Wiederentdecktes Wunder

DVD Antonio Pietrangelis lange gesuchter Film "Ich habe sie gut gekannt", der wirkt, als hätte sich Michelangelo Antonioni an Erdbeersekt berauscht, liegt nun auf DVD vor
Thomas Groh | Ausgabe 30/2013
Wiederentdecktes Wunder

Illustration: Otto

Erst ist sie Friseurin, dann Platzanweiserin im Kino. Doch eigentlich will sie ein Star werden: Adriana (Stefania Sandrelli), ein Mädchen vom Lande in der großen Stadt, das rehäugige Blicke in die oberflächlich amüsierte und doch abgründige Welt des italienischen Jetsets der Sechziger wirft. Um sie herum: Männer jeden Alters, die sie umgarnen, bestricken, über sie verfügen, Geld mit ihr und ihren Träumen machen oder wenigstens im Bett mit ihr landen wollen. Einige wenige blicken ähnlich rehäugig auf sie: Da ist ein glückloser Boxer von melancholischem Gemüt (Mario Adorf in einer tollen Kürzest- Nebenrolle), der nicht fassen kann, von diesem Wesen nachts auf der Straße geküsst worden zu sein. Und da ist ein Automechaniker mit einem Kätzchen und unendlich traurigen Augen (Franco Nero). Beides Figuren wie aus einem anderen, märchenhafteren Film, die in dieser Welt aus Bussibussi, Schlager, wichtiger Geschäftigkeit und Champagner-Chic wie Fremdkörper wirken.

Wenn Adriana im Glitzerkleid mit ihrem Goggomobil in den Morgenstunden über die wie leer gefegten Boulevards of Broken Dreams in Rom fährt, klirrt das zwar unterschwellig, doch umso schmerzhafter; ganz ähnlich wie schon die erste, lange Einstellung des Films: Da tastet die Kamera suchend den Strand ab, kriegt Adriana in den Blick, wie sie sich bäuchlings in der Sonne aalt, wird beim Hintern etwas langsamer und fährt ihren nackten Rücken ab (kurios: in der deutschen Fassung präsentiert sie sich andersherum, mit Muscheln auf den Brüsten). Glamourös ist das trotz Sixties-Chic mit geschwungener Sonnenbrille und Transistorradio nicht: Am Strand liegt allerlei Müll, da wirkt auch Adriana schon vom Meer so ausgespuckt, wie der Stars-und-Sternchen-Betrieb sie zum Ende hin ausgespuckt haben wird.

Doch ein trister Film ist Antonio Pietrangelis lange gesuchter, endlich in einer sorgfältig edierten DVD vorliegender Film Ich habe sie gut gekannt gerade nicht. Er gestattet sich, die Leichtigkeit und Unbeschwertheit, mit der Adriana von einem Kerl zum nächsten tändelt, der ihr Zutritt zu den heiligen Hallen von Cinecittà verspricht, auf sich selbst anzuwenden: Da ist der Fluff und Glitzer des Business genauso wie der von Schlagerbeats aus dem Plastik-Plattenspieler gestützte Pop-Style der frühen Nouvelle Vague, überhaupt des frühen europäischen Autorenfilms, bevor dieser in die Klausur der eigenen Nische abwanderte. Die Mädchenträume und deren utopisches Potenzial – gut aussehen, wenig arbeiten, Spaß ein ganzes Leben lang – nimmt dieser Film aufs Schönste ernst. Und wenn Adriana gellend auflacht, lacht man gerne mit.

Auch mit seinen konstituierenden Parametern geht der Film leicht und sorglos um: Der Erzählfluss ist perforiert, zwischen neuen Jobs und neuen Männern liegt oft nur ein schneller, harter Schnitt. Alles ist Episode, und an den Rändern der Flokatiwelt erzählt sich die Geschichte eines herzzerreißenden Absturzes en passant mit.

Dass der Film nahe Verwandte ausgerechnet im deutschen Kino hat, überrascht zudem: Man erinnert sich beim Schauen gelegentlich an Will Trempers tollen Berlin-Film Playgirl von 1966 oder an Klaus Lemkes schmerzhaft schönen Fotomodell-Film Sylvie (1973), auch und gerade dort, wo sich Unterschiede auftun. Wo Adriana naiv in ihr Unglück tapst, ist Sylvie acht Jahre später souveräner Medienprofi. Ich habe sie gut gekannt, dieser Film, der so wirkt, als hätte Michelangelo Antonioni sich am Erdbeersekt berauscht, ist ein kleines Wunder in Schwarz-Weiß.

Ich habe sie gut gekannt (Italien 1965) von Antonio Pietrangeli. Deutsch und Italienisch, 2 DVDs, 16 €

06:00 08.08.2013
Geschrieben von

Thomas Groh

lebt in Berlin und schreibt über Filme.
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Thomas Groh

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