Pop-Art, Pasolini und LSD

DVD Aus dem Mitternachtskino ins Pantheon – der Surrealist Alejandro Jodorowsky kann wiederentdeckt werden
Ausgabe 10/2014

Und plötzlich ist Alejandro Jodorowsky allgegenwärtig: ein neuer Film, der erste seit fast 25 Jahren – ein Dokumentarfilm über die nie umgesetzte Adaption des Science-Fiction-Epos Der Wüstenplanet, Retrospektiven, Widmungen durch angesagte Regisseure (Only God Forgives von Nicolas Winding Refn) sowie die Wiederaufführung von Filmen der klassischen Werkphase. Lange war der Hexenmeister des „Mitternachtskinos“ der siebziger Jahre nur wühlfreudigen Cine-Archäologen bekannt; nun scheint es, als fordere er den Platz neben Bild-Ekstatikern wie Buñuel und Fellini im Kino-Pantheon ein. Beistand leistet eine hervorragend besorgte DVD-Kollektion das Labels Bildstörung, das Jodorowskys filmisches Frühwerk hierzulande wieder zugänglich macht.

Wobei Jodorowsky lediglich dem Kino abhandengekommen war. Als Roman- und Comicautor, Theaterregisseur, Komponist, Tarot-Meister, Jung’scher Psychoanalytiker und Eso-Intellektueller reüssierte der betagte Pariser Exil-Chilene mit russisch-jüdischen Wurzeln auf anderen Gebieten ästhetischer Praxis so selbstverständlich, wie seine Filme synkretistisch sind.

Dennis Hopper, John Lennon

Im Paris der fünfziger Jahre suchte er Kontakt zu André Breton, dem strengen Übervater des Surrealismus, begründete später mit Fernando Arrabal und Roland Topor die anarchische Theatergruppe „Panique“ und zählte zu den engsten Vertrauten von Marcel Marceau. Bald amalgamisierte er die grelle Ästhetik der Popkultur zwischen kreischenden Gitarren und verbitterten Italowestern-Helden mit dem ästhetischen Reichtum von Hochkultur, Mystik, Folklore, Religion und Philosophie.

Dabei ging er so blutrünstig transgressiv zu Werke, dass sich seine Filme von Hippie-Befindlichkeitsquark wohltuend abheben. Die bildersüchtige, alle historischen Symbol-Archive lustvoll plündernde „Methode Jodorowsky“ machte ihn in der verkifften Musik- und Filmboheme der siebziger Jahre zum Star. Dennis Hopper und John Lennon umgaben sich gern mit ihm.

Die drei vorliegenden Filme handeln im Kern von Questen, auf ihrer Oberfläche wirken sie wie Bildwucherungen des kollektiven Gedächtnisses: Im Debüt, dem schwarz-weißen Fando und Lis (1968), reisen die Titelfiguren auf der Suche nach der mythischen Stadt Tar durch ein postapokalyptisches Wasteland, in dem Klaviere brennen, Jazzbands in Trümmern aufspielen, Blüten verzehrt werden und sich nackte Menschen im Schlamm suhlen. Noch schön roh, ist der Film in seiner sprunghaft inszenierten Direktheit surrealistischen Klassiker nicht unverwandt. Er wirkt wie das erste Aufblättern eines motivischen Vokabulars, das Jodorowsky im Folgenden verfeinern und ausbuchstabieren sollte.

Der mexikanische Acid-Western El Topo (1970) sucht bereits die mythische Größe von Joseph Campbells Der Heros in den tausend Gestalten: Ein Revolvermann (Jodorowsky) zieht mit seinem nackten Sohn durch eine bizarre Wüstenlandschaft, kommt nach diversen Scharmützeln um und wird von einer Gruppe unterirdisch lebender Subalterner erst zum Leben erweckt und dann zum Messias ernannt. Eine atemberaubende Ausstattungsschlacht ist schließlich der episodische, zwischen Pop-Art, Pasolini und LSD-Fantastik changierende, so kunterbunte wie obszöne Heilige Berg (1973), Jodorowskys Meisterwerk, das mit spielfreudiger Fantasie eine archaische Erlösungsgeschichte ins Bild setzt, nur um sich am Ende mit souveränem Augenzwinkern jedem aufgebauten Pathos in Richtung Treppenwitz zu entziehen.

Mit galligem Humor und dekadenter Fantasie erzählen die Filme Alejandro Jodorowsky nicht zuletzt von den saftigen Potenzialen, die bis heute in der Bildermaschine Kino unter dem Kleinklein sortierter Formate schlummern.

Die Filme von Alejandro Jodorowsky DVD/Blu-Ray, Bildstörung, ca. 60 € bildstoerung.tv

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Geschrieben von

Thomas Groh

lebt in Berlin und schreibt über Filme.

Thomas Groh

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