Corona und die Fehler im System

Epidemie Über soziale Ungleichheit und das Bedürfnis nach Fürsorge. Nicht nur Partnerportale verzeichnen steigende Umsätze.
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Wir alle sind von der Covid-19-Pandemie betroffen. Doch bedeutet dies, dass wir alle gleich sind? Leider hat die Seuche nicht dazu beigetragen, die Gräben in unserer Gesellschaft zu beseitigen. Im Gegenteil: Uns wird tagtäglich vor Augen geführt, wie stark bestehende Privilegien unsere Kultur mitbestimmen. An die Stelle eines Traums von globaler Gerechtigkeit rückt eine Realität von Ungleichheit. Ist es fair, dass manche Menschen konstant einer Infektionsgefahr entgegentreten, während andere sich im Homeoffice einigeln können? Der Virus zeigt uns eines auf: Es ist notwendig, dass wir füreinander da sind und uns gegenseitig schützen.

Wer sich die Bilder von „Querdenker“ Demonstrationen anschaut, der könnte annehmen, es ginge dabei um ein fröhliches Beisammensein. Tatsächlich wirkt die Maskenverweigerung wie eine Befreiung und ein Schrei nach Nähe. Doch es ist nicht die Zeit, sich körperlich zu nähern. In einer Welt, in der ein tödlicher Virus unsere Luft vergiftet, wird physische Distanz zu einem wahrhaftigeren Zeichen von Fürsorge. Doch geht es den „Querdenkern“ nicht bloß um Nähe. Die Proteste sind auch Teil eines gemeinschaftlichen Theaterstücks. Die eigene Verwundbarkeit wird demonstrativ verdrängt – im Extremfall werden Paranoia und Verschwörungstheorie zur Rechtfertigung für Maskenverweigerer. Eine Dialogbereitschaft ist nicht mehr zu erkennen. Anstatt sich der Problemlage zu stellen, werden Problemlöser als Teil des Problems niedergebrüllt.

Solidarität – ein Konzept, dass dem Kapitalismus fremd ist

Dabei sind wir alle Menschen mit einem Bedürfnis nach Fürsorge, das zeigen die neuen Zahlen der Portale für eine Partnersuche. Dies ist eine Eigenschaft, die uns seit Geburt eint. Wir sind aber auch soziale Wesen, die miteinander verbunden sind. Wir können uns gegenseitig verletzen. Wenn wir uns anderen Menschen gegenüber unsolidarisch verhalten, dann streiten wir damit ab, dass unsere Körper prinzipiell gleich sind. Am Ende dieses Gedankens steht die Idee, dass das Individuum im Grunde autonom und eigenverantwortlich agiert. Donald Trump verkörpert diese Herangehensweise an den Körper. Selbst nachdem er mit dem Coronavirus infiziert wurde, gab er sich als unverwundbarer Held; als Sieger in einer neoliberalen Wettbewerbskultur.

Dabei zeigt uns gerade die Pandemie, dass Selbstbestimmung sich in solidarischem Handeln zeigen sollte. Stattdessen folgt die soziale Organisation weiterhin einer diskriminierenden Verwertungslogik. Jene Menschen, die unser Leben konkret ermöglichen und Fürsorge leisten wie etwa Pfleger oder Arbeiter im Einzelhandel, werden ausgebeutet und einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt. Im Kapitalismus haben sich diese Körper der Arbeit unterzuordnen. Auch wenn dies bedeutet, dass sie schwächer und erschöpfter werden.

Über die Ungerechtigkeit des Lockdown light

Wenn wir uns die Regeln des „Lockdown light“ anschauen, so fällt auf, dass unser Privatleben reguliert wird, um ein „Weiter so!“ In der Arbeitswelt zu ermöglichen. Unabhängig davon, ob eine solche Strategie griffig ist, zeigt sich in jedem Fall, dass in unserer Kultur Körper stets auf ihre Arbeitsleistung reduziert werden. Die Frage ist: Wie viele Tote darf es geben, um die Maschine am Laufen zu halten? So wird in den USA etwa gefordert, dass alte Menschen weiterhin zur Arbeit gehen, um die Wirtschaft zu erhalten. Ein solches Gedankengut zeugt davon, wie sehr das „Recht des stärkeren“ die Idee von einem Recht auf körperliche Unversehrtheit zunichtemacht.

Die prekäre Lage von Geflüchteten setzt sich trotz Covid-19 weiter fort. Die EU spricht diesen Menschen jegliche Schutzwürdigkeit ab und lässt sie alleine. Soziale Unterschiede dürfen niemals zu einer Ungleichmachung menschlicher Körper führen. Politisches Handeln muss gerade in unserer heutigen Krise von Solidarität geleitet werden, den das Virus führt uns vor Augen, welche schrecklichen Auswirkung die Verweigerung von Fürsorge wirklich hat.

23:35 09.12.2020
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Geschrieben von

Thomas S. Haverkamp

Wieder wohnhaft im verträumten Obertraubling habe ich dieses Jahr mein Studium in Politikwissenschaften abgeschlossen.
Thomas S. Haverkamp

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