Kopf in Nacken

Dokumentation Mal ohne das ulkige Umfeld, das Platt schnackt: „Wacken 3D“
Thomas Groh | Ausgabe 30/2014
Kopf in Nacken

Foto: Screenshot, Trailer

Tage jenseits der Zeit: Zehntausende pilgern jährlich in den kleinen Ort Wacken in Schleswig-Holstein, um dort vier Nächte lang – in friedlicher Koexistenz mit der alteingesessenen Bevölkerung, fernab von Sinndeutungen des Feuilletons und der ironischen Grundhaltung smarter Pop-Linker – düstere, ekstatische, proletarische, trotz ihrer lebensverneinenden Ästhetik im Grunde doch höchst lebensbejahende Musik open air abzufeiern. Metal in allen Spielvarianten, ob klassisch rockistisch, bizarr ketzerisch oder so virtuos komponiert wie dargeboten.

Eine Erfolgsgeschichte für das Dorf, das sich damit rühmen kann, vom 31. Juli bis 2. August zum 25. Mal das international wichtigste Metal-Festival auf den eigenen Äckern auszurichten. Schon deshalb ein Stoff, für den sich das Fernsehen zuletzt brennend interessierte. Die Zahl der Filme über die Ulkigkeit, dass 80.000 grölende, aber doch ausgesucht liebe Fans auf 2.000 sympathisch verschrobene Wackener treffen, ist seit Cho Sung-hyungs überraschend erfolgreichem Dokumentarfilm Full Metal Village (2006) Legion.

Eine Lücke in dieser Abfolge quasianthropologischer Distanzbetrachtungen versucht nun der spürbar in eigener Sache entstandene Film von Norbert Heitker zu schließen: das Spektakel aus der Binnenperspektive, mal ganz ohne geschäftstüchtige, Platt schnackende Landwirte. Den etwas faden Tand üblicher Rock-Dokus gibt es in Wacken 3D auch. Junge und alte Musikanten geben in gut ausgeleuchteten Interview-Snippets erwartbar Begeistertes von sich, rhythmisch in den Ablauf eingeschoben sind mal mehr, mal weniger kurzweilige Bühnenperformances. Handwerklich alles erste Sahne, meist mit Bedacht auf den Eintaucheffekt der 3-D-Technik inszeniert, aber eben auch etwas einfallslos in seinen Bemühungen um vorweisbare Bilder.

Richtig schön wird Wacken 3D, wenn sich der Film tatsächlich den Fans zuwendet, die mit Beihilfe archaischer Wettergötter die Äcker ringsum in Schlammparadiese verwandeln. Mit dem Böse-Buben-Image kann man Metalheads 26 Jahre nach der Tagesschau-Schreckensmeldung aus dem fränkischen Schweinfurt, wo es am Rande von „Monsters of Rock“ zu Schubsereien mit der Polizei und ein paar Bierleichen im Stadtbild gekommen war, nicht mehr kommen.

Zu sehen ist vielmehr ein Temporär-Utopia: eine schöne, ausgelassene Form von Irrsinn im behutsam kontrollierten Safe Space – eine Lebenslust, die gerade nicht dem Gebot zur Instagram-kompatiblen Lifestyle-Optimierung folgt und sich von den Zumutungen des Post-Rave-Körperkults freimacht. Wer hier durch den Schlamm robbt, halbnackend sein Körperfett zur Schau stellt und mit hemdsärmeliger Lässigkeit vom aufs Wohnmobildach gespannten Sofa heruntergrüßt, macht das nicht mit Bewerbungsschreiben beim coolen Start-up im Hinterkopf. Geradezu skulptural in seiner Freude am sich entgrenzenden Körper wird Wacken 3D schließlich, wenn der Film in Slowmo und zu sakraler Musik ganz nah an die Mosher herantritt: erhabene Groteske – wie im Metal Profanes und Sakrales einander eben immer schon umschlungen haben.

Für einen Moment blitzt eine Vorstellung davon auf, wie frei assoziierte Menschen im kontrollierten Regress auf Zeit miteinander umgehen könnten. Hinter allem steckt weiterhin old capitalism. Den Widerspruch, dass die demonstrativ auf Unverwertbarkeit abzielende Lebensfreude eine ganze Provinz wirtschaftlich befeuert, hält der Film aber gut aus.

Wacken 3D
Norbert Heitker

Deutschland 2014, 95 Minuten

Thomas Groh

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06:00 06.08.2014
Geschrieben von

Thomas Groh

lebt in Berlin und schreibt über Filme.
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Thomas Groh

Ausgabe 39/2020

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