Bajuwarischer Exzentriker

Filmschaffen Lange nichts mehr gelesen zu Werner ­Herzog. Ein neuer Sammelband versteht sich als ­Hommage und Analyse zugleich

Wahnsinn: 179 Meter – eigentlich Weltrekord. 179 Meter weit sprang der Schweizer Skiflieger Walter Steiner 1973 in Oberstdorf, den Titel gewann er dennoch nicht: Steiner sprang so weit, dass Gefahr für Leib und Leben bestand – alle weiteren Wettbewerbssprünge erfolgten von tieferen Rampenpunkten, Steiners Sprung wurde annulliert.

Im 1974 entstandenen Dokumentarfilm Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner porträtiert der Filmemacher Werner Herzog einen Athleten im Kampf mit der Welt, die ihm zu klein geraten ist. Steiner reicht an die Grenze des Schaffbaren und scheitert noch im Triumph. Ein solcher „athletischer Poet“ (Chris Wahl) ist auch Herzog selbst, insofern ihm die Meisterleistungen, zumindest in seinem Heimatland, lange Jahre aberkannt wurden, da sie die Regularien hinter sich ließen.

Eine schmerzliche Lücke

Ein Umstand, der sich nicht nur in einer praktisch nicht mehr vorhandenen Präsenz von Herzogs jüngstem Werk im deutschen Kino niederschlägt, sondern auch in einer brachliegenden filmwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Herzog: Die letzte deutschsprachige Buchpublikation erschien 1979 in der legendären blauen Hanser-Reihe – da war Fitzcarraldo, Schlüsselfilm und zentraler Wendepunkt in Herzogs Werk, noch gar nicht gedreht. Eine schmerzliche Lücke der hiesigen Filmpublizistik (in den USA erschien 2007 Brad Pagers vielbeachtete Monografie The Cinema of Werner Herzog), die der gerade erschienene Band Lektionen in Herzog zu schließen versucht.

Der sonderbar asymmetrischen Wahrnehmung und Wertschätzung von Herzogs Werk – zumal seit Grizzly Man (2005) erlebt Herzog ein sagenhaftes Comeback im anglo-amerikanischen Raum – ist sich der Herausgeber und Filmwissenschaftler Chris Wahl voll bewusst. Fast die Hälfte des Buchs ist deshalb nicht Interpretation und Analyse, sondern der wechselhaften Rezeptionsgeschichte von Herzogs Werk im internationalen Vergleich gewidmet.

Herzogs von ihm selbst bewusst betriebene Verquickung von Person und Werk erweist sich darin als zentrale Komponente: Das politische Klima im Deutschland der frühen siebziger Jahre war einem Künstler nicht förderlich, der wie Herzog mit dem Geniekult ironisch liebäugelte und sich den Künstler als Propheten dachte. Seine Nähe zum romantischen Ästhetizismus, seine Verweigerung gegenüber dem politischen Zeitgeist und seine Skepsis gegenüber der Vernunft werden ihm als geistige Nähe zu Faschismus und Nationalsozialismus ausgelegt.

Für die damalige US-amerikanische, am deutschen Kino ohnedies stark interessierte Filmkritik befördern Herzogs demons­trativ bajuwarische Exzentrik und seine offen artikulierte Neigung zum Bildersturm einen „Minderheitendiskurs“ (Jaimie Baron) um sein Werk. Herzog erscheint als die unverkennbar singuläre, allein sich selbst verpflichtete Stimme im Kino.

Einzelgänger

Wie Baron zeigt, bedienen sich amerikanische und deutsche Filmkritik zwar eines ähnlichen Vokabulars zur Beschreibung von Herzogs Filmen. Doch schätzen erstere Herzog als exotischen Rebell und Einzelgänger auf Kriegsfuß mit dem Establishment, also als beinahe archetypische Figur des eigenen Gründungsmythos. Erst die Megalomanie von Fitzcarraldo, mehr noch aber Les Blanks Dokumentarfilm Burden of Dreams über dessen strapaziöse Dreharbeiten lassen die US-Kritiker eine deutlich reserviertere Haltung einnehmen, die seit Grizzly Man einer neuerlichen Geste der Umarmung gewichen ist.

Von solchen historischen Rekonstruktionen abgesehen liegt das größte Verdienst des Buches aber darin, nicht bloß längst zum Gegenstand zahlreicher (von Eric Ames kundig analysierter) Parodien klischierte „Herzog-iana“ zu reproduzieren, sondern bislang übersehene oder unzureichend konturierte Facetten zu beleuchten: Sehr schön arbeitet etwa Valérie Carré den für Herzog zentralen Begriff des Sehens heraus. Wenn Herzogfiguren wie Kaspar Hauser oder der Hirte Hias (Herz aus Glas) „sehen“ oder über das Sehen sprechen, so geht dies Carré zufolge über das visuelle Registrieren von Äußerlichkeiten hinaus, vielmehr meint es das Ansichtigwerden einer jenseitigen, poetischen Form von „Wahrheit“.

Interessant ist hierbei ein Wandel in der Figur des Wissenschaftlers, den Carré sehr plastisch nachzeichnet: Dem bloß rationalen Logiker begegnet Herzog in den Siebzigern noch mit bösem Spott, seine Dokumentar- und Essayfilme der letzten Jahre gestehen den Wissenschaftlern indessen nicht nur prominenten Raum, sondern ebenfalls einen privilegierten Zugriff auf eine eigene, poetische Wahrheit zu – und eigentlich reiht Herzog sie damit ebenfalls in die lange Kette ein jener aus der Welt zu fallen drohenden Ekstatiker, die seine Filme bislang bevölkerten.

Lektionen in Herzog ist somit eine überfällige, herzlich willkommene Einladung, das facettenreiche, über weite Strecken noch immer unterschätzte Werk eines Meisterregisseurs auch im deutschsprachigen Raum neu oder wieder zu entdecken. Dass der Band gleichermaßen als Hommage und filmwissenschaftliche Analyse funktioniert und sich mit einer gründlich recherchierten Bibliografie zudem bestens als Ausgangspunkt für weitere Studien empfiehlt, gibt besten Grund zur Freude über diese Publikation.

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Lektionen in Herzog. Neues über Deutschlands verlorenen Filmautor und sein WerkChris Wahl (Hrsg.) Edition Text + Kritik 2011, 392 S., 29,00 €

Thomas Groh ist Film- und Kulturwissenschaftler und schreibt unter anderem auf filmtagebuch.blogger.de

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16:00 07.11.2011
Geschrieben von

Thomas Groh

lebt in Berlin und schreibt über Filme.
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