Genies oder Verbrecher?

Cosby, Allen, Kinski Bill Cosby und Woody Allen wird Vergewaltigung und Missbrauch vorgeworfen. Was wir daraus über unsere Neigung lernen können, Menschen zu vergöttern und verteufeln.
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Bill Cosby und Woody Allen wird wie Roman Polanski oder Klaus Kinski vor ihnen vorgeworfen, Mädchen bzw. Frauen sexuell missbraucht zu haben. Warum finden diese Fälle unser gesteigertes Interesse, auch wenn wir weder die möglichen Opfer noch die möglichen Täter persönlich kennen, und auch nicht in Angst davor leben müssen, sie könnten irgendwann unsere Kinder missbrauchen? Grundsätzlich weckt alles Außergewöhnliche unsere Aufmerksamkeit, im Fall von weltberühmten Künstlern wie Bill Cosby oder Woody Allen kommt der scheinbar unauflösbare Widerspruch zweier Extreme hinzu, innerhalb derer wir andere Menschen wahrnehmen, nämlich der Widerspruch zwischen Idealisierung und Abwertung. Beides, die Idealisierung wie die Abwertung, erfolgt durch eine Gleichsetzung des Menschen mit dem, was er getan hat. Wer geniale Filme gemacht hat, ist ein Genie, wer Kinder missbraucht hat, ein Verbrecher. Woody Allen hat möglicherweise beides getan, als was soll er uns dann aber Symbol stehen?

Unsere Neigung, Menschen mit einzelnen Taten gleichzusetzen, und sie nicht in ihrer Gesamtheit mit allen Stärken und Schwächen zu sehen, scheint umso größer zu sein, umso außergewöhnlicher diese Taten sind. Im Falle der Idealisierung von Künstlern oder Sportlern mag das damit zusammenhängen, dass unser Neid auf die, die in unseren Augen Bewundernswertes vollbracht hat, zu groß würde, würden wir sie als Menschen wie „Du und Ich“ sehen. Je näher uns ein Anderer ist, je eher er auf der gleichen Stufe wie wir steht, desto schwerer fällt es uns zu ertragen, dass er Außergewöhnliches hat oder kann. Wir machen solche Menschen zu Übermenschen, um uns nicht zu unseren Ungunsten mit ihnen vergleichen zu müssen. Über Elvis kommt nur noch, wenn überhaupt, Gott. Nichts ist allerdings denkbar ohne sein Gegenteil. Wenn wir also die einen über alle Maßen aufwerten, müssen wir andere ebenso maßlos abwerten.

Die Abwertung von Straftätern, bemerkenswerter Weise insbesondere Sexualstraftätern, dient unserem Selbstwertgefühl. Wir machen uns glauben, wir hätten unter keinen Voraussetzungen oder Umständen getan oder tun können, was sie getan haben. Mit Grauen und Abscheu wenden wir uns von ihnen ab und erklären sie zu Untermenschen. Der französische Philosoph Michel Foucault hat den Verurteilten als Gegengestalt des Königs bezeichnet. Mit beiden wird viel verbunden, was mit den konkreten Personen nichts zu tun hat.

Weder den Betroffenen noch ihren Werken bzw. Taten wird man in aller Regel mit dieser Betrachtung gerecht. Auch geht die wohltuende Vergötterung auf der einen und Verteufelung auf der anderen Seite langfristig auf Kosten der Gesellschaft. Die Idealisierten werden oft völlig unangemessen mit Millionen überhäuft, die woanders sicher sinnvoller angelegt wären. Den Abgewerteten wiederum wird zum einen fast jede Chance genommen, überhaupt noch als gleichwertige Menschen wahrgenommen zu werden, die eben nicht nur Schädliches und Schlechtes, sondern auch Nützliches und Gutes tun können, ebenso wie Wohltäter und Künstler Schlimmes tun können. Eine (Re-)integration straffällig gewordener Menschen, will man nicht alle bis an ihr Lebensende einsperren, würde aber genau diese Chance voraussetzen.

Zum anderen können künftige Straftaten von Menschen, die noch nicht Täter sind, langfristig nur verhindert oder reduziert werden, wenn auch schlimmste Straftaten in all ihrer Komplexität mit ihren sozialen und individuellen Ursachen möglichst umfassend verstanden werden. Das kann nicht gelingen, wenn wir einzelne Täter verdammen in der Hoffnung, die Taten würden mit ihnen aus unserer Wirklichkeit verschwinden.

Das Vorhaben von Bundesjustizminister Heiko Maas, die auf einem (veralteten) Täterbild beruhende Strafvorschrift wegen Mordes nach § 211 Strafgesetzbuch zu ändern und tat- statt täterbezogen zu gestalten, ist daher sehr zu loben. Dabei ist aber darauf hinzuweisen, dass die Beschreibung anderer Delikte im Strafgesetzbuch ohnehin bereits tatbezogen ist, gleichwohl wird in der allgemeinen Wahrnehmung der Täter oft mit der Tat gleichgesetzt und mit einem Etikett (Verbrecher) belegt, das alle anderen Etiketten (Ehemann, Lehrer usw.) überdeckt. Noch wichtiger als die aktuelle Reform der Tötungsdelikte ist also eine Weiterentwicklung der gesellschaftlichen Bereitschaft, Menschen, die im negativen Sinne Außergewöhnliches getan haben, zwar für diese Taten in Verantwortung nehmen, sie aber nicht nur auf diese Taten zu reduzieren und die Taten nicht auf den Täter zu reduzieren.

Ein solches Umdenken würde erheblich dazu beitragen, gesellschaftliche Strukturen zu schaffen, die im größtmöglichen Umfang den Schaden, den Einzelne Anderen antun, reduzieren.

Die Anzahl der Kinder in Deutschland, die Opfer von sexuellem Missbrauch wurden, hat in den letzten 10 Jahren abgenommen. 2012 wurden jedoch immer noch über 14.000 Fälle allein polizeilich registriert. Wohlgemerkt sind Täter in der großen Mehrheit solche, die bisher noch nicht derart in Erscheinung getreten sind. Die Auswirkungen des täterorientierten Denkens im Umgang mit der Problematik des sexuellen Missbrauchs erleben wir derzeit auch exemplarisch an den Vorgängen um den ehemaligen Bundestagsabgeordneten Edathy. Erhebliche Energie und Ressourcen werden auf die Ermittlung möglicher Taten und Täter verwendet. Das ist auch im Hinblick auf die betroffenen Opfer wichtig und richtig, darf aber nicht vergessen machen, dass dadurch und auch durch Einführung immer neuer Straftatbestände nach dem derzeitigen Stand der Erkenntnis nur ein geringer Anteil künftiger Verletzungen Unschuldiger verhindert wird. Es sollten daher verstärkt gesellschaftliche Ressourcen für die Erforschung der Ursachen schädigenden Verhaltens aufgewendet werden, auch um auf Grundlage einer erweiterten Erkenntnisbasis frühzeitig intervenieren und langfristig investieren zu können.

Falls Bill Cosby und Woody Allen tatsächlich andere sexuell missbraucht haben sollten, dann ist dieser Missbrauch in aller Deutlichkeit zu verurteilen. Sie müssen die Verantwortung für das übernehmen, was sie getan haben. Unsere Verantwortung aber ist es, dazu beizutragen, dass die heutigen Kinder nicht in zwanzig oder dreißig Jahren andere missbrauchen. Dieser Verantwortung können wir nur gerecht werden, wenn wir erkennen, dass alle (Straf-)Taten menschlichen und gesellschaftlichen Ursprung haben und immer wieder passieren werden, wenn es uns nicht gelingt, sie auch getrennt vom Täter zu betrachten, zu hinterfragen und zu analysieren. Reduzieren wir aber die Taten auf die Täter, dann werden wir weder Taten noch Täter gerecht.

Was immer einer getan hat, er ist ein Mensch wie wir, in ihm ist viel von uns und viel von ihm ist in uns.

Wenn Bill Cosby und Woody Allen dafür Symbol stehen würden, wäre das vielleicht ihr größtes Kunstwerk.

12:15 09.12.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Thomas Galli

Kriminologe
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Thomas Galli

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