher Leistung sollte grundsätzlich die Möglichkeit einer gleichwertigen gesellschaftlichen Gegenleistung geben), sonst entsteht eine Situation, die von Soziologen als „Tunnelsituation“ beschrieben wird: entwickelt sich in einem zweispurigen Tunnel auf beiden Spuren ein Stau, der sich nach längerer Zeit in einer Spur langsam auflöst, so dass die Fahrer auf dieser Spur wieder vorwärts kommen, dann können die Fahrer auf der anderen Spur das nur längere Zeit aushalten, wenn sie wissen, dass es auch bei ihnen bald wieder vorwärts gehen wird. Wenn es aber auf einer der Spuren nicht oder nicht in gleichem Maße vorwärts geht, und es auch keine Möglichkeit gibt, verkehrsgerecht die Spur zu wechseln, dann führt dies unvermeidbar zu Aggressionen der Benachteiligten und Konflikten, die den ganzen Verkehr zum Erliegen bringen können.

Wir können hier nicht konkret und unabhängig vom Einzelfall sagen, wann der Neid ungesund wird, aber feststellen, dass er seine Berechtigung auf der einen Seite in der Erhaltung der Überlebensfähigkeit des Einzelnen und auf der anderen Seite in der Schaffung möglichst gerechter gesellschaftlicher Verhältnisse findet. Ist die innere Erwartungshaltung des Einzelnen angemessen, stimmt jedoch nicht mit den äußeren Umständen überein, oder sind die äußeren Verhältnisse „gerecht“, die innere Erwartungshaltung jedoch ist unangemessen, dann ist dies der beste Nährboden für Straftaten überhaupt.

Konkrete kriminalpolitische Folgerungen können wir in diesem Beitrag nicht ziehen, es ist jedoch wichtig, sich bewusst zu machen, dass eine effektive Kriminalpolitik zwei Umstände besonders berücksichtigen muss: zum einen müssen ungerechte Strukturen und gesellschaftliche Verhältnisse auf allen Ebenen identifiziert und möglichst geändert werden. Die allgegenwärtige Forderung nach einem Ende der Neiddiskussionen ist also eine Forderung, die eher der eingangs erwähnten Tendenz zur Verdrängung des Neids, nicht aber vernünftigen Erwägungen entspringt. Wir brauchen kein Ende, sondern einen Anfang von Neiddiskussionen. Zum anderen muss versucht werden, Straftätern ein gesundes Selbstwertgefühl zu vermitteln, was bei vielen bedeuten würde es aufzubauen und nicht (weiter) zu verringern.

Inwiefern aber könnte der Neid auch diejenigen beeinflussen, die ein bestimmtes individuelles Verhalten bestrafen (wollen)?

21:13 15.10.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Thomas Galli

Kriminologe
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Thomas Galli

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