Das weiße Spukhaus

Kino Regisseur Jordan Peele hat einen tollen Horrorfilm gedreht, der Unbehagen aus Bildern und Erfahrung von Rassismus zieht: „Get Out“
Thomas Groh | Ausgabe 18/2017 1

Auf den ersten Blick ist der Horrorfilm mit seinem Fokus auf Ekel und Gewalt kein Hort für progressive Experimente. Wenn im Slasher-Film männliche Täter sexualisierte Frauen jagen, wirkt das eher anrüchig. Dass die Sachlage sich auf den zweiten Blick etwas komplexer darstellt, ist ein Verdienst der Queer Horror Studies: Insbesondere Carol J. Clover und Judith (heute Jack) Halberstam haben in den 1990er Jahren mit wirkmächtigen Studien eine Perspektive erarbeitet, die den Horrorfilm zur Verhandlung von body politics produktiv macht – ob es dabei um das Queering der Blickachsen in der Figur des final girl geht oder darum, wie das Monster eine auf binären Oppositionen fußende Identitätskonstruktion gesellschaftlicher Subjekte in Frage stellt.

Sonderbar unterbelichtet bleiben allerdings Fragen der race – in Film wie Theorie. Eine merkwürdige Leerstelle für ein Genre, das wesentlich das Verhältnis zum „Anderen“ umkreist. Eine Ursache dafür findet sich im begrenzten Rollenrepertoire, das das Horrorkino Schwarzen zugesteht, wie die Filmwissenschaftlerin Robin R. Means Coleman in ihrer Studie Horror Noire über die Darstellung von Schwarzen und Blackness nachgewiesen hat. Wenn Aspekte von race nicht von vornherein allegorisiert werden – King Kong als paranoische Angstfantasie des weißen Mannes über die Sexualität des schwarzen Mannes –, tauchen Schwarze im frühen Horrorkino meist als infantile Witzfiguren auf. Später dienen sie als Kanonenfutter – der Schwarze stirbt zuerst, so ein gängiges Klischee. Oder sie werden in Konstellationen besetzt, in denen Blackness ausgeblendet bleibt.

Genuin schwarze Horrorfilme findet man nur verstreut. In den race films der 1940er Jahre etwa, mit denen weiße Filmgesellschaften die black communities adressierten (und von weißen Kinovorführungen fernhalten wollten). Oder im Blaxploitation-Kino der 1970er, das mit karikaturenartigen Filmen wie Blacula den weißen Motivfundus aufgreift, und im Hip-Hop-Kino der 1990er. Bemerkenswerte Ausnahmen sind George A. Romeros Zombie-Meisterwerke Die Nacht der lebenden Toten (1968) und Dawn of the Dead (1978), deren Hauptfiguren schwarze, als vollwertige Subjekte konturierte Figuren sind und tief aus dem Erfahrungsfundus der afroamerikanischen Community schöpfen.

Eine lose Traditionslinie, deren Brüchigkeit der US-Komiker Jordan Peele jetzt mit seinem fulminanten Horrorfilm Get Out schmerzhaft präzise zu Bewusstsein bringt. Schon der Titel – „Raus hier!“ – ist nicht bloß als fürs Genre typische, pragmatisch-programmatische Handlungsmaxime zu verstehen. Er rekurriert auch auf eine Stand-up-Routine von Eddie Murphy: Darin fragt sich der Komiker, warum weiße Familien in Spukhausfilmen beim ersten Spuk-Anzeichen eigentlich nie das das Weite suchen – eine schwarze Familie wäre schließlich schon beim ersten gehauchten „Get Out!“ eines Poltergeists über alle Berge.

Gesteigerte Wachsamkeit auch in Alltagssituationen als unabdingbare Überlebensstrategie – was sich Schwarze infolge der Erfahrungen Jahrhunderte währender rassistischer Gewalt und Ausgrenzung angeeignet haben, bildet den Hintergrund, vor dem sich Get Out klaustrophobisch zuschnürt.

Mit klischierten Vorstellungen von Blackness hat das Leben des Fotografen Chris Washington (Daniel Kaluuya) zunächst rein gar nichts zu tun: Beruflich erfolgreich, lebt er in einer mondänen Wohnung im teuren New York. Die Beziehung zu seiner Freundin Rose (Allison Williams) ist sichtbar glücklich. Eine kleine Verunsicherung deutet sich an, als es um die entscheidende Schwelle geht, die jedes Geturtel unter Leuten um die 30 festigt: das erste Treffen mit den Schwiegereltern. Denn Roses Eltern sind, wie sie selbst, weiß. „Wissen sie, dass ich schwarz bin?“, fragt Chris. Das Misstrauen lacht Rose einfach weg: Na, aber so was von selbstverständlich sind ihre Eltern keine Rassisten!

Sind sie denn auch nicht, zumindest nicht ersten Blickes. Der Empfang auf einem Anwesen im US-Hinterland ist herzlich. Linksliberale Willkommenskultur. Einen Tick zu herzlich, vielleicht. Der Vater (Bradley Whitford) erinnert an Steve Jobs, die Mutter (Catherine Keener) ist eine alternde Hippie-Dame. Nur die schwarzen Bediensteten mit gesenktem Blick trüben den Eindruck. Was der Vater allerdings peinlich überspielt. In Nebenbemerkungen fallen erste Hinweise: Chris ist nicht einfach nur der neue Freund ihrer Tochter – sondern doch irgendwie „anders“. Und Chris’ Unbehagen steigt, das eigene auch.

Vom unheimlichen ins horrible Register wechselt der Film nach einer übergriffigen Hypnose: Vorderhand will Roses Mutter Chris damit das Rauchen abgewöhnen, de facto legt sie ihn in die Ketten ihrer Verfügungsgewalt. Die spooky Erlebnisse nehmen zu: Während der in New York gebliebene Kumpel Rod (Lil Rel Howery) Chris am Telefon noch mit paranoischen Fantasien zuschüttet („Die Weißen wollen Sexsklaven aus uns machen!“), dämmert Chris das Ausmaß seiner Lage: Erst wird er buchstäblich nicht aus seiner Haut gelassen, dann aber geht es um nichts anderes.

Unterschiedliche Realitäten

Mit inszenatorischer Finesse und beispielhaftem Fingerspitzengefühl macht Peele sich das ästhetische Instrumentarium und den Fundus des Horrorkinos zunutze. So minutiös wie effektiv entzieht er seinem Publikum in diesem slow burner den sicheren Boden und sensibilisiert damit nachhaltig für die Unwägbarkeiten der afroamerikanischen Erfahrung, für das durch den Blick von Außen auferlegte Othering auf Grundlage der bloßen äußeren Erscheinung – der Urgrund jeder rassistischen Ideologie.

Dass das ohne weiteres glückt, liegt nicht zuletzt am Schauspiel des tollen Casts von Get Out – und am absurden Humor, mit dem Peele das Geschehen zusätzlich ins Wahnwitzige verschiebt, ohne den Film in die Ödnis der Horrorkomödien abdriften zu lassen. Ganz explizit geht es ihm nicht darum, den vulgären Rassismus der Trump-Klientel offenzulegen; was sich derart lauthals zu erkennen gibt, muss nicht demaskiert werden. Vielmehr versteht sich Get Out als böser Nachklapp zur Ära Obama, mit der viele Kommentatoren das leidige Thema race als überwunden proklamiert hatten. Voreilig, wie sich nicht nur in Ferguson und im blitzartigen Aufstieg der Alt-Right zeigte, sondern auch in den Reaktionen zahlreicher weißer Linksliberaler auf Initiativen wie #Black Lives Matter.

Wie unterschiedlich schwarze und weiße Lebensrealitäten konstituiert sind, zeigt sich im Schluss. Der Auftritt der Polizei als ordnungsschaffendes Prinzip verheißt dem Weißen Erlösung – dem Schwarzen bedeutet er Gefahr. Get Out schlägt diesem Umstand mit einer bösen Volte ein Schnippchen – sie soll ebenso wenig verraten werden wie die Abgründe, die in diesem grandiosen Film lauern.

Info

Get Out, Jordan Peele, USA 2017, 104 Minuten

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 07.05.2017
Geschrieben von

Thomas Groh

lebt in Berlin und schreibt über Filme.
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Thomas Groh

Ausgabe 38/2020

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